Buch: Stephan Harbort – Blut schweigt niemals


Manche Spuren führen ins Leere, manche konnten nicht ausgewertet, weil es zum Tatzeitpunkt noch keine entsprechenden Methoden gab. So warten Opfer und Angehörige Jahrzehnte lang auf Gerechtigkeit und Gewissheit, was geschah und warum.

Cold Cases haben vor allem durch die gleichnamige TV-Serie das Interesse einer breiten Masse geweckt. Was dort noch fiktiv war, ist oftmals Realität. Zwar ist die Aufklärungsquote in Deutschland sehr hoch, doch immer wieder gibt es Fälle, bei denen die Ermittler im Dunkeln tappen und irgendwann die Ermittlungen einstellen müssen. Manchmal hilft der Zufall, manchmal werden alte Fälle nach Jahren wieder betrachtet, um Spuren mit neueren Methoden zu untersuchen oder neue Ermittlungsansätze zu finden.

Der deutsche Kriminalist Stephan Harbort hat sich in seinem aktuellen Buch einige dieser Cold Cases herausgegriffen und beschreibt, wie die Ermittler nach teilweise Jahrzehnten doch noch zu Geständnissen und zur Überführung der Täter beitragen konnten.

Die einzelnen Fälle sind gut beschrieben. Harbort beginnt mit der Tat, beschreibt die Umstände, die damaligen Ermittlungen und wie schließlich der Fall als ungeklärt abgelegt werden musste. Dabei verwendet er einige Fachbegriffe, die er allesamt für den Laien verständlich übersetzt und erklärt. Der Schreibstil ist flüssig, was am fehlenden Fachchinesisch liegt und daran, dass der Autor eine streng sachliche Beschreibung ablehnt. Empathisch werden sowohl das Leben der Opfer als auch die Situation der Angehörigen, die sich mal als Täter entpuppen, mal auf Gewissheit hoffen. Dabei wird Harbort aber nicht weinerlich oder zu parteiisch. Auch die Hintergründe aus Tätersicht, sofern sie der Öffentlichkeit zugänglich sind, werden erläutert. Spielen Kindheitstraumata, Suchterkrankungen oder psychische Störungen eine Rolle, erfährt das der Leser. Der Einblick in die Ermittlungen, die teilweise in den 1980er Jahren stattgefunden haben oder auch in Ostdeutschland, wo es vor und kurz nach der Wende noch andere Ermittlungsmethoden gab, ist auch historisch betrachtet interessant. So kann man Vernetzung und wissenschaftlichen Vorschritt durch die Wiederaufnahme der Ermittlungen in den 2000ern deutlich sehen. Was damals nicht möglich war, ist heute an der Tagesordnung und erleichtert die Auswertung von Spuren und die Feststellung der Täter.

Das aktuelle Buch des Kriminalisten behandelt reale Fälle, daher muss man sich selbst gut einschätzen können, ob man mit den beschriebenen Dingen klar kommt. Andererseits hat man über die Taten in der Zeitung lesen können, daher ist nicht alles fremd. Wieder ist es ein sehr gelungenes Werk, das sich schnell liest, aber auch einen bitteren Nachgeschmack zurücklässt und manchmal fragt man sich selbst, wie gerecht man die Urteile findet. Aber es bleibt auch ein gutes Gefühl zurück, dass kein Opfer vergessen und die Ermittlungsakte irgendwo vergessen wird, denn Blut schweigt niemals.

5/5

Stephan Harbort – Blut schweigt niemals
Droemer TB, 2020
288 Seiten
Taschenbuch: 9,99 €

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