Flashback 50 – Genesis – The Lamb lies down on Broadway – November 1974


Wir befinden uns in der Mitte des Jahres 1974. Progressivrock war eigentlich gegenüber dem aktuellen Musikgeschmack auf dem absteigenden Ast. Die Soul- und Funkmusik von Gruppen wie War, Earth Wind and Fire oder Kool and The Gang , Glamrock von The Sweet, Slade oder Mott The Hoople, der aufkommende Pubrock a la Rubettes und Mud befanden sich musikgeschichtlich auf der Überholspur. Aus Amerika schwappte der Beginn der Discowelle nach Europa rüber, der Sound von Hardrockbands wie Deep Purple, Black Sabbath oder Uriah Heep verwässerte langsam. Dem Gegenüber standen Prog-Dinosaurier wie King Crimson, Yes oder eben Genesis, die sich den aktuellen Strömungen verweigerten und ihrem Sound treu blieben. Die Mannen um Peter Gabriel und Co hatten Anfang ’74 noch einen kleineren Single-Hit mit „I know what I like“ vom letzten Album Selling England by the Pound am Start, als es ans Erschaffen der neuen Platte ging. Intern war einiges an Spannungen in der Band spürbar. Unter anderem zwischen Gabriel und Rutherford über die Thematik des neuen Albums. Während Mike Rutherford lieber Der kleine Prinz, die Romanfigur von Antoine de Saint-Exupéry vertonen wollte, bestand Peter Gabriel auf der von ihm erdachten Konzept-Story über Rael, einem kleinen Puerto-Ricanischen Jungen auf einer surrealen Traumreise durch New York mit all seinen fantastischen Abenteuern. Gabriels Idee setzte sich durch, aber intern knirschte es gewaltig. Regisseur William Friedkin wollte Peter Gabriel für sein neues Filmprojekt verpflichten, in der Öffentlichkeit wurde die Band immer mehr als Peter Gabriel und seine Band wahrgenommen, zu sehr stand der Sänger auch durch seine exzentrischen Bühnen-Verkleidungen allein im Rampenlicht. Dazu kam es, noch vor dem Beginn der Aufnahmen zu Komplikationen bei der Geburt von Gabriels erster Tochter. Die anderen Bandkollegen hatten keine Kinder und konnten deshalb Gabriels Sorgen nicht nachvollziehen, mehr Zeit mit seiner Familie verbringen zu wollen, anstatt sich verstärkt der Band zu widmen. In dieser Zeit der Entzweiung von der Band reifte im Sänger der Entschluss, Genesis nach dem neuen Album zu verlassen, teilweise wollte er sogar ganz aus dem Musikbusiness aussteigen. Im Sommer 1974 begannen die Aufnahmen zu The Lamb lies down on Broadway. Der mobile Ableger des Manor Studios von Virgin Records Gründer Richard Branson fand sich im walisischen Swansea ein und es konnte losgehen. Das Gesamtkonzept und die Texte stammen von Peter Gabriel, der Rest der Band komponierte den Großteil der Musik. Nun denn – begleiten wir Rael auf seiner Reise …

Klaviergeklimper begleitet Rael als er frühmorgens aus einem U-Bahnschacht kommt, in dem er im Schutz der Nacht Graffiti gesprayt hat. Manhattan erwacht langsam als Rael ein Lamm erblickt, welches sich auf den Bürgersteig gelegt hat. Der progressive Sound wechselt von leisem Klavierspiel mit bombastischen Elementen ab. Prägnant sind die Bassläufe von Rutherford zu hören. Hacketts Gitarre begleitet einen aufkommenden Wind voller Staub in der Luft, der sich zu einem Sturm entwickelt, in dem Rael eingeschlossen ist. Er fühlt sich wie eine Fliege auf der Windschutzscheibe es Autos. Rael erblickt eine Militärparade und verliert das Bewusstsein. Er gleitet in eine surreale Traumwelt hinüber, in der er einzelne Abschnitte seines jungen Lebens Revue passieren lässt. Gabriel wechselt in „Broadway Melody of 1974“ zwischen Gesang und gesprochenen Textpassagen. Beim Erwachen stellt Rael fest, dass er in eine Art Kokon eingesponnen ist. Der Kokon verwandelt sich in einen Käfig aus Tropfsteinen, der sich zu drehen beginnt. Diese Drehbewegung setzen Genesis in „In the Cage“ durch ein schneller werdendes Aufwallen der progressiven Musik sehr nachvollziehbar um. Rael erblickt durch die Stäbe des Käfigs seinen Bruder John, der aber nur seinerseits stumm auf ihn blickt und Rael die Hilfe verweigert, die er erbeten hatte. Durch das schnelle Drehen verliert er seinen Bruder aus den Augen, stattdessen erblickt er eine Parade der leblosen Hüllen, was anscheinend synonym für eine gesichtslose Anonymität der Großstadt steht. „The grand Parade of lifeless Packaging“ wird durch einen Rhythmus dargestellt, der fast einem Marschschritt ähnelt. Rael erinnert sich in „Back in N.Y.C.“ an sein altes Leben in Manhattan. Er ist in seinen Erinnerungen zurück in New York. Das zweiminütige Instrumental „Hairless Heart“, welches vom Wechsel zwischen akustischer zu elektrischer Gitarre von Steve Hackett lebt, bildet einen Übergang zu „Counting out Time“. Der Song birgt einen fast humoresken Charakter. Er denkt an das Aufkommen seiner Sexualität und wie er nach seinem missglückten ersten Mal durch das Lesen eines Ratgebers zu einem guten Liebhaber werden könnte. Im Traum kommt Rael zu einem langen Korridor, fühlt einen Wollteppich unter seinen Füßen und sieht eine gesichtslose kriechende Masse an Menschen. „Carpet Crawlers“, die alle zielgerichtet nur in eine Richtung streben, hin zu einer Holztür, die zu einer Kammer führt. Der Liedcharakter wirkt leise, etwas bedrohlich zu Anfang, gewinnt aber mit Länge an Offenheit und weitet sich aus. Der Song gewinnt stark an Ausdruckskraft. Rael kommt in eine Kammer mit 32 Türen, von denen aber nur eine einzige zum Ausgang führt. Eine blinde Frau führt Rael in einen neuen Raum, in dem er warten soll. Dieser „Waiting Room“ ist voller Chaos und wirren Stimmen. Er bekommt es mit der Angst zu tun, als der Warteraum über ihm zusammenstürzt. Dieses Chaos in „The Waiting Room“ wird durch eine musikalische Sequenz dargestellt, bei der Genesis im Studio während einer Wartezeit einfach mal drauf los gejamt hatten. Keyboarder Tony Banks probierte einfach mal alles aus, was so an Keyboards oder Synthesizern herumstand. Gitarrist Steve Hackett hatte einige neue Effekte, an denen er herumprobierte. Peter Gabriel spielte Flöte durch ein Echoplex Gerät, ein analoges Delay. Auch blies er an den hölzernen Stimmblättern seiner Oboe herum direkt ins Mikro. Draußen begann es zu gewittern und es donnerte. Drummer Phil Collins spielte dazu und diese musikalische Kakophonie glich sich nach und nach dem Rhythmus des Gewitters an, so dass ein getaktetes Klanggebilde entstand, welches das Chaos rund um Rael hervorragend darstellte. Klavierakkorde bilden eine Niedergeschlagenheit ab, in der sich Rael nach dem Einsturz des Raumes mit seinem Tod abgefunden hat. „Here comes the Supernatural Anaesthetist“ stellt die Ankunft des Todes musikalisch dar. Gesungen wird nur etwa 20 Sekunden, der Rest des Songs ist instrumental. Wider Erwarten entkommt Rael dem Tod und kommt zu einem Ort, an dem sich ein Teich mit rosafarbenem Wasser befindet. Hier erlebt er mit mehreren Lamien eine sexuelle Erfahrung. Diese Lamien stehen sinnbildlich für die Sirenen, die Odysseus zu locken versuchten. Und ewig lockt das Weib war der Titel eines französischen Films aus den 50er Jahren mit Brigitte Bardot in der Hauptrolle. Diese Lamien stehen also sinnbildlich für die ewige Verführung, das ewige Locken durch die Frauen, welches schon schuld war an der Vertreibung aus dem Paradies. „Silent Sorrow in empty Boats“ … Stille Trauer in leeren Booten steht sinnbildlich für eine Leere, die Rael umgibt, die Lamien sind gestorben. Steve Hackett bildet diese Stille in drei Minuten rein instrumental, fast Ambient-artig mit E-Bow und Delay auf seiner Gitarre ab.

Das dreiteilige „The Colony of Slippermen“ beginnt mit einem gut zweiminütigem Gezirpe in fast asiatisch anmutenden Klängen – „The Arrival“. Rael erwacht aus dieser Stille und stellt fest, dass er in einer Kolonie der Glibbermänner angekommen ist. Rael entdeckt inmitten der Pantoffelmänner das, was von seinem Bruder John übrig geblieben ist. Dieser erklärt ihm, dass der einzige Sinn eines Glibberman darin besteht, sich der Befriedigung des nie endenden Hungers der Sinne zu widmen. Er will die Heimsuchungen seiner Sexualität loswerden und da hilft nur eine radikale Lösung – die Kastration. Sie besuchen den berüchtigten Doktor Dyper und flehen ihn an, sie zu kastrieren. Nach dieser bekommen sie ihre abgeschnittenen Genitalien in Plastikdosen überreicht. Ein dunkle Wolke senkt sich vom Himmel, ein großer schwarzer Rabe erscheint, stiehlt ihm seine Dose und fliegt mit ihr davon. Rael fordert seinen Bruder auf, den Raben zu jagen und ihm seine Beute wieder abzunehmen, doch John weigert sich. Die beiden Brüder trennen sich daraufhin. Rael verfolgt den Raben in eine Schlucht, was durch ein zweiminütiges Keyboard-Instrumental von Tony Banks dargestellt wird. In der Schlucht blickt Rael durch ein Tor auf sein altes Leben am Broadway und die Versuchungen, in dieses zurückzukehren. Das helle Licht über ihm fordert ihn auf zurück zu kehren, aber gleichzeitig erblickt er unten im Dunkeln seinen Bruder John, der in Stromschnellen um sein Leben kämpft und um Hilfe ruft. In diesem Zwiespalt entscheidet sich Rael, seinem Bruder zu retten und gegen die Rückkehr. Das Tor zu seinem früherem Leben verschwindet und das Licht erlischt – „The Light dies down on Broadway“. Rael kämpft sich einen Hang voller Geröll runter zum Wasser und rettet seinen Bruder. Inmitten dieses tobenden Wassers sieht Rael in Johns Gesicht und stellt fest, dass es sein eigenes ist. Rael hat sich also mit all seinen Entscheidungen selbst gerettet. Das schnelle abschließende „It“ ist ein Quasi-Rückblick, ein Fazit oder Lebensweisheit. Du musst immer das Ganze sehen, aus beiden Blickwinkeln. Erst wenn du es aus allen Sichtweisen betrachtet hast, solltest du deine Entscheidungen treffen, dann kannst du alles schaffen.

Im gesamten Albenkosmos von Genesis stellt The Lamb lies down on Broadway als Konzeptalbum eine Ausnahmestellung dar. Es ist der Höhepunkt in der bisherigen Karriere eines Peter Gabriel. Es ist sein Meisterstück als Mitglied in einer Band, und nicht von ungefähr reifte aufgrund der internen Spannungen in der Band sein Entschluss, Genesis zu verlassen und solo sein ganz eigenes Ding zu machen, alle Entscheidungen selbst und allein zu treffen.
Für mich persönlich ist The Lamb lies down on Broadway eine Platte, die bei mir in meinen Top 20 einen sicheren Platz bei den sogenannten „Platten für eine einsame Insel“ hat. Ein wahres Meisterwerk.

Genesis – The Lamb lies down on Broadway
A1 – The Lamb lies down on Broadway
A2 – Fly on a Windshield
A3 – Broadway Melody of 1974
A4 – Cuckoo Cocoon
A5 – In the Cage
A6 – The grand Parade of lifeless Packaging
B1 – Back in N.Y.C.
B2 – Hairless Heart
B3 – Counting out Time
B4 – Carpet Crawl
B5 – The Chamber of 32 Doors
C1 – Lilywhite Lilith
C2 – The Waiting Room
C3 – Anyway
C4 – Here comes the Supernatural Anaesthetist
C5 – The Lamia
C6 – Silent Sorrow in empty Boats
D1 – The Colony Of Slippermen (The Arrival / A Visit to the Doctor / Raven)
D2 – Ravine
D3 – The Light dies down on Broadway
D4 – Riding the Scree
D5 – In The Rapids
D6 – It

Peter Gabriel – Vocals
Steve Hackett – Guitars
Mike Rutherford – Bass
Tony Banks – Synthesizer, Keyboards
Phil Collins – Drums, Backing Vocals

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