Als wissenschaftlicher Leiter soll der theoretische Physiker J. Robert Oppenheimer im Rahmen des streng geheimen Manhattan-Projekts eine Atombombe bauen. Das Nazi-Deutschland ist angeblich weit voraus, auch Russland soll an der Bombe bauen. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit und gegen die Mächte der Welt – am Ende aber ist es ein Politikum und eine Machtdemonstration der USA, die Tote zurücklässt.
Robert Oppenheimer ist ein Name, den man kennt und bestenfalls die Historie um ihn ebenfalls. Aber es schadet gar nicht, ein bisschen Bildung und wahre Geschichte ins Kino und somit in die Köpfe der Zuschauer zu bringen. Oppenheimer ist bildgewaltiges Werk, das trotz drei stündiger Länge keine Sekunde langweilig wird. Der Bau der Atombombe wird in Rückblicken erzählt. Zum einen kämpft Oppenheimer selbst um seine erneute Sicherheitsfreigabe – und offensichtlich um seinen Ruf. Zum anderen will der ehemaliger Leiter der Atomenergiekommission Lewis Strauss Handelsminister werden. Vor seiner Ernennung, muss er sich allerdings noch ein paar Fragen stellen und hier fliegen ihm seine eigenen Intrigen um die Ohren. Während beider Ausschüsse, zwischen den verschiedenen Aussagen und Anhörungen, gibt es Rückblenden, die erzählen, wie Oppenheimer seine Physikerkollegen teils noch als Student kennenlernte und schließlich in Kalifornien ein Institut für Theoretische Physik gründet. Immer wieder stolpert er über seine kommunistischen Freunde und schlägt alle Warnungen in den Wind, dass ihm das einmal ernsthafte Schwierigkeiten bereiten könnte. Oppenheimer erforscht erfolgreich sog. Schwarze Löcher und gehört zu einem der bedeutendsten Physiker der Welt. Im Zweiten Weltkrieg holt man ihn in das Manhattan-Projekt, doch hier beginnt ihn bereits bei der Sicherheitsfreigabe seine frühere Nähe zum Kommunismus einzuholen. Man kann aber nicht ohne den charismatischen Wissenschaftler, der schließlich die besten Verbindungen zu Kollegen hält, die für das Projekt ebenfalls unabdingbar sind. Der langen Rede kurzer Sinn, man schafft es innerhalb von drei Jahren eine funktionierende Atombombe zu bauen – vor allen anderen. Deutschland kapituliert zwar schon vorher, aber die amerikanische Regierung möchte die Bombe einsetzen – über Japan. Der letzte Test, die Generalprobe, laut Film nach Oppenheimers Vorschlag Trinity genannt, glückt und zeigt zum ersten Mal die Gewalt der erbauten Bombe. Neben der dargestellten Hektik, wird es um die Zündung herum still, die Sekunden zählen runter, der rote Knopf wird gedrückt und man hört nur noch den Atem Oppenheimers, dem in diesem Moment klar wird, was er erschaffen hat. Nur 21 Tage danach fällt die erste Atombombe, Little Jack, auf Hiroshima, drei Tage danach wird Fat Man über Nagasaki abgeworfen und lässt Tod, Zerstörung und Leid zurück. Während alle diesen zweifelhaften Sieg feiern und Oppenheimer als Vater der Atombombe verehrt wird, hält er eine kurze Rede, deren Worte man unterschiedliche interpretieren kann. Sie zeigt seine Zerrissenheit, die Moral, die ihn einholt, die Diskrepanz zwischen Wissenschaft und Politik. Im Film fliegen Hautfetzen von den Anwesenden, manche übergeben sich, Oppenheimer tritt in eine total verkohlte Leiche. Ein Hinweis auf das, was in Japan passiert ist. Sein moralischer Kampf danach wird deutlich, denn für Oppenheimer, der über diese Momente und sich einmal sagte: „Jetzt bin ich der Tod geworden, der Zerstörer der Welten.“, ein Zitat aus der Bhagavad Gita, der heiligen Schrift des Hinduismus, ging es nie um den Abwurf, den Einsatz der Bombe. Vielmehr war es eine Drohgebärde der USA und ein großer, wissenschaftlicher Meilenstein, die Atombombe zu entwickeln. Der Film zeigt in wenigen Sequenzen, dass Moral in der Politik keine Rolle spielt. Das nachgestellte Treffen mit Präsident Truman erschüttert.
Oppenheimer ist hochkarätig besetzt mit Cillian Murphy, Emily Blunt, Matt Damon, Robert Downey Jr, Josh Hartnett, Florence Pugh, sogar Matthias Schweighöfer hat einen kurzen Auftritt als Heisenberg. Zu sehen ist auch Rami Malek in einer kleinen Nebenrolle. Das Namedropping könnte noch weitergehen. Christopher Nolan hat ein gigantisches Werk geschaffen, das wahre Geschichte, Weltgeschichte erzählt und dem Zuschauer am Ende die Antwort nach der Moral selbst überlässt – auch wenn Oppenheimer sie im Film für sich beantwortet. Ein klarer Favorit für die nächste Oscar-Verleihung und vermutlich der große Abräumer. Cillian Murphy als Oppenheimer und Robert Downey Jr. in der starken Nebenrolle des Lewis Strauss sind heiße Kandidaten für den Goldjungen.
Was bleibt? Ein starkes Kinoerlebnis für den Sommer – und darüber hinaus. Der Film kann fächerübergreifend in der Schule gezeigt werden; Geschichte, Physik, Chemie, Mathematik, Ethik bzw. Religion, Sozialkunde, das ganze Thema gibt genug Stoff. Gleichzeitig bleibt auch die Frage der Moral und die Verdeutlichung des großen Grabens zwischen der Wissenschaft und der Politik. Das eine ist Erkenntnis, Wissen, Erforschung, Verstehen. Das andere ist Verblendung, Vernichtung, Habgier, Unmoral. Oppenheimer ist ein Beispiel dafür, was Wissenschaft kann, dass sie, würde man Erkenntnisse teilen dürfen, würde man gemeinsam forschen können, würde man alle Politik, alles Machtstreben ablegen, viel weiter sein könnte und die großen Problem der Welt gelöst haben könnte. Die Wissenschaft steht über allem, aber der Mensch ist ihrer nicht würdig.
5/5
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Oppenheimer
USA, GB, 2023
180 Minuten
Regie: Christopher Nolan
Darsteller (in Auswahl): Cillian Murphy, Emily Blunt, Matt Damon, Robert Downey Jr., Florence Pugh, Josh Hartnett, Casey Affleck, Rami Malek, Kenneth Branagh, Benny Safdie uvm.

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