The Story behind … McChurch Soundroom – Delusion


Unsere Geschichte spielt diesmal in der Schweiz, als Anfang der Fünfziger Jahre ein paar Jungs zur Welt kamen, die später mit einer Schallplatte in Sammlerkreisen für Furore sorgen würden. Es war 1966 als der dreizehnjährige Heiner Althaus seine Eltern endlich davon überzeugen konnte, dass er für die Musik wie geschaffen sei. Als Geschenk erhielt er von ihnen eine Wandergitarre, auf der Althaus in jeder freien Minute übte. Nach einem Jahr fand der mittlerweile als Laboranten-Lehrling arbeitende Jüngling, „dass das Ding nichts mehr her gab“ und „bengelte das Teil in die Ecke“. Bengeln war der örtliche Ausdruck für schmeißen. Zur gleichen Zeit, also 1967, kaufte sich der fünfzehnjährige, italienisch-stämmige Sandro Chiesa, von seinen Freunden Sandy genannt, ein Schlagzeug und qualifizierte sich in den folgenden Jahren durch verbissenes Üben als Musiker.

Die Jahre 66/67 waren wegweisend für die Musik weltweit. Die Beatles, die Rolling Stones, The Kinks, die Yardbirds, die Cream brachten neben vielen anderen Beatbands ihre ersten Platten heraus oder waren auf dem Höhepunkt ihrer Musik. Wegweisende Schallplatten fanden den Weg in die Plattenläden, als sich der junge schlaksige Kurt Hafen, für sein Alter erst relativ spät, für Musik im Allgemeinen zu interessieren begann. Neue Bands sprossen zu der Zeit überall aus dem Boden und Kurt Hafen spielte mit seiner Gitarre in mehreren Bands, wo es ihm aber laut eigener Aussage nirgends so richtig gefallen hat. Mittlerweile, 1969, fand Sandy Chiesa Spaß daran, immer wieder neue Gruppen zu gründen. Nach den Moving Tears hob er die Formation Come up the Fields Father aus der Taufe, zu der nach einigen Monaten auch Heiner Althaus an der Gitarre und Alan C. Veltlin an der Orgel stießen. Die musikalischen Vorbilder waren Ten Years After, die Gruppe um den Gitarristen Alvin Lee, die gerade in Woodstock gespielt hatten. Der Abiturient Veltlin begann zu der Zeit auch ein Klavierstudium. Seine musikalischen Vorbilder waren die Edgar Winter Group, Blood, Sweat & Tears oder Chicago, also leicht angejazzter rockiger Sound mit Bläsern. Die Gruppe mit dem seltsamen Namen Come up the Fields Father hielt aber auch nur ein knappes halbes Jahr, was aber Chiesa nicht davon abhielt, weiter nach Musikern für die Umsetzung seiner musikalischen Ideen zu suchen.

Das Jahr 1970 begann mit einem Paukenschlag, als sich die Beatles im Januar mit einem letzten Konzert auf dem Dach des Apple-Gebäudes in der Saville Row von der Bildfläche verabschiedeten und sich trennten. Unsere Schweizer Jungs mühten sich weiterhin ab, um musikalisch Fuß zu fassen. Während eines sommerlichen Ferienaufenthaltes in Spanien lernte Kurt Hafen Sandy Chiesa kennen, der für seine neuste Formation einen Bassisten suchte. Chiesa wollte schweren, düsteren Hard-Rock im Stile von Black Sabbath machen. Althaus gefiel die Idee und sagte Chiesa zu, in seiner Band mitzuspielen.

Am 15. September 1970 wurde die neue Gruppe offiziell gegründet. Chiesa, der Flöte und Gitarre spielte, übernahm den Gesang, Kurt Althaus spielte Gitarre, Hafen wie schon erwähnt den Bass. Jetzt taucht auch das erste Mal der Name Norbert Jud auf. Jud wuchs als Sohn eines Sattler-Tapezierer-Meisters im beschaulichen Städtchen Pratteln, einige Kilometer entfernt von Basel, auf. Hier besuchte er die Primär- und später die Realschule. Seine Lehrer wollten ihn zum Eintritt ins Lehrerseminar motivieren, weil sie ihm rieten, eine Karriere als Oberstufenlehrer zu verfolgen, aber Jud wollte etwas Handwerkliches machen. Er wolle am Ende eines Tages sehen können, was er mit seinen eigenen Händen erschaffen habe. Gleichzeitig erlernte Norbert Jud auch das Schlagzeugspiel und so kam er mit in die neue Gruppe um Chiesa. Die Gemeinde Pratteln stellte den Jugendlichen ein altes Pumpwerk an der Bahnlinie Basel-Rheinfelden zur Verfügung, wo sich die Musiker nach Belieben austoben konnten. Als Bezeichnung für den Übungsraum wurde der Name „Soundstübchen“ ausgerufen. Mittlerweile, Ende Dezember 1970 stieß auch Organist Alain C. Veltlin, der Chiesa ja schon zu Zeiten von Come up the Fields Father kannte, zu der Truppe und machte das Quintett komplett. Jetzt musste nur noch ein passender Name her. Der Name Chiesa bedeutet im Italienischen Kirche, auf englisch also Church. Er war der Bandleader, schrieb sich ein Mc vor die englische Bedeutung und schon war der erste Teil des Namens parat – McChurch. Sein „Soundstübchen“ lautete im Englischen Soundroom und da war auch der zweite Teil da. McChurch’s Soundroom. Anfangs noch mit Apostroph geschrieben der dann später weggelassen wurde.

Heiner Althaus hatte sich ja, wie auch alle anderen Musiker der Gruppe in zig Schweizer Bands seine ersten Sporen verdient, aber jetzt war er laut eigener Aussage „bei der miesesten Band im gesamten Planetensystem, McChurch’s Soundroom gestrandet“. Die Band spielte ihr Repertoire ein, und es gelang ihnen einen Plattenvertrag mit dem Plattenlabel Pilz zu ergattern und so fanden sie sich am 3. und 4. Juni 1971 in den Star-Studios in Hamburg ein, um eine Platte aufzunehmen. Produziert wurde diese von Jürgen Schmeisser, der für die BASF/Pilz Labels einige Bands entdeckte und sie produzierte (Ardo Dombec, Dies Irae, Elga, Virus, Blackwater Park). An den Reglern saß Großmeister Conny Plank. Textlich unterstützt wurden McChurch Soundroom vom Singer und Songwriter Marcel Schaar, der gerade für sein Marcel Projekt dessen einzige LP am Aufnehmen war. Die Aufnahmesessions müssen etwas ausgeufert und lauter gewesen sein, steht doch im Innenteil des Klappcovers folgender Satz: „The hamburg police appears during the session by kindly arrangement of enthusiastic neighbours“.

Der Sound ist deutlich von den damals angesagten englischen Bands wie Black Sabbath und U.F.O. beeinflusst, das Flötenspiel erinnert etwas an Jethro Tull in der Anfangsphase. Das Klappcover wurde vom Photografen und Visual Arts Künstler Holger Matthies entworfen, der für die Deutsche Grammophon, Polydor, Philips einige bekannte Plattencover designed hat. Es zeigt einen Totenschädel auf schwarzem Grund, der über und über von herabtropfenden Wachs bedeckt ist, die Coverrückseite zeigt diesen Schädel, ohne Wachs, in einem Vogelnest liegend. Auf beiden Seiten noch der verschwommene Schriftzug „Delusion“, vorn drauf noch kleiner der Name und die Plattennummer, mehr ist nicht. Veröffentlicht wurde die Platte auf dem Pilz Label, dem Progressivelabel der BASF, mit der Nummer 20 21103-7 in einem Klappcover.

Los geht’s mit dem Titeltrack „Delusion“, der zu Beginn ruhige, psychedelische Folkstrukturen aufzeigt. Akustische Gitarre und Flötentriolen bestimmen den Part. Nach gut einer Minute wandelt sich der Sound zu einem bluesigen Boogie-Rhythmus, der wiederum durch einen etwas ruhigeren Part abgelöst wird. Die etwas heisere Stimme von Chiesa steht da schön im Vordergrund. Im letzten Drittel kommt ein Instrumentalpart zum Zuge, in dem die elektrische Gitarre einen Solopart übernimmt. Die letzte Minute wird wieder von einem ruhigen Teil wie anfangs bestritten. Der zweite Song, „Dream of a Drummer“ legt ganz schön los. Es wird fetzig in einem galoppierendem Rhythmus dahingejammt, ehe nach gut drei Minuten Norbert Jud seinen Solo-Part an den Drums bekommt. Das groovende Drumsolo mäandert nach weiteren drei Minuten wieder zurück in den Jam-Teil, der aber durchbrochen wird von klaren Bassläufen und kleinen Soloparts an der E-Gitarre. Der Schlussteil wird wieder im fetzigen Anfangsrhythmus bestritten. „Dream of a Drummer“ ist komplett instrumental gehalten. Der dritte Track, „Time is flying“ beginnt mit einem Schlagzeug-Intro, welches nach kurzem von bluesigen Gitarrenklängen und einer schweren Orgel durchsetzt wird. Astreiner progressiver Krautrock aus dem Land der Eidgenossen wird hier geboten. Der Bluesrocksound wird schön getragen von der Stimme Chiesas. „What are you doing“ wird eröffnet von Kirchenorgel-artigen Strukturen, die in einen ruhigen Hardrockteil im Stile der langsamen Black Sabbath Lieder übergehen . Soloparts mit prägnanter Flöte und E-Gitarre wechseln schön ab. Chiesa zieht die Wörter hier etwas in die Länge, was gut dazu passt. „Trouble – Part 1“ würde auch gut auf ein altes Jethro Tull Album passen. Sehr prägnant als Leadinstrument eingesetzt hier die Flöte. Der Song groovt instrumental schön dahin, geht nach fünfeinhalb Minuten nahtlos in den letzten Song „Trouble – Part 2“ über, der das groovende Feeling gut fortsetzt. 

Leicht swingend kommt die elektrische Gitarre zu ihrem Einsatz, die jazzige Grooves ertönen lässt. Die Orgel setzt die Jazz-Grooves fort. Zu guter Letzt darf auch die Flöte wieder ihren Teil beisteuern und beschließt ein einfaches, aber auch durchaus gutes Album.

Wie lange es McChurch Soundroom gegeben hat und wann sie sich aufgelöst hatten, darüber sind keinerlei Informationen zu finden. Erste Spuren der Musiker danach finden sich von Norbert Jud, der bei der Basler Band Race trommelte, mit der er auf dem 1975er Sampler Pop – Made in Switzerland mit zwei Songs vertreten ist. Anschließend war er bei der Formation Monroe tätig, mit denen er 1978 eine LP aufnahm, die nur in Deutschland erschienen ist. Hier traf er auch auf Bo Katzman, mit dem er in der Folgezeit einige Projekte verwirklichen konnte. Norbert Jud gab die Musikerkarriere zu Gunsten seiner handwerklichen Ausbildung größenteils auf und gründete um 1980 herum in Olten eine Firma, die sich mit Inneneinrichtung und Architektur beschäftigt. In der ist er heute noch tätig. Ab und an jammt er laut eigener Aussage aber noch mit Freunden zum Spaß.

Über Sandro Chiesa weiß man, dass er 1978 in die ein Jahr zuvor gegründete Band The Zodiacs aus Basel eintrat, mit denen er bis in die 90er Jahre aktiv war. Er war auf einem Album von Bo Katzman and the Soul Cats und auf der einzigen CD der Schweizer Rock-Band Ackerdiesel zu hören. Ferner spielte er mit der Schweizer Pop-Band Shilf bis 1999. Chiesa emigrierte nach Italien und startete in der Toskana mit einem eigenem  Agriturismo-Betrieb in ein neues Leben.

Gitarrist Heiner Althaus konzentrierte sich in den Jahren nach McChurch Soundroom auf das Saxofon. Nachdem er an der Swiss Jazz School sein Diplom erhalten hatte, trat er in das Free-Jazz-Sextett Magog ein. Nach dessen Auflösung 1978 blieb er mit seinen Magog-Kollegen Hans Kennel und Paul Haag in der Formation Jazz Community. Gleichzeitig brachte er mit dem Swiss Jazz Qintet einige Alben heraus. Er war zusammen mit Sascha Schönhaus Co-Leader der Oriental-Jazz-Band Althaus-Schönhaus Express. Gegen Ende der 90er konzentrierte er sich mit dem New Jazz Trio und dem Gypsy-Jazz-Trio Belleville wieder stärker auf die Gitarre und den Zigeuner-Jazz.

Von Kurt Hafner weiß man nur, dass er anschließend beim Trio Infernal, einer Schweizer Jazzformation, den Bass zupfte und mit dem Trio 1975 die LP Zwischenspiel herausbrachte. Mit diesem Trio spielten Hafen und sein Begleiter Markus Stauss bis Mitte der 80er Jahre, auch in der Formation Whitchcraft. Über den Verbleib von Alan C. Veltlin ist nicht viel bekannt. Es gibt aber einen Schweizer Pianisten namens Alain Veltin, der identisch mit unserem Veltlin sein soll und der auf einigen Schweizer Produktionen zu hören ist.

Die einzige Veröffentlichung der Gruppe McChurch Soundroom ist vom musikalischen Spektrum gesehen nicht allzu spannend und wegweisend. In Sammlerkreisen gilt die Platte Delusion als Kult und ist äußerst gesucht. Die extrem prägnante Covergestaltung trägt ihren Teil dazu bei, den Kultstatus zu erhöhen. Exemplare im Top Zustand erzielen teilweise Preise bis zu 1500 Euro. Das Münchner Label Ohrwaschl Records bringt seit den 90er Jahren regelmäßig Nachpressungen der Original LP als CD und LP Neuauflagen heraus.

Mc Church Soundroom – Delusion
1971  –  Pilz  –  20 21103-7

Tracklisting:
A1 – Delusion
A2 – Dream of a Drummer
A3 – Time is flying
B1 – What are you doing?
B2 – Trouble – Part 1
B3 – Trouble – Part 2

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