Fragt man Leute nach Kraftwerk assoziieren die meisten den Namen mit den Hits „Das Model“, „Trans-Europa-Express“, „Radioaktivität“ oder der legendären „Autobahn“. Aficionados bringen da eher „Ruckzuck“, „Kometenmelodie“ oder „Wellenlänge“ ins Spiel. Das dritte Album der Düsseldorfer Elektroniker, Ralf & Florian aber, fristet eher ein Nischendasein zwischen den experimentellen Altwerken von 71/72 und dem rhythmisch-melodischen Autobahn von 1974, es taucht fast nie bei irgendwelchen Favoritenaufzählungen auf. Richten wir mal einen Scheinwerfer drauf…
Die beiden Studenten Florian Schneider-Esleben und Ralf Hütter gründeten 1968 die Gruppe Organisation zur Verwirklichung gemeinsamer Musikkonzepte, kurz Organisation. Ihr Sound war wirrer Prog-Rock mit irren Rhythmen. Das einzige Album Tone Float auf dem RCA Label kam 1970 nur in England raus. Nach dem Ende von Organisation und der Gründung von Kraftwerk spielten die Jungs experimentellen Krautrock, zusammen mit den beiden Schlagzeugern Klaus Dinger und Andreas Hohmann. Ende 1970 kam ihr erstes Album auf dem Markt und ihr Musikprojekt kam bei den Leuten gut an. Der Titel „Ruckzuck“ wurde zur Titelmelodie der ZDF-Sendung Kennzeichen-D. Im Januar 1972 schob ihre Plattenfirma Philips den Nachfolger Kraftwerk 2 hinterher. Leser wählten Kraftwerk zur Gruppe des Jahres. Hütter und Schneider waren es mittlerweile leid, in den üblichen Krautrock-Strukturen zu spielen und wollten etwas anderes, etwas neues schaffen. Sie entdeckten die Elektronik für sich. Bereits auf den ersten beiden Alben setzten sie die Elektronik als Effekt ein oder zum Verfremden ihrer Instrumente. Im Juli 1973 nahmen sie in ihrem bereits 70 gegründeten Kling-Klang Studio ihr drittes Album auf, welches später den Namen Ralf & Florian bekommen sollte. Einige Aufnahmen fanden im Cornet Studio und im Rhenus Studio, beide in Köln, statt. Auch im Studio 70 in München nahmen Kraftwerk Teile des Albums auf. An den Reglern der Mischpulte saß die aktuell angesagteste Person – Mastermind Conny Plank. Ende 1973 erblickte das fertige Album Ralf & Florian das Licht der Welt. War das Design der ersten beiden Alben noch grafisch gehalten, jeweils eine farbige Pylone auf weißem Grund, so war auf dem Cover der aktuellen LP ein Schwarz/weiß-Foto der beiden vom Fotografen Robert Franck aufgedruckt. Eine Pylone durfte natürlich nicht fehlen. Diese war aber recht klein und mit dem Kraftwerk Schriftzug versehen. Der Plattentitel Ralf & Florian war in Frakturschrift auf weißem Hintergrund geschrieben. Die beiden Namen Ralf Hütter und Florian Schneider ebenfalls in Fraktur im Bild unter ihren Abbildern. Auf der Coverrückseite findet man eine Farbfotografie von Barbara Niemöller, auf der Hütter und Schneider in ihrem Studio inmitten ihrer Instrumente sitzen. Einem Teil der Erstauflage war ein Poster beigelegt mit dem sogenannten Musicomix. Einer Zeichnung, die ihr alter Mitmusiker und Kumpel Emil Schult zusammen mit Schneider und Hütter entworfen hatte. Schult hatte bereits 71 und 72 Sounds auf der Gitarre beigesteuert und war live für Diaprojektionen verantwortlich.
Die erste Seite beginnt mit „Elektrisches Roulette“. Zuerst hört man elektrisches Gezirpe aus den erstmals verstärkt eingesetzten Sythesizern. Teilweise durch ein Arpeggio gejagt, teilweise durch Modulationen verfremdet. Im Gegensatz zum letzten Album, auf dem ein Drumcomputer zum Einsatz kam, setzte man hier wieder auf ein echtes Schlagzeug anstelle der Rhythmusmaschine. Gut vier Minuten lang ein elektrisches Auf und Ab, bei dem erstmals Melodien über den Rhythmus bestimmen. Flötentöne inmitten sphärischer Keyboardflächen im Hintergrund leiten das „Tongebirge“ ein. Mit viel Hall versehen und mit Echo und Delay verwandelt, passt der gut drei Minuten lange Song am ehesten in die Ambient-Schublade. Ein andauernder sich wiederholender elektronischer Rhythmus bildet den Boden von „Kristallo“, auf dem ein Keyboard kristallklare Melodien obenauf spielt, welche teilweise fast wie von einem Spinett oder einer Harfe gespielt klingen. Der Ton im 4/4 getakteten Grundrhythmus ist fast wie ein Bordun-Ton angelegt und hat was leicht Hypnotisches. Im letzten Song auf Seite A wird’s wieder ruhiger. Klaviertöne, auf einem Flügel gespielt, schichten sich mit ruhigen Tönen aus der Querflöte übereinander und verweben sich. So könnte man sich vertonte Natur vorstellen. Hier hat wieder die Melodie den Vorzug über den Rhythmus bekommen. Seite zwei beginnt mit fast klavierartigen Tönen aus dem Synthesizer und es kommt wieder die gute alte Rhythmusmaschine zum Einsatz. „Tanzmusik“ heißt das Stück und es hat fast eine tanzbare Taktung. Irgendwie muss ich beim Hören immer an einen tanzenden Derwisch denken, der sich im Kreis drehend in eine Art Trance tanzt. Verschiedene Klanginstrumente wie Schellen, Glocken oder Klanghölzer kommen zum Einsatz. Sogar Händeklatschen ist zu vernehmen. Ein etwas schnellerer hypnotischer Track, der mit sechseinhalb Minuten gut ein Drittel der zweiten Seite einnimmt. Den Abschluss des Albums bildet die „Ananas Symphonie“ und man höre und staune – es ist die erste Kraftwerk Aufnahme mit hörbarer Stimme, auch wenn es nur der Titel ein paar Mal hintereinander ist, den die Stimme durch den Vocoder spricht. Diese Vocoder-Stimme setzen Kraftwerk hier das erste Mal ein und es sollte sich auf den späteren Platten zu einer Art Markenzeichen entwickeln. Metallische Harfenklänge, fast wie von einem fernöstlichen Instrument stammend, bilden den Einstieg, eine verfremdete Gitarre, die ein wenig an die Südsee erinnert, noch dazu kann man angedeutetes Meeresrauschen hören. Ein wenig elektronischer Rhythmus, der auf- und abschwellend, aber dezent im Hintergrund bleibt und nicht zu prägnant im Vordergrund steht. Den Gesamteindruck bildet eine Mischung aus Südseefeeling von Fischern in der Brandung und einer Fahrt mit dem Boot den Jang-Tse-Kiang hinauf. Hypnotische, eher ruhig gehaltene Taktung bilden den Untergrund des Songs, der mit fast vierzehn Minuten der längste Titel auf dem Album ist.
Ralf Hütter und Florian Schneider verändern ihren Sound auf dem dritten Kraftwerk Album etwas weg vom experimentellen Soundgewaber hin zu songorientierten Strukturen, bei denen die Melodien oftmals die Oberhand behalten. So richtig verändern sich die beiden mit Ralf & Florian aber noch nicht. Das sollte erst bei Autobahn im nächsten Jahr soweit sein. Ich betitel das Album immer als das „Dazwischen-Album“. Weder Fisch noch Fleisch, aber interessant. Man muss die Platte einige Mal hören, um die Veränderungen bewusst wahrzunehmen. Dies lohnt sich aber definitiv. Ein Kraftwerk Interessierter, der von der Mensch-Maschinen Fraktion kommt, wird mit Sicherheit viel mehr Anläufe brauchen, um sich komplett mit dem Album anzufreunden als jemand, der eher auf das alte experimentelle Klangbild a la „Ruckzuck“ oder „Wellenlänge“ steht.
Ralf & Florian
A1 – Elektrisches Roulette
A2 – Tongebirge
A3 – Kristallo
A4 – Heimatklänge
B1 – Tanzmusik
B2 – Ananas Symphonie
Ralf Hütter – Vocals, Keyboards, Strings, Wind-Instruments, Drums, Electronics
Florian Schneider – Vocals, Keyboards, Strings, Wind-Instruments, Drums, Electronics
