CD: Der W – Operation Transformation – Zwo Acht – 2020


Irgendwie war es still, nicht nur 2020, sondern bereits davor. Seit 2016 hat Der W geschwiegen, ab und zu kurze Lebenszeichen auf den Social Media Kanälen, man würde schon wieder etwas machen, aber es brauche eben Zeit – Zeit ist allerdings etwas, was Fans nicht mitbringen, denn Geduld hat man nicht mit seinem Lieblingskünstler, da muss etwas kommen, quasi permanent. Mit der Band Böhse Onkelz gab es zwar immerhin 2016 und 2020 ein Studioalbum, aber so richtig zufriedenstellen konnte man damit niemanden. Das war dann auch Corona geschuldet, denn die Tour musste ja auch verschoben werden. Und überhaupt: Der W ist eben nur soweit Onkelz, als dass Stephan Weidner die Texte schreibt, aber nicht mal die sind einheitlich. 2020 wurde dann gemunkelt, Neues vom Soloprojekt stünde auf dem Programm, aber 2020 hat ja in vielerlei Hinsicht enttäuscht, also machte Der W einfach mal mit und veröffentlichte … nichts. Seien wir ehrlich, Weidner ist nicht doof und hat sich auch dabei was gedacht. 2021 startet jedenfalls für die Fans großartig mit der Ankündigung eines 40 Tracks starken Silberlings und einer großen Social Media Offensive, die erstaunlich persönlich ist. Bevor jetzt wieder die Rufe kommen, Weidner wird alt, der war ja in den 1980ern ganz anders und überhaupt, wo bleiben die neuen Songs und die verbalisierte Abneigung gegen die Hater – wir alle werden älter und auch ein bisschen weiser, manches ändert sich, man geht anders damit um. Das ist auch gut so. Aber was hat Der W denn nun eigentlich gemacht?

Operation Transformation heißt die Doppelscheibe, die mit 40 Songs vollgepackt ist. Knapp 13 Jahre musikalische Reise und Seelendruck sind eingetütet in 19 bekannte Weidnersongs, zehn B-Seiten, fünf Livemitschnitte aus Hamburg sowie fünf Demos. Ein ganz schöner Brocken, den der Vollblutmusiker uns da vorsetzt – dabei ist es gut, dass die Platte genau jetzt erscheint, einen Abschied markiert, einen Neubeginn, eine Reflexion, die man so nicht bei unbedingt vielen Musikern vorfindet. Gleichzeitig kann sich der Hörer aber auch selbst hinterfragen – und da ich auch Hörende bin und 2017 den Weidner „seziert“ habe, tut es gut, sich die Songs noch mal anzuhören und zu sehen, ob man sie mittlerweile anders empfindet.

Der erste Song ist die erste Single des Soloprojekts. „Geschichtenhasser“. Obwohl es nichts damit zu tun hatte und Weidner nun mal nicht der ungebildete, dumme Nazi-Arsch ist, hat man ihn sofort wieder in die Ecke gestellt. NS-Zeit-Verharmloser hieß es damals und solange wir in einer Gesellschaft leben, die nicht willens ist, sich zu informieren und sich selbst eine Meinung zu bilden, wird sich das auch nicht mehr ändern. Trotzdem hat es der dazugehörige Clip auf MTV geschafft – nun darf man fragen, für wen das schlimmer war: Für die MTV-Fangemeinde, die Onkelz-Fans oder Stephan Weidner selbst, der nach eigenen Angaben dezent ausgerastet ist, heute aber die Leistung des Promoters anerkennt. Wir erinnern uns kurz an das Jahr 2002, in dem er in München auf dem Marienplatz eine Demo gegen den Musiksender inszeniert hatte, Fernseher auf den Platz kippen ließ und den Song „Keine Amnestie für MTV“ promotete. Der Song ist trotzdem gut, auch nach all den Jahren. Als ich ihn erstmalig gehört habe, war er mir ein bisschen zu brav und abgedroschen. 2021 finde ich die Zeile „Alles, was ich sage, hilft dir nicht einzuschlafen“ (absichtlich mit fehlendem Komma!) und auch den Rest der Lyrics wie eine Zusammenfassung des vergangenen Jahres, mit etwas verhaltener Wut, weil es ja auch nichts bringt, loszubrüllen. Es folgt „Mehr!“ und damit ein Song vom letzten Album, der den Weidner beschreibt. Da gibt es nicht viel zu sagen, wer den Musiker kennt, weiß, dass er schon immer ein bisschen anders war, andere Erwartungen an das Leben hatte und an sich selbst, das wird sich auch nie ändern. „Machsmaulauf“, den Song habe ich vor vier Jahren zwar als Ohrwurm bezeichnet, bin ihm damit aber eigentlich nicht ganz gerecht geworden. Legt die Scheibe mal in den Player, klickt auf Nummer Drei und – ja, es fehlt einiges und man erkennt den Schlagzeuger vielleicht nicht, aber man erkennt die Hookline sofort – und wie geil ist es denn bitte, mit Mikkey Dee eine Nummer einzuspielen? Den Rest einfach anhören und mit einem Jacky auf Lemmy anstoßen. Während ich vor allem im Anfang eindeutig Motörhead wiedererkenne, bremst mich LJ ziemlich ein und sieht den Vergleich weniger deutlich. Ist halt Rock’n’Roll, meint er dazu.

Mittlerweile weiß man ja, dass Stephan und Kevin wieder miteinander reden. Beim Debütalbum von Der W schien das allerdings undenkbar. Eigentlich war immer ziemlich deutlich, an wen „Mein bester Feind“ gerichtet ist, ich hatte bisher aber nie die finale Zustimmung vom Verfasser irgendwo gelesen, dass der Song wirklich Richtung Russell adressiert war. Umso schöner, dass die Nummer zwar in dieser Hinsicht Geschichte ist, jedoch für jeden immer noch sehr viel Wahres birgt, oder um es mit Stephans Worten auszudrücken: „Nur der, den du ganz nah an dich ran gelassen hast, kann dich so stark enttäuschen.“ – Dem setze ich ein weiteres Zitat entgegen: „Nichts ist für die Ewigkeit“.

Als ich den Song das erste Mal gehört habe, ist mir dieser Aphorismus lange im Ohr geblieben: „Der Frosch im Teich weiß nichts vom Meer“. Was hat sich geändert zwischen dem ersten Mal Hören von „Neuland (Erinnerung ist Sperrgepäck)“ und dem Heute? Knappe fünf Jahre sind seit der Erstveröffentlichung vergangen, da kann einiges passiert sein und das sollte sich jeder Der W-Fan mal selbst fragen. Ist alles gleich geblieben oder hat man sich doch aufgerafft, Neues erkundet, sich selbst weiterentwickelt?

„Ein Lied für meinen Sohn“. Was soll ich sagen? Ich zitiere mich selbst: „Es ist die unerschütterliche Liebe eines Vaters zu seinem Sohn und alleine aus diesen Takten kann man förmlich spüren, dass der W in jede Hölle hinabsteigen würde, um seinen Sohn (und sicherlich auch seine Tochter, die es damals noch nicht gab) zu beschützen.“ Dass dieser Song auf der Scheibe gelandet ist, war die absolut richtige Entscheidung. D-A-D-Gitarrist Jacob Binzer spielt hier übrigens. „Stille Tage im Klischee“ hat 2017 nicht so gut bei mir abgeschnitten. Mich nervt die Wiederholung der Hintertür immer noch und ich höre auch nur auf diese Zeile und die macht mich ein bisschen wütend, weil ich da mittlerweile an bestimmte Personen denke, die sich ab durch die Hintertür machen und … das wird dem Song nicht gerecht, aber es gibt ja auch den tollen Part ohne Gesang und der ist richtig gut. Übrigens: Die Thematik ist eigentlich eine sehr ernste, nämlich Alkoholismus und wenn man sich mal nur den Text unvoreingenommen anhört, dann kommt man auch drauf, dass das Lied gar nicht so schlecht ist und viel Wahres drinsteckt. „Angst“ war der siebte Track auf dem Schneller, Höher, Weidner-Album und er hat mich nicht gecatcht. Tut er immer noch nicht. Ich finde die Nummer schlicht langweilig und nichtssagend. Hier lohnt es sich aber, sich die Mühe zu machen und die Lyrics rauszukramen. Vielleicht ist man stark beeinflusst durch das Coronajahr, das mit uns allen etwas gemacht hat, vielleicht gebe ich dem Lied deswegen eine viel größere Chance, weil plötzlich so viele Menschen ihre Angst verbalisiert haben und das ebenso plötzlich vollkommen in Ordnung war.

„Kafkas Träume“ ist dabei. Muss sein, ein brillanter Song, ein eindrückliches Video. Ich liebe dieses Stück, weil es jeden anspricht und weil Weidner hier etwas in Worte fasst, woran die meisten scheitern. Es hat übrigens Jahre gedauert, bis der Song fertig war, aber das hat sich wirklich gelohnt. Kafka zu lesen, schadet auch immer noch nicht. „Lektion in Wermut“ hat ganz viel mit Demut zu tun, etwas, das Stephan Weidner erst lernen musste – und was viele noch lernen müssen. Nach wie vor eine starke und in meinen Augen immer noch sehr lebensbejahende Nummer. Demut ist, was Dich reich macht. „Sterne“ ist immer noch schnulzig, könnte immer noch eine Maffay-Nummer sein. Da hat sich meine Meinung nicht geändert. Anwandlungen von Pink Floyd und den Eagles. Wenn mich mein Schwarm unter eben jenen besungenen Sternen im Arm halten würde und wir tanzten und uns am Ende küssten, würde ich den Song vermutlich für immer lieben, aber das tut er halt nicht. Auch hier kommt das Aber: Ich finde „Sterne“ nicht mehr so schlimm wie vor vier Jahren, irgendwas daran berührt mich, probiert es mal aus., vielleicht zieht er bei euch mehr als bei mir. An „Keiner kann es besser“ kann ich mich so gar nicht erinnern. Bleibt irgendwie nicht im Kopf, aber die Botschaft ist stark. Wird trotzdem kein neuer Lieblingssong von mir, auch wenn Power drinnen ist, eine gewisse Härte, einige nette Soundeffekte. Ehrlich gesagt steckt viel drinnen, was mich normalerweise anziehen würde, aber hier funktioniert es nicht. Allerdings hat jedes Lied seinen richtigen Augenblick und der ist bei mir gerade nicht, aber wenn ich mal wieder etwas Bestätigung brauche, kommt es mal in den Player, ich glaube, dass packt mich die Energie.

Die Scheibe nimmt noch mehr Fahrt auf. „Mordballaden“ war die erste Singleauskopplung aus dem dritten Studioalbum. Rockig, gitarrenlastig, natürlich auch mit Botschaft. Böse, wie ich bin, spule ich mittlerweile gerne zu Minute 2:53, da singt er zwar nicht mehr, ich stehe auf solche instrumentalen Parts. Dabei bleibt es auch; schneller, rauer, der Aufbruch ist musikalisch zu hören und textlich wird es ganz deutlich: „Nein, nein, nein“ ist für mich immer noch ein Mutmachlied und Weidner sagt dazu: „Die Angst darf uns nicht lähmen.“ Word! So richtig in Aufbruchstimmung kommt man dann beim Gitarrensolo, gleich noch mal anhören, und noch mal…

„Justitia“ war schon immer eine starke Nummer, die erheblich mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. Sie lehnt sich an das Gedicht „Invictus“ von William Ernest Henley an und dieses hat nicht zuletzt Nelson Mandela geholfen, seine Gefangenschaft zu überstehen. Onkelz-Fans mögen hier nicht ganz zu Unrecht eine Parallele zu „Lieber stehend sterben“ wiederkennen. Wenn dieser Song gefehlt hätte, wäre Operation Transformation nicht vollständig, um nicht zu sagen, ein schlechter Witz. Seien wir ganz ehrlich: Der W ist ja nicht nur einfach Musik, ein paar schöne Liedchen, ein bisschen mitträllern, vielleicht noch ein Textchen, von dem man sich abgeholt fühl, fertig. Schon immer hat Stephan Weidner so etwas wie Literaturhinweise gegeben. Lest mal Hesse, schaut euch mal Henley an, Miller ist empfehlenswert, sogar die Bibel. Das findet man bei anderen Musikern mal in einem Song, aber nicht so durchgängig – und es lohnt sich immer wieder, wirklich mal das anzuschauen, was Weidner so verwendet, was er als Tipp mitgibt, was er selber liest oder gelesen hat. Das tut es übrigens auch dann, wenn man Stephan Weidner total doof und seine Musik total langweilig findet, denkt an den Frosch im Teich… „Urlaub mit Stalin“ ist ein Song über enttäuschte Liebe. Manchmal ist es eben einfach so. An sich finde ich ihn eher amüsant, auch wenn ich das, was Der W ausdrücken möchte, doch auch nachvollziehen kann. „Zwischen Traum und Paralyse“ treibt immer noch Tränen in die Augen, auch wenn die Gedanken mittlerweile andere sind. Der Song ist nach dem Tod von Weidners Freund Markus Löffel entstanden und passt auf so viele Tode. Danach bleibt man erstmal stumm zurück und so richtig mag es nicht passen, dass das schnelle, kraftvolle „Herz voll Stolz“ folgt. Ein krasser Bruch, der aber natürlich die depressive Stimmung aufhebt. Song Nummer 19: „Ich komm heim“. Rockballade vom Feinsten. 2017 habe ich mich interpretatorisch aus dem Fenster gelehnt. Könnte ja sowohl an die Liebste gerichtet sein, gleichermaßen aber auch an das eigene Ich, die Rückkehr zu sich selbst beschreibend. Damals schrieb ich: „Zuhause ist somit da, wo das wahre Ich ist, das frei sein kann.“ Stephan Weidner schreibt 2020 über das Lied: „Zuhause ist ein guter Ort, egal, wo er ist.“ Nach dem vergangenen Jahr fühlt es sich für mich an, als hätten wir – hoffentlich – erkannt, wo dieses Zuhause für uns ist.

Damit ist die erste CD vorbei. Der erste Teil ist abgeschlossen, es sind die wichtigsten Stücke aus zwölf Jahren Der W aufgeführt. Braucht man das? Nein, natürlich nicht, man braucht eigentlich nie ein Best of, oder vielleicht gerade doch. Bei manchen Bands reichen diese Best of-CDs, um alle wichtigen Songs zu Hause zu haben. Beim W ist das ein wenig anders. Wer solche Lyrics raushaut, der berührt jeden Hörer mit einem anderen Track. Klar, da fehlt natürlich der ein oder andere Liebling, man trifft nie den Geschmack von allen. Ein guter Querschnitt ist es aber dennoch geworden und für alle, die Der W noch nicht kennen, lohnt sich die Scheibe, um den Onkelz-Mastermind mal von einer anderen Seite kennenzulernen. Wie ist das mit denen, die jedes Soloalbum kennen? Überflüssig oder Must have? Eher ein Must think about. Um ehrlich zu sein, den Weidner habe ich momentan nicht in meiner Playlist, ich stehe ein bisschen woanders, hab mich gerade auf einen ganz anderen Sound eingeschossen, der rauf und runter läuft und alles andere als mega bekannt ist – aber dessen Hauptaugenmerk ebenfalls auf den Lyrics liegt, aber in einem ganz anderen Kontext. Stephan Weidner nun mal wieder zu hören, war erst seltsam. Die Gefahr war groß, dass er mich gerade einfach nicht abholt, schließlich sind knapp vier Jahre vergangen zwischen dem letzten intensiveren Hören und Operation Transformation. Was Neues bringt er ja auch nicht und ich bin nun mal niemand, der einfach irgendwas positiv rezensiert, wenn es ihn einfach nicht anspricht, nur weil man den Künstler lange Zeit gehört hat und mal mochte. Mag ich ihn denn 2021 immer noch? Nach meinen Lieblingskünstlern gefragt, hätte ich jetzt gerade nicht Weidner angeführt, aber ich habe auch nur drei All-Time-Favourites und der Rest ändert sich nach Stand im Leben. Aber dann lief das Album so durch, hart und zart, nachdenklich und aggressiv, liebend und anklagend – und ich hab meine alte Weidner-Sektion noch mal gelesen und mich gefragt: Wirken diese Songs denn genauso auf mich wie damals? Die meisten tun das nicht – und hier wird klar, warum das Album gar nicht so schlecht ist. Wenn man die Aussagen der Songtexte in den Vordergrund stellt – und das wird man immer bei Weidner-Texten -, wird man feststellen, dass man sich selbst verändert hat, älter, reifer, vielleicht auch weiser geworden ist, an einem anderen Punkt in seinem Leben steht und manches gar nicht mehr nachvollziehen kann oder besser versteht – oder überhaupt erst begreifen kann. Also rein in den Player, Ohren gespitzt und nachgedacht, in sich hineingehorcht, gefühlt und nicht nur Der W Revue passieren lassen, sondern auch die eigenen letzten Jahre.

Auf zu CD 2. Perfekter Start mit „Komm schon“, das man weniger kennt und im Rahmen des Toleranzprojekts entstanden ist. Leute, hört euch den Song an, lest euch den Text durch und kriegt euren verdammten Arsch hoch! Dieser Song ist aktueller denn je, gerade in einer Zeit, in der es umso mehr auf Toleranz und Aufeinanderzugehen ankommt. Macht ihn zu eurem Mantra, zu eurem Schlachtruf! „Lerne zu verzeihen, anstatt zu hassen […] und jeder Kampf übt ein bisschen Toleranz“. Mehr instrumentale Power hat das folgende „Leinen los“. Große Teile davon sollten mal auf das Abschiedsalbum Adios von den Böhsen Onkelz, haben es aber dann doch nicht geschafft. Was gar nicht so schade ist, denn dadurch ist es eine rockige Nummer für Der W geworden, die man gerne gleich noch mal abspielt. „Gewinnen kann jeder“ war mal eine total langsame, schummrige Nummer. Da hat man Luft geholt und sich gedacht: Scheiße, ja, so fühlt sich das an. 2021 gibt es eine schnellere Version, eine andere Phrasierung, kleine Teile davon erinnern mich an frühe Onkelz und ich liebe es. Player aufdrehen und einfach mal abtanzen. Gefällt mir besser als das Original und ist sehr gelungen. Übrigens: Die Nummer war mal für Nordend Antifa geschrieben worden und hat ganz viel mit Fußball zu tun – wenn man diesen kleinen Fakt außer Acht lässt, interpretiert man sie völlig anders. „Und wer hasst Dich?“ hat mir früher nicht gefallen, da war nur der Text nett. Heute finde ich es nicht mehr so nervig, entdecke hier und da musikalische Feinheiten, die mir vorher nicht aufgefallen waren. „Du kannst es“ hat Power gefehlt, war ich mal der Meinung, wieso das denn? Da kommt schon was rüber – außerdem schadet es nicht, wenn aus den Boxen ein aufmunterndes „Du kannst es“ ertönt, das hören wir viel zu selten. „Heiß“ kannte ich vorher nicht, holt mich aber gerade total ab und motiviert. „Wann, wenn nicht jetzt, nichts hindert uns am Leben!“ – übrigens auch kein Virus! Kommt auf die Playlist.

„Es scheint als sei“ klingt erstmal nach einer gar nicht so schweren Nummer, aber auch hier sind es wieder die Lyrics, die hängen bleiben – und denkt man da nicht sofort an Kevin? Mit Liebe geht es weiter: „An die, die wartet“, schnellere Nummer, aber mit ganz viel Herz – und garantiert die Nummer, die man nach der nächsten Trennung hört. Schön, immer wieder. „Fünf Minuten Ruhm“ ist immer noch der krasse Antisong zu den Awardshows – und traurigerweise auch der Song zu DSDS, GNTM und wie sie alle heißen. Wenn 20-Jährige bettelnd vor einer vierköpfigen Jury stehen, sich vor ganz Deutschland zum Affen machen und sagen: „Ich will doch nur fame sein, ich will in den Dschungel“, dann hat man gleich noch den Clip zum Song. Für fünf Minuten Ruhm tun manche alles und sind sich gar nicht bewusst, wie sehr und nachhaltig sie sich durch diese fünf Fernsehminuten schaden. „Bring mich heim“ ist immer noch eine gute Nummer, schwer, depressiv, schöner Bass drinnen. Einfach wirken lassen und vielleicht die Augen schließen und sich heimbringen lassen.

Schon ist der erste Teil von CD 2 rum. Jetzt folgen Liveversionen aus Hamburg aus dem Jahre 2016. Wenn man nicht dabei war, findet man das vielleicht nur halb so spannend. 2021, nach einem konzertlosen Jahr freut man sich vielleicht. Ehrlich gesagt finde ich die ersten drei Nummern recht trivial, aber „Der W zwo drei“ ist ja mal ohne Ende geil! Die Studioversion mag ich nicht, aber live zieht das Teil richtig mit, da schließt man die Augen und ist direkt im Konzert, mittendrin in der Menge und singt mit – und vielleicht kommt er ja bald mal wieder.

„Wusstet ihr, dass mehr Leute an Suizid sterben als an Autounfällen?“ Es wird still. Der Song ist nach dem Suizid eines Freundes entstanden. Cut. Gerade geht durch jede Zeitung, durch jedes Medium der Suizid der Boateng-Ex Kasia und der Song bekommt einen krassen realen Bezug, wenn man ihn sonst – glücklicherweise – nicht hatte. Es wird viel diskutiert, Schuldige gesucht, schnell hat man sie dieser Tage auch gefunden, aber das ist nur ein Teil von dem, was in Kasia und jedem anderen Suizidler vorgegangen sein muss. Im Song wird immer wieder gefragt: „Habt ihr mich da, wo ihr mich wolltet?“ Das kann man auf sehr vieles beziehen, auf die Hater, die Hasskommentare, auf die inneren Dämonen, die einen quälen. Es ist nach wie vor ein Tabuthema, es ist nach wie vor schwer, Hilfe zu finden, weil man still und diese Stille zu oft übersehen wird. Vor wenigen Wochen gab es eine Werbung des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege, die auf psychische Erkrankungen aufmerksam machen wollte. Darin heißt es: „Bitte stör mich. Und wenn mein Schweigen zu laut wird, dann hör mich.“ Das müssen wir dringend lernen. Obwohl ich den Song kenne, hat der Weidner mich mit Nummer 34 zum Weinen gebracht. Eine Woche vor Albumrelease gibt es dazu den Konzertmitschnitt auf YouTube. Kann man nicht viel sagen, muss man sehen, wirken lassen, erinnert an die Zeit, als es noch Konzerte gab und ganz viele Emotionen.

„Ode an den Raum“ gibt es als extended version, war so nicht geplant, aber wenn ein Gitarrist einfach weiterspielt und das so gut klingt, dann kann man nicht einfach stoppen – und die längere Version ist ein guter Abschluss für das bekannte Material.

Fünf Demos – und nicht mal die Hälfte hätte man ihm zugetraut. Alle Songs sind instrumental. „Seelenwachs“ wird als erster Versuch, auf Solopfaden zu wandeln, beschrieben. Wenn man die Onkelz kennt, mag eine Elektrofunknummer wie diese so gar nicht passen. Um ehrlich zu sein, man könnte mir hier diverse Musiker als Interpreten vorschlagen, den Weidner würde ich niemals damit in Verbindung bringen. Ich wüsste nicht mal, was das für ein Text sein müsste, der dazu passt, von mir aus kann das als Instrumentalstück auf’s nächste Album. „Song 23“ hatte mal etwas blöde Lyrics, die uns leider nicht verraten werden. Aber selbst wenn Erdbeerkuchen besungen werden würde, wäre die Nummer ein klasse Postpunk-Hit – und zack, man ist gedanklich irgendwo am Rumpogen mit Stachelfriese, zerrissenen Stoffhosen und einer Flasche Bier in der Hand. Daran schließt auch „Handball Wizard“ an. Ein bisschen The Who ist mit drinnen, aber im Grunde hat sich die Band einfach nur hingestellt und rumgejamt. Wie man das so macht. Sollten sie öfter machen – wir warten dann auf das Album. Das vorletzte Stück kann wirklich Aggressionen auslösen. Warum zum Henker hast Du das nie auf eine Platte gepresst und rausgebracht? Warum hast Du uns dieses Teil vorenthalten all die Jahre? Da möchte man dem Weidner links und rechts eine Ohrfeige geben, so schade ist das. Ein leichter Hauch von Motörhead, ein ganz starkes Brett, das einem hier bei „Mit ph“ um die Ohren fliegt. Übrigens die Nummer, die ich am öftesten gehört habe und für die alleine ich mir ein Album kaufen würde, sogar eine CD, wenn es kein Vinyl gäbe. Und noch mal: Warum hast Du uns das vorenthalten? Unverzeihlich, lieber Stephan! Letzter Song, ich lese nur den Namen und denke mir: Ach guck an, ein hebräischer Titel. Manchmal zahlt sich so ein Theologiestudium aus, und wenn es nur um die Sprachkenntnisse geht. „Ruach“ heißt übersetzt Geist. Ein kleiner Exkurs dazu. „Ruach“ kommt im Tanach, also der Hebräischen Bibel (etwa gleichzusetzen mit dem Alten Testament) 378 Mal vor und meistens in Bezug auf Wetterphänomene, nämlich in Bezug auf den Wind. Damit wird gerne ausgedrückt, dass das menschliche Handeln ein „Streben nach Wind“ (sh. Koh 1,17) ist, also recht nutzlos. Gleichzeitig wird an anderer Stelle Ruach mit dem Atem Gottes in Verbindung gebracht, kann aber auch für sein kriegerisches Handeln stehen. Nicht zuletzt ist es der Atem des Menschen, meist im Sinne einer zurückkehrenden Lebendigkeit. Um die Bedeutung wird gerne gestritten. Eben jener Geist oder Wind oder diese zurückkehrende Lebendigkeit ist es, die Weidner als Ankündigung für das kommende Album V verwendet – übrigens bereits seit 2019, womit wir wieder beim Thema Geduld wären. Herrliche Nummer, aus der man seinen Fender-Bass schwer heraushört. Wenn das der neue Der W ist, wie angekündigt, können wir uns alle auf eine mega Scheibe gefasst machen, die einige Überraschungen bereithält.

Operation Transformation. Zwölf Jahre Der W, das Titelbild ist mal schwer an Motörheads Snaggletooth angelehnt, fand ich erst total doof, musste aber dann doch zugeben, dass Der W mich dadurch gecatcht hatte, bevor ich die Scheibe überhaupt gehört habe. Also hat er hier alles richtig gemacht. Auf dem Cover kann man viele Feinheiten entdecken und auf sich wirken lassen, zwölf Jahre ziehen da auch noch mal an einem vorbei. Sehr auffällig ist auch der Aufkleber, der beschreibt, worum es geht. Dieser ist nämlich leicht beschädigt, als habe man versucht, ihn abzuknibbeln und dann aufgehört, weil der dämliche Kleber zu sehr klebt. In zwölf Jahren ist auch nicht alles heil geblieben und ohne Spuren vorbeigezogen. Schöne Metapher. Was bleibt, ist ein gutes Best-Of-Album für alle, die Der W noch nicht kennen oder einen guten Querschnitt haben möchten. Dass sich auch fünf Demos auf der Scheibe befinden, macht sie extrem begehrenswert, denn die haben es absolut in sich – und wenn die restlichen 35 Song totaler Müll wären, die Demos sind jeden Cent wert. Übrigens auch den Doppelkauf von CD und Vinyl – letzteres wurde erst später angekündigt, nachdem es zu einer heftigen Sonntagmorgendiskussion mit viel Kritik, Ironie und Vorwürfen gekommen war. Übrigens gibt Weidner ungewohnt tiefe Einblicke ins Songwriting bzw. in seine Gedanken dabei. Einfach mal auf Facebook vorbeischauen. Eigentlich hätte Operation Transformation eine 3 Sterne Bewertung verdient, so als brauchbares Best-Of-Album, das nichts falsch macht, aber die Demos reißen das Ding auf eine 4 hoch und sorgen für große Vorfreude auf das neue Studioalbum.

4/5

Der W – Operation Transformation – Zwo Acht – 2020
Label: W-Entertainment / Tonpool
VÖ: 26.02.2021
Doppel-CD: 20,99 €
4 LP Set: 39,90 €

Tracklist:
CD 1

Geschichtenhasser
Mehr!
MachsMaulAuf
Mein bester Feind
Neuland (Erinnerung ist Sperrgepäck)
Ein Lied für meinen Sohn
Stille Tage im Klischee
Angst
Kafkas Träume
Lektion in Wermut
Sterne
Keiner kann es besser als Du
Mordballaden
Nein, nein, nein
Justitia
Urlaub mit Stalin
Zwischen Traum und Paralyse
Herz voll Stolz
Ich komm heim

CD 2
Komm schon
Leinen los
Gewinnen kann jeder
Und wer hasst dich
Du kannst es
Heiß
Es scheint, als sei
An die, die wartet
Fünf Minuten Ruhm
Bring mich heim
Urlaub mit Stalin (live in Hamburg)
Mein bester Feind (live in Hamburg)
MachsMaulAuf (live in Hamburg)
Der W zwo drei (live in Hamburg)
In stürmischer See (live in Hamburg)
Seelenwachs (Demo, instrumental)
Song 23 (Demo, instrumental)
Handball Wizard (Demo, instrumental)
Mit Ph (Demo, instrumental)
Ruach V (Demo, instrumental)

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