Peter Gabriel – Der Mann, der sich immer wieder neu erfindet, war wieder einmal zu Gast in München. Ein Open Air auf dem Königsplatz sollte es diesmal sein, nach dem letzten Konzert in der Münchner Olympiahalle mit der Rundbühne in der Hallenmitte, also mit klassischer Bühne. Wenn ich Peter Gabriel mit dem Wort „live“ in Verbindung bringe, fallen mir sofort drei Namen ein. Zum einen David Rhodes an der Gitarre, zum Zweiten der Zauberer Tony Levin an den dicken Saiten, und zu guter Letzt Trommelmeister Manu Katche am Schlagzeug. Seit zig Jahren bewährt sind diese drei Namen ein Garant für einen klasse Sound, auf dem Meister Gabriel seine prägnanten Vocals obendrauf setzen kann, mit und ohne Piano. Während unsere Schreiberin Kyra Cade den Ex-Genesis Sänger Peter Gabriel bereits bei der letzten Tour live gesehen hatte, war für unseren musikverrückten Maxlrose das PG-Debut angesagt. Ich hatte ihn im Vorfeld bereits auf Levin und Katche hingewiesen, die ihm bis dato noch nichts sagten – seinem jungen Alter sei es geschuldet. Zwei Tage vor dem Konzert bekamen wir eine Nachricht, in der darauf hingewiesen wurde, dass alle normalen Stehplatzkarten vor dem Konzert aus „produktionstechnischen Gründen“ umgetauscht werden müssen und als Ersatz „beste“ Sitz- und Stehplätze bereitstehen würden. Da wir normale Stehplatzkarten hatten, Front-of-Stage 1 und 2 waren uns mit 160 Euro und mehr schlichtweg zu teuer, kamen auch wir in den „Genuss“ der Tauschaktion. Als Ersatz bekamen wir doch glatt Front-of-Stage 2 Tickets, also ein Upgrade um gute 60 Euro. Auf dem Gelände stellten wir fest, dass ein gutes Drittel des Königsplatzes bestuhlt war. Keine normalen Stehplätze mehr. Eine Bestuhlung ist ein probates Mittel, um zu wenig verkaufte Karten zu kaschieren. Schaut ja auch nicht gut aus, wenn ein Drittel vom Platz leer geblieben wäre. Stuhlreihen mit breiten Gängen dazwischen brauchen halt mehr Platz als eng stehendes Publikum. Na egal, wir waren mit dem Upgrade zufrieden. Eine breite offene Bühne war zu sehen, in deren Mitte oben drüber ein riesiges Zifferblatt zu sehen war hinter dem der Schattenriss eines Mannes jede Minute jeweils die aktuelle Uhrzeit bis zum offiziellen Konzertstart hinpinselte und kurz drauf wieder wegwischte. Das war ein genialer Gag, der auch optisch ein Hingucker war. Um kurz vor 20:00 Uhr wurde es betriebsam auf der Bühne und pünktlich um Acht kam Peter Gabriel allein und machte gut vier Minuten einige witzige Ansagen in deutscher Sprache. Für den ersten Song kam sein alter Freund und kongenialer Partner Tony Levin zu Gabriel und sie setzten sich auf Sitzblöcke, die in kreisrunder Form vorne in der Mitte standen. Zu zweit gingen sie ganz weit zurück im Backkatalog von Peter Gabriel, genauer gesagt ins Jahr 1977 zu seinem ersten Soloalbum nach dem Ausstieg bei Genesis. „Here comes the Flood“ war der Titel, den die beiden alleine performten. Levin am elektrischen Kontrabass und Peter auf einem kleinen elektronischen Klavier, welches er auf den Knien liegen hatte. Normal war bei Peter Gabriel noch nie angesagt, hatte er doch seine ersten vier Alben unbetitelt, und sein drittes und viertes Album zusätzlich als deutsche Versionen herausgebracht. Als Überraschung für seine Konzerte im deutschsprachigen Raum sang er den Song auf Deutsch. „Hier kommt die Flut“ wurde begeistert vom Publikum aufgenommen. Anschließend kam der Rest der Musiker auf die Bühne und nahmen in der Runde auf den Blöcken rund um ein künstliches Lagerfeuer Platz. Gemeinsam spielten sie dann „Growing up“ von 2002 in einer akustischen Version. Zwischen den Songs kamen immer wieder Ansagen auf Deutsch vom Meister selbst. Die Blöcke wurden anschließend weggeräumt und es wurde Zeit für das neue Material von Peter Gabriel. Normal ist ja wie schon erwähnt gar nichts bei Gabriel. So wird das aktuelle Album I/O, welches unter anderem für Input/Output steht, vorerst nicht als reguläres Album veröffentlicht. Zu jedem Vollmondtermin kommt eine Single in digitaler Form heraus. Jeweils als „Bright-Side Mix“ von Mark „Spike“ Stent remixed, als „Dark-Side Mix“ von Tchad Blake bearbeitet, und als „In-Side Mix“ von Hans-Martin Buff in einer alternativen Dolby-Atmos Version. Dazu gibt’s jeweils ein passendes Artwork von verschiedenen Künstlern, welches live auch den Bühnenhintergrund zum jeweiligen Song bildet. Die letzte Single, die aktuell oft im Radio gespielt wird, heißt „Panopticom“ und genau das war jetzt an der Reihe, gefolgt von „Four Kind of Horses“ und dem Titeltrack des aktuellen Albums „I/O“. Anschließend gings 31 Jahre zurück zum Album Us und zur darauf enthaltenen Hit-Single „Digging in the Dirt“, welches natürlich vom Publikum mächtig bejubelt wurde. Es fiel auf, dass sowohl alte als auch neue Songs gleichermaßen gut angenommen wurden. Doch wieder zurück in die Neuzeit und zu „Playing for Time“, „Olive Tree“ und „This is Home“, wobei die letzten beiden noch nicht veröffentlicht wurden. Bei größeren Konzerten ist es mittlerweile üblich, eine meist 20-minütige Pause einzulegen, um dem oftmals älteren Publikum Zeit für ein paar nötige Geschäfte zu geben. Als Abschluss des ersten Sets donnerte einer der größten Hits von Peter Gabriel über den Platz. „Sledgehammer“ vom 86er Album So brachte das Publikum zu Jubelstürmen. Maxlrose zeigte sich begeistert, was Manu Katche und Tony Levin da ablieferten. Wie immer punktgenau und unaufgeregt als solide Basis. Aber auch der Rest der Musiker war sichtlich gut drauf an diesem Abend. Richard Evans an Gitarre und Flöte, Don-E an den Keyboards, Marina Moore an der Geige/Bratsche, Josh Shpak an den Blasinstrumenten Trompete und Horn sowie Keyboards lieferten einfach perfekt ab. Über David Rhodes brauchen wir eh kein überflüssiges Wort verlieren, der Mann ist eine Bank. Die zauberhafte Cellistin Ayanna Witter-Johnson passte perfekt zum gesamten Bild.
Nach der kurzen Pause ging es wieder zurück ins Jahr 2002. Aus dem Up-Album wurde „Darkness“ dargeboten, ehe mit „Love can heal“ und „Road to Joy“ wieder zwei neue Songs an der Reihe waren. Anschließend war es mal wieder Zeit, einen seiner Welthits zu performen. Als weibliche Gesangspartnerin hatte Gabriel 1986 die wunderbare Kate Bush an seiner Seite. Da die aber grad nicht zur Stelle war, übernahm Ayanna Witter-Johnson deren Part bei „Don’t give up“, und ein musikalischer Unterschied war da nicht auszumachen. Die beiden Stimmen passten zusammen wie die sprichwörtliche Faust auf’s Auge – einfach wunderschön zu hören. Immer schön abwechselnd zwischen den Jahren 1986 mit dem Album So und 2023 mit I/O hin und her pendelnd, kamen nacheinander „The Court“, „Red Rain“, „And still“, „Big Time“ und „Live and let live“ auf’s Tablett. Wieder fiel auf, wie gut die neuen Songs vom Publikum aufgenommen wurden. Das Song-Material ist aber auch sehr gut und passt hervorragend ins PG-Portfolio. Es wurde langsam spät und die letzte Nummer des regulären Sets war an der Reihe. Natürlich einer seiner größten Hits, den Alt und Jung begeistern mitsangen. Eingeleitet vom weltbekannten Klavier-Intro erklang jetzt „Solsbury Hill“ aus dem Jahre 1977 aus den Boxentürmen. Glückliche Gesichter rundherum waren zu sehen, als die Band mit viel Beifall von der Bühne verabschiedet wurde. Die musiklose Pause dauerte aber nicht lange und schon bald kamen die Musiker wieder zurück on Stage. Mit „In your Eyes“ wurde wieder das Mega-Album So bedient und die Band verschwand wieder von der Bühne. Mittlerweile wars schön dunkel, als der Bühnenhintergrund anschließend blutrot und orange ausgeleuchtet wurde. Wie tiefstehende Sonne wirkte das Ganze … südafrikanische Sonne, um genauer zu sein. Jeder wusste, was jetzt noch kommen würde … und musste. Peter Gabriels Hymne an den schwarzen Bürgerrechtler Stephen Bantu Biko aus Südafrika. Gründer der Black-Consciousness-Bewegung, welcher im September 1977 durch Polizei-Folter zu Tode kam. Stephen Biko wurde zu einem Symbol der Widerstandsbewegung gegen das südafrikanische Apartheid-Regime und sein gewaltsamer Tod war für Peter Gabriel Inspiration, diesen Song zu schreiben und sich seitdem sehr stark für die Menschenrechte einzusetzen. Die markanten Trommelschläge von Manu Katche dröhnten einem durch Mark und Bein. Die Bedeutung des Songs ging jedem Zuhörer ans Gemüt. Ehrfürchtig verfolgte das Publikum den letzten Song. Zu den durchdringenden Trommelschlägen gingen die Musiker nacheinander von der Bühne, bis nur noch Manu Katche alleine hinter seinem Drumkit saß und nach einer Weile auch er die Bühne verließ. Dann erst brandete lauter Beifall auf und die Show war zu Ende.
Als Fazit kann ich nur sagen, dass Peter Gabriel ein Ausnahmekünstler ist, dessen Songs, ob alt oder neu gleichermaßen beim Publikum ankommen. Er ist beliebt bei Alt und Jung und seine Message wird gehört. Alles in allem ein sehr schöner Abend, der sehr gern wiederholt werden kann. Mit Sicherheit wird sich Peter Gabriel bis dahin noch einige Male neu erfinden.
Setlist:
01 – Hier kommt die Flut
02 – Growing up (Acoustic Version)
03 – Panopticom
04 – Four Kind of Horses
05 – i/o
06 – Digging in the Dirt
07 – Playing for Time
08 – Olive Tree
09 – This is Home
10 – Sledgehammer
– Pause –
11 – Darkness
12 – Love can heal
13 – Road to Joy
14 – Don’t give up
15 – The Court
16 – Red Rain
17 – And still
18 – Big Time
19 – Live and let live
20 – Solsbury Hill
– Encore 1 –
21 – In your Eyes
– Encore 2 –
22 – Biko















