LP: Kirlian Camera – Cold Pills (Scarlet Gate of Toxic Daybreak)


Kirlian Camera – Eine Band, an der sich oft die Geister scheiden. Gegründet vom Italiener Angelo Bergamini im Jahr 1979 als Suicide Commando und ein Jahr später in Kirlian Camera umbenannt, mussten sie sich in den 90er Jahren einige Vorwürfe in Richtung Neofaschismus und Rechtsextremismus gefallen lassen, weil teilweise Sprachsamples des rumänischsprachigen Faschistenführers Corneliu Zelea Codreanu in Songs zu hören waren, und in Videoperformances auch Bildmaterial aus dem Dritten Reich verwendet wurde. Diese völlig aus der Luft gegriffenen Vorwürfe sind von Bergamini mittlerweile komplett ausgeräumt worden. Kirlian Camera machen eine Mischung aus Dark-Wave, Elektroclash und Darkpop. Im Jahr 2021 kam ihr mittlerweile 18. Album namens Cold Pills (Scarlet Gate of Toxic Daybreak) auf den Markt. Als Vinylausgabe limitiert auf 400 Exemplare in silbernen Vinyl.

Kirlian Camera liefern mit der Doppel-LP wieder teils bewährte Kost ab. Gleich mit der ersten Nummer „The Illusory Guest“ fühlt sich der Fan sofort im KC-Universum zu Hause, düster elektronisch aufbauend setzt nach zweieinhalb Minuten die mystisch schöne, rauchige Stimme der Leadsängerin Elena Alice Fossi ein. Ihre Stimme wurde gedoppelt und sie singt auf der Scheibe mit sich selbst im Duett. „Cold Pills“ fährt im gleichen Muster fort, aber „I became Alice“ hat einen ganz anderen Ansatz. Trockene Drumbeats, auf den ein knarrender Basslauf zu hören ist, treiben den Darkrock-Track mächtig nach vorne. Hier ist die Stimme Fossis fast flüsternd mystisch. Das folgende „Not true“ ist rein akustisch ohne Gesang und wieder im elektronischen Gewand. „Crystal Morn“, der erste Track auf Seite zwei, ist wieder Elektrowave mit dem typischen Gesang von Elena. Der allseits bekannte Stil setzt sich in „Lobotomine 5“ fort, während das folgende fast elegische „Randonists and Sleepers“ ausschließlich von Klaviermelodien auf einer Fläche von Keyboardklängen wieder ohne Gesang auskommt. Elektroclashig kommt „The 8th President“ rüber. Düster mystisch dahinwabernd mit elektronischen Rhythmen ist der Song die Singleauskopplung, zu der es auch ein Video gibt. Bei „Dreamlex“, im schönen Midtempo gehalten, steht der glasklare Gesang von Elena Alice Fossi präsent im Vordergrund. Man nehme eine elektronische Klangfläche, dazu ein Cello, dann Getrommel, welches nach etwas über einer Minute einsetzt und dazu die Stimme von Fossi und man hat einen mystischen Song fast mit religiösem Charakter. Gegen Mitte des Tracks bauscht sich der Song etwas auf, bleibt aber etwas verhalten. Genauso geheimnisvoll und nach gleichem Muster gestrickt, ist das folgende „LSDay“. Mit „Phoenix Aliena“ zieht das Tempo wieder etwas an und der Track hat fast die Qualität zum Füllen einer Tanzfläche. „Apophenia“ besticht durch einen etwas abgehackten Rhymthmus, mit dem Track könnte man bestens eine mystische Serie a la Twin Peaks oder Akte X vertonen. Die nächsten 30 Sekunden erklingen einzelne Töne, die von der Blue Man Group stammen könnten. Dann kommt ein schwellender Synthesizerton hinzu, der sich teilweise in Modulationen auflöst und von Vocoderstimmfetzen begleitet wird. Nach etwas über zwei Minuten kommen erstmalig Rhythmuspattern hinzu, die nach etwas über drei Minuten das rein instrumentale „Blue Drug“ ausfaden. „Lux Industries“ ist schlichtweg Füllmaterial, um ein Doppelabum voll zu bekommen. Teilweise hat es alle Anzeichen der großen Hits von Kirlian Camera aber so richtig zünden will der Track nicht – es fehlt einfach was. Genauso Füllmaterial ist das abschließende „Twin Pills“, welches in einem langsamen Rhythmus dahinplätschert. Als CD Version gibt es die Scheibe als Doppel-CD oder als limitierte 3-CD Artbook Edition.

Als Fazit kann man sagen, dass eine einfache LP eigentlich gereicht hätte. Zu wenige Songs mit Hitpotential, die eine Doppel-LP gerechtfertigt hätten, zu viel halbgares Material, welches man jetzt nicht unbedingt braucht. Cold Pills ist keine schlechte Platte, aber auch kein Meisterwerk.

2,5 / 5

Kirlian Camera – Cold Pills (Scarlet Gate of Toxic Daybreak)
A1 – The Illusory Guest
A2 – Cold Pills
A3 – I became Alice
A4 – Not true
B1 – Crystal Morn
B2 – Lobotomine 5
B3 – Randonists and Sleepers
B4 – The 8th President
C1 – Dreamlex
C2 – Disk Religion
C3 – LSDay
D1 – Phoenix Aliena
D2 – Apophenia
D3 – Blue Drug
D4 – Lux Industries
D5 – Twin Pills

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