Reise: Tour de Tristesse


Die idyllische Tristesse lebensfroh sterbender Wälder wird nur noch übertroffen von südthüringer Gastunfreundlichkeit. In Eisfeld begrüßen einen Prachtbauten des Verfalls, dazwischen zwei florierende Dönerbuden mit Lieferservice. Der Umsatz ist erheblich höher als bei der auf Vorbestellung nur am Donnerstag und Freitag geöffneten Wurstbude, die um kurz nach 13 Uhr nur noch ein halbes Steak übrig hat – vertrocknetes Halsgrat, das selbst der geplagte Hund nicht mehr wollte. Geöffnet hat in Eisfeld sowieso alles nur sporadisch, ein paar Stunden die Woche, ansonsten verbarrikadiert man sich hinter trüb blinden Fenstern und abgeplatzten Fassaden. Das einzige Café nistet neben der Wurstbude und vor der Spielhalle, die alles überstrahlt, und mehr Hoffnung auf Verluste ausstrahlt als ein geheimer Grenzübergang in den 1980er Jahren. Es ist sauber dort und es werden drei Flavors für den Latte Macchiato angeboten: Vanille, Kokos und Haselnuss. Nach Bestellung und Bezahlung sowie dem Umrangieren der verzweifelt auf Kundschaft wartenden Tabletts fällt auf, dass „nur noch Mandel und Macadamia Geschmack“ da ist, willkürlich gegriffen aus dem letzten Sonderangebot im nahegelegenen Discounter. Die Immobilienpreise sind genauso niedrig wie der Kaufwille. Fährt man die Straße entlang, passiert man eintönig geschlossene Läden, Zeugen alter, gleichermaßen trister Zeiten.  

Die Straßen rundherum sind zum großen Teil gesperrt. Ziele erreicht man über lange Umwege über kaum befahrene Straßen, die auf der einen Seite steil abfallen in Täler, in denen es nicht einmal mehr Tränen gibt, quer durch den immer größer werdenden Friedhof am Rennsteig. 

Ziel ist ein malerisches Hotel auf der Heubacher Höhe, ein Familienhotel, bestens für Tagungen geeignet und für das entspannte Wellnesswochenende. Die herunterkommende Barracke ehemaliger NVA-Ausbildungslager gepaart mit dem Charme von FDJ-Zwangserholungscamps ist so einladend wie die Grenze zwischen West und Ost in den 1980er Jahren. Die Begrüßung besteht aus einem Loch in der Decke, durch das munter Wasser tropft – ohne Regen – und ganz in Erinnerung an ehemalige Besatzer auf Ukrainisch, das leider außer dem kompletten sipphaften Hotelbetreibertum niemand spricht. Für die negative Werbung eines Lippenaufspritzers aber kein Problem, sie kann auf Deutsch und Englisch „Weiß ich nicht, yes“ sagen und das reicht ja wohl, um seine Gäste willkommen zu heißen.

Knastartig gehen die Türen zu den Zell… Zimmern nach außen auf und man beginnt einen Tanz mit der Badtüre und ein fröhliches Spiel mit den Lichtschaltern, die immer etwas anderes oder gar nichts angehen lassen. Selbst alleine könnte man sich im Komfortzimmer nicht umdrehen, zu zweit schickt man einen ins Bett oder in die Dusche, also das Badezimmer, das einer Dusche mit Waschbecken und WC gleicht. Das hat aber den Vorteil, dass jeder nach der Dusche eine permanente Fußwaschung genießen kann. Man muss sich sehr lieb haben oder sehr hassen, wenn man bei einer nicht richtig schließenden Badezimmertüre die Darmentleerung vollziehen möchte. Da es immer ein lustiges Hütchenspiel ist, welcher der beiden Spülknöpfe und ob überhaupt einer funktioniert, ist einem plötzlich sonnenklar, warum das Bad aus Dusche besteht und der Duschschlauch so lang ist. Die Betten sind beschädigt, ob Hunde, Kinder oder verzweifelte Hotelgäste daran genagt haben, vermag man nicht mehr zu sagen. Ob die Flecken auf dem Teppich und dem hoffnungslos grünen Vorhang von Blut, Sperma und Tränen stammen, auch nicht mehr. Aber da es Housekeeping sowieso nur auf Nachfrage gibt, wundert man sich ohnehin, dass die Handtücher weiß sind. Die Lichtschalter und Lampen über dem Bett sind soweit oben angebracht, dass man aufstehen oder sich zumindest auf die Matratze knien muss, um diese zu erreichen. Dafür ist der Fernseher so niedrig angebracht, dass man vom Bett aus – und das ist in dem ausladenden Zimmer die einzige Möglichkeit, nicht richtig fernsehen kann.

Morgens erwartet den geneigten Ostblock-DDR-Erinnerungsreisenden ein opulentes Mahl aus eingelegten Oliven und Paprikaschoten, einem Eimerkartoffelsalat, der aus leichenblassen Ersatzkartoffeln ohne alles besteht, abgelaufener Billigwurst, die schon glänzt und Müsli, das sich selbst gendert. Die Spiegel- und Rühreier passen überhaupt nicht zu dem ansonsten brechreizerregendem Frühstück. Die Brötchen wandern nach kurzer Hitzebehandlung gerne selbstständig über den Boden zum Brotkorb, in den sie dann aber mangels Sprungkraft gehoben werden müssen. Saft ist nur für die Wärter, getarnt als All-Inclusive-Gäste.

Für den entspannten Wellnesstag sorgt das bereits in den Außenanlagen heruntergekommene Sportcenter 50 Meter weiter. Mutige stapfen im Bademantel über die Straße. Neben abgeranztem Interieur erwartet den geneigten Feriengast das Schwimmbad, eine größere Badewanne mit Naturtouch. Tote Fliegen und Dreckstapfen säumen den Rand des Beckens. Zurück im Hotel wird man in der Nichtraucherlobby von lautstark diskutierenden Russen empfangen, die scheinbar in glimmenden Zigaretten schlafen, zumindest riecht es danach.

Die Fahrt ins Braungrüne zu einem Ausflugslokal entpuppt sich als Reise zu Fuchs und Has, die wir beim Gutenachtsagen stören. Pure Gastfreundlichkeit in Form starren Schweigens schlägt uns entgegen, wenn ein Tisch frei ist, dann setzt euch halt, es sind ohnehin nur drei Tische beleuchtet, der Rest versinkt in kackbrauner Dunkelheit. Liebevoll werden Steaks, die sich als Schweinenacken entpuppen, totgeklopft, bevor sie angebraten und mit abgezählten TK-Pommes und drei Scheiben Gurken auf den Teller geklatscht werden. Geschmeckt hätte das vor der Grenzöffnung jedem und deswegen muss man auch keinen guten Appetit wünschen. Naja und weil Fremde sowieso nur stören und man weiß, dass man superlieblose Pampe hat, fragt man auch gar nicht, ob es geschmeckt hat und die Geldsäue noch etwas haben wollen. Allerdings kümmert man dann sich auch gar nicht weiter drum, sondern sitzt lieber am Nachbartisch und ratscht über Nacktschnecken im Garten, 20 Minuten lang, anstatt auf sämtliche Versuche zu reagieren, auf sich aufmerksam zu machen. Gestört in abendlicher Ratschlaune muss man dann aber irgendwann doch mal gucken, zahlen? Gut, zahlt mal. Mit Karte? Welch Frevel, denn man muss alles neu in die uralt Kasse eingeben, und warum sollte man mit diesem Wissen auch vorher fragen, auf welche Weise man den Rotz bezahlen möchte? Bitte kommt nie wieder und habt keinen schönen Abend, verschwindet einfach, verpisst euch, Gäste? Brauchen wir nicht, wollen wir auch gar nicht in unserem sumpfigen DDR-nachtrauernden Mief.

Fast schon ängstlich sieht man drei Tage später in weiter Ferne das Schild „Freistaat Bayern“, drückt auf’s Gaspedal, schaut nicht mehr zurück in vollster Angst, die krallenartigen, verdorrten Hände der südthüringer Tristesse könnten einen fassen und zurückhalten, festhalten und für immer in dem schwindenden Nichts längst vergangenen Glanzes begraben.

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