Was macht man als Musiker, wenn man mit seiner Stammband seit 37 Jahren fast immer den gleichen Sound spielen muss und relativ wenig Spielraum für Ausflüge in andere Genres bleibt? Ganz einfach – man gründet ein Nebenprojekt, in welchem man seine anderen Vorlieben verwirklichen kann. Iron Maiden kennt ja vermutlich jeder Rockfan auf dem Globus. Das einzige noch vorhandene Gründungsmitglied Steve Harris an den vier dicken Saiten ebenso. Als Mitbegründer einer ganzen Musikströmung, der New Wave of British Heavy Metal war es ja schon verwunderlich, dass Maiden im Jahr 2000, dem Jahr der Wiedervereinigung mit Sänger Bruce Dickinson ihren Stil etwas ins Progressivere wandelten. Längere Tracks, nicht weniger gut als die alten Kracher. Mit den Jahren wollte Steve Harris aber auch mal kurze, kernige Hardrock Songs zum Besten geben, was aber nicht mehr so ganz ins Maiden Repertoire passte. Also mal kurzerhand eine Soloscheibe rausgebracht, als British Lion betitelt und als Projekt mit Bandcharakter beschrieben. 2020 folgte dann der zweite Streich mit Namen The Burning. Als ich dann vor ein paar Monaten mitbekam, dass British Lion im Backstage live spielen würden, wurden auch sogleich Tickets geordert. Sonst spielt der gute Steve ja vor riesigen Menschenmassen und jetzt in der kleinen Backstage Halle vor grad mal 400 Leuten. Klang vielversprechend und sehr nach Fan-Nähe. Für Steve war dieses letzte Konzert der kleinen Summer Tour 2023 praktisch ein Vorgeplänkel, das Warm-Up zur Iron Maiden Show am drauffolgenden Abend in der ausverkauften Olympiahalle.
Als wir im Backstage ankamen, war die Vorgruppe bereits am Spielen. Darktribe hießen die, kamen aus Frankreich und spielten Power-Metal. Die Franzosen haben mich persönlich jetzt nicht gerade vollends umgehauen, aber die relativ volle Halle applaudierte kräftig und nicht nur der Höflichkeit halber. Metalfans sind halt doch eine eingeschworene Gemeinschaft. Hab aber auch schon schlechtere Bands spielen sehen, die Jungs beherrschten ihr Metier.
Um 21:00 Uhr wars aber dann soweit. Aus Nebelschwaden tauchten fünf Musiker auf, der Meister zuletzt und sie legten gleich los wie die Feuerwehr.
Sänger Richard Taylor stand charismatisch im Mittelpunkt und wusste stimmlich sehr zu überzeugen. Die beiden Axemänner David Hawkins und Grahame Leslie flankierten Taylor und wurden massiv abgefeiert. Im Hintergrund an der Schießbude verrichtete Simon Dawson solide seinen Dienst. Steve Harris wirbelte mit seinem Bass wie ein tanzender Derwisch kreuz und quer über die Bühne. Man sah ihm an, dass er die komplette Nähe zu seinen Fans genoss und regelrecht aufsaugte. Steve Harris ist ja beileibe nicht mehr der Jüngste und er hat sich als Begleiter altgediente Haudegen ausgesucht. So spielten Leslie und Dawson bereits in den 80ern zusammen bei The Outfield (You remember: „Your Love“). Da ich The Outfield seinerzeit live gesehen habe, müsste ich die beiden damals schon live on Stage erlebt haben. Die Fans in der Halle veranstalteten ein riesen Spektakel und feierten die Band. Jetzt könnte man vermuten, dass es größenteils Maiden-Fans waren, die Harris aus der Nähe sehen wollten. Aber nix da – alle Musiker wurden bejubelt, vor allem David Hawkins. Es war eine geile Stimmung zwischen Band und Publikum. Da passte kein Blatt dazwischen. Zwischendurch griff Richard Taylor immer wieder mal zur akustischen Gitarre. Bei der Bandvorstellung wurde vor allem Simon Dawson frenetisch bejubelt, feierte der doch an diesem Abend seinen 40. Hochzeitstag. Steve kam aus dem Grinsen gar nicht mehr heraus, man sah ihm den Mega-Spaß richtig an.
Als einzigen Wermutstropfen möchte ich für diesen Abend nur die etwas kurze Spielzeit von knapp 90 Minuten anführen. Sonst gabs nix zu meckern. Band toll – Publikum saumäßig gut drauf – Bingo! Das Ganze darf sehr gern wiederholt werden. Eine Setlist gibt’s leider keine….





























