LP: Faust – Punkt.


Faust – Eine der wüstesten und chaotischsten Gruppen aus dem Bereich Krautrock. Gegründet 1970 in Hamburg von den Musikern Werner „Zappi“ Diermaier am Schlagzeug, Jean-Hervé Peron am Bass, Hans Joachim Irmler an der Orgel, Rudolf Sosna an Gitarre und Keyboards sowie Gunter Wüsthoff an Synthesizer und Saxophon. Gespielt wurde eine wüste Mischung aus Melodien, Geräuschen und verschiedensten Klängen, teilweise atonal oder völlig losgelöst jeglicher Taktung – die Geburt der Industrial Music. Während Faust hierzulande vielen Menschen unbekannt sein dürfte, ist die Formation im Ausland hoch angesehen. Von Ende der 70er Jahre bis 1994 lag die Band auf Eis, die Musiker gingen eigenen Soloprojekten nach. Mit der Rien LP fanden sich die wichtigsten drei Mitglieder, Diermaier, Irmler und Peron wieder zusammen und seitdem erfolgen in schöner Regelmäßigkeiten neue Releases aus dem Hause Faust. Mittlerweile sind aufgrund Streitereien zwei Faust Formationen live unterwegs. Eine mit Diermaier und Peron, die andere mit Irmler. Da Musiklabels ja bekanntlich die letzte Kuh zu Tode melken, kamen auch viele unveröffentlichte Platten oder Konzerte auf den Markt.

Die hier vorliegende Platte beinhaltet Aufnahmen der Originalbesetzung vom Mai 1974 und war das erste Mal 2011 im Faust Box Set 1971 – 1974 auf den Markt gekommen, einer Box mit den ersten vier Alben plus unveröffentlichten weiteren Stücken. Da ich die ersten Alben alle schon in der Sammlung hatte und das Box-Set nur teuer zu finden war, kaufte ich die Box nicht. Im Mai 2022 brachte jedoch das deutsche Label Bureau B, welches sich auf die Wiederveröffentlichung alter rarer Platten spezialisiert hat, die LP Punkt. mit unveröffentlichten weiteren Stücken als Vinyl LP auf den Markt.

Los gehts mit „Morning Land“, einem motorisch treibenden Track im Midtempo. Der hypnotische Beat lässt einem beim Hören wippen und mitgrooven, während sich Diermaier auf allerlei Blechteilen seines modifizierten Drumsets die Seele aus dem Leib trommelt und dengelt. „Crapolino“ besteht eigentlich nur aus Tonmodulationen, Geräuschen, die von einer vocoderartigen Roboter-Stimme begleitet werden. Von Melodien oder Struktur ist wenig zu hören. Fast wie ein Radio am Ende des Frequenzbereichs. Wenn Miles Davis sich entschlossen hätte, fortan zusammen mit einer Beduinen-Musikgruppe Industrial zu machen, „Knochentanz“ hätte durchaus ein Ergebnis aus dieser Melange sein können. Eine eigenartig entrückte Trompete, die eine Melodie spielt, während sich ein abgehackter Rhythmus langsam aufbaut und zusammen mit der Gitarre in einer Art Kakophonie, aber mit Struktur mündet. Rhythmische Psychedelic möchte ich es beschreiben. „Fernlicht“ hätte auf dem Ralf und Florian Album von Kraftwerk sein können. Der Song lebt von einem entrückten scheinbar fernen Gitarrenton, der auf und ab moduliert und auf einem rhythmischen Taktgebilde aufgesetzt ist. Man kommt dabei unweigerlich ins Grooven. „Juggernaut“ ist der bisher „normalste“ Song auf dem Album. Normale Trommelklänge und eine fast riffartig gespielte Gitarre machen aus dem Track eine Art Garagen-Punkrock ohne Text. Die letzte Minute läuft in ruhigen Modulationen aus. Ruhig dahin dröhnend beginnt das vorletzte Stück der Platte. Es wird eine fast bedrohliche Stimmung in den ersten 40 Sekunden erzeugt, ehe sich der Charakter komplett ändert. Fast klassische Klaviertöne werden nur vom Schlagzeug begleitet. Manchmal kommt eine leichter jazziger Touch mit ins Spiel, der sich zum Ende hin weiter ausbaut. Ein Song der kompletten Gegensätze, und mit zehn Minuten Dauer der längste Song auf dem Album. Fünf Minuten Industrial Music bilden den letzten Track „Prends Ton Temps“ ab, ohne aber zu krachig zu wirken. Ein Auf- und Abschwellen, fast wie bei einem Karren, bei dem die Räder komplett unrund laufen.

Heutzutage würde ein solcher Sound bei jedem Plattenboss alle Alarmglocken anschwellen lassen, so gut wie nicht vermarktbar. Im musikalischen Kontext des Jahres 1974 war das aber ein Gegenpol auf den glattgebügelten Glam-Pop-Disco-Rock der damaligen Musikszene aus ABBA, Gary Glitter, Rubettes, New Seekers und Co. Ein tolles Album für jeden Liebhaber experimenteller Musik.

Faust – Punkt. – Bureau B
A1 – Morning Land
A2 – Crapolino
A3 – Knochentanz
B1 – Fernlicht
B2 – Juggernaut
B3 – Schön rund
B4 – Prends Ton Temps

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