Musik: ORBYNOT – The Ripper Sessions


Bereits 2008 formierte sich in New Jersey, USA, die Band ORBYNOT. Der etwas seltsame Name ist Gründer Anthony „Tony“ Gabriele zu verdanken, der seinen Spitznamen „Tonybro“ kurzerhand rückwärts schrieb. Dahinter steckt eine ganz interessante Geschichte. 2002, mit zarten 19 Jahren war es eine Frau, die Tony dazu animierte, Gitarrenstunden zu nehmen, bis er 2006 das Interesse daran wieder verlor. Die Musik ließ ihn jedoch nicht los und zwei Jahre später nahm er an einem Workshop teil, der ihn endgültig in die Musikwelt schleuderte. Grund dafür war der Initiator des Workshops, Metal Mike, Betreiber der Aarius Studios in Sayerville, New Jersey, der Potential in dem jungen Mann sah. Er nahm Tony unter seine Fittiche und kurz drauf gab es neben der Leadgitarre auch einen befreundeten Sänger, der zusammen mit Tony sogar einige Liveauftritte bestritt. Im Folgejahr lernte er Drummer Metal J kennen, der ihm anbot, für ihn auf die Felle zu hauen, 2010 begann das Recording in den Aarius Studios. Danach geschieht klassisches Namedropping: Fünf Songs singt „ScreamKing“ Joe Lawson ein, drei weitere Sara Teets, dazu kommen Gastsänger wie Sean Peck von Cage und „Kobra“ Paige von Kobra & The Lotus. Das Debütalbum Try To Stop Me erscheint endlich 2012 – die Band ist damit immer noch nicht komplett. Aber Tony kann sich weitere Musiker an Land ziehen, die mexikanische Gitarrenvirtuosin Poc spielt auf einigen Gigs ins New Jersey und New York Leadgitarre und singt sogar einen Song ein, mit Hillary Blaze von Judas Priestess und Jaded geht er ins Studio. Der Rest ist Geschichte.

Die ersten Jahre waren bereits turbulent, Ruhe kehrte nie so wirklich ein. Drei Alben 2012, 2015 und 2018 erscheinen, seit 2017 sind Shreddy Den Den am Bass und Dave Frech an den Drums dabei, letzterer spielt auch bei den Thrashern Thanatotic Desire. Was fehlt, ist einmal mehr der feste Sänger und während die Band sucht, knallt ORBYNOT der Welt eine EP vor die Füße mit dem klangvollen Namen: The Ripper Sessions – und ganz nebenbei wird erwähnt, wen sich Tony Gabriele dieses Mal als Gastsänger an Land gezogen hat.

1997 bis 2003 gab es eine Periode bei Judas Priest, in der Rob Halford nicht am Mikro stand. 2003 bis 2007 war Jon Schaffer nicht der Sänger von Iced Earth – nun, das hat sich ja jetzt auch wieder erledigt. Yngwie Malmsteen, Charred Walls of the Damned, KK’s Priest, weitere Gesangseinlagen bei Avantasia, Desdemon, Wolfpakk, SoulSpell, Debauchery – die Liste ist lang und wer verbirgt sich dahinter? Kein Geringerer als Tim „Ripper“ Owens! Dieser leiht nun auch der neuen EP von ORBYNOT seine Vocals.

Ein guter Einstieg mit „Ripped to Shreds“. Fetter Gitarrensound, der aus den Boxen schallt, da ist kein Ton zu viel, kein moderner Schnickschnack, nur das gute alte Dreigestirn: Gitarre, Bass und Schlagzeug. Bereits bevor die unverkennbare Stimme von Owens erklingt, bin ich gefesselt! Back to the roots, Hard Rock, wie man ihn nur noch selten findet, der einen sofort zurückkatapultiert in die 80er Jahre. Zwischendurch mit einem schönen Gitarrensolo, dann folgt schwerer, stampfender Bass. Man hat diesen tiefen, etwas angestrengten Gesang, ja, den kennt man auch von Judas Priest und anderen, zwischendurch im Hintergrund das abrundende Screaming.

Mit „Until We Meet Again“ haben ORBYNOT eine perfekte Metalballade geschaffen, die auf einer Stufe mit dem legendären „November Rain“ von Guns’n’Roses steht – allein der eindringliche Clip dazu fehlt, aber beim Hören spielt sich ein eigener Film im Kopf ab. Perfekter Song für den Herbst, diese traurige, dunkle, kühle Zeit, den Abschied thematisierend und gleichzeitig mahnend, die Zeit, die man hat, zu nutzen und zu genießen. Die Nummer catcht mich total, das ist perfekter Stoff für Gänsehaut und Tränen in den Augen. Hier kommt sehr gut Owens‚ Stimme zum Tragen, der kann’s einfach. Die Instrumente halten sich im Hintergrund, geben aber eine solide Basis für den Gesang und runden ab. Besser kann man es nicht machen.

Die Vier-Track-EP enthält beide Songs noch mal als instrumentale Version, schaut man sie auf YouTube, wird sogar der Text eingeblendet, für alle, die mal wieder Metal-Karaoke spielen wollen (der Winter ist lang). Die Version von „Ripped to Shreds“ ist schlappe drei Minuten länger und haut noch mal richtig Gitarrenarbeit raus. Da hört man, was die Instrumentalisten machen, wie viel Power sie in ihre Arbeit legen und wie wenig sie sich eigentlich in den Vordergrund drängen. Da kommen gute Riffs, da ist wirklich Kraft dahinter, guter, alter Hard Rock, wie man in früher sehr zu schätzen wusste. Auch „Until We Meet Again“ kann ohne Gesang bestehen. Hier hört man eine schöne Leadgitarre, die es sogar schafft, dass man den Gesang gar nicht vermisst – und das will was heißen!

Was ist nicht gut an The Ripper Sessions? Dass es nur zwei Songs sind, da will man einfach mehr haben, ist absolut angefixt und sucht nach den vorangegangenen Longplayern. Das lohnt sich einfach – auch wenn man da berücksichtigen muss, dass eben nicht Tim Owens singt. Mit diesem hat sich Tony Gabriele aber einen 1A-Sänger ans Mikro geholt, der absolut überzeugt und vielleicht war es nicht die letzte Zusammenarbeit. ORBYNOT suchen derzeit noch nach einem Sänger oder einer Sängerin, da bleibt abzuwarten, was die Zukunft bringt. The Ripper Sessions ist auf jeden Fall eine gute, wenngleich extrem kurze EP geworden, die ein Muss für Hard Rock-Fans ist und die Band sicherlich weit über New Jerseys Grenzen hinaus bekanntmachen wird.

5/5

ORBYNOT – The Ripper Sessions
Independent, 2021
auf allen gängigen Downloadplattformen erhältlich

Tracklist:
1. Ripped to Shreds (feat. Tim „Ripper“ Owens)
2. Until We Meet Again (feat. Tim „Ripper“ Owens)
3. Ripped to Shreds (instrumental)
4. Until We Meet Again (instrumental)

>>> click here for English version <<<

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