Deutschland ist für mehrere herausragende Dinge in der ganzen Welt bekannt. Neben der deutsche Technologie auch für so manche glorreichen Filme, insbesondere aus dem Programmkino, und nicht zuletzt für seine hervorragenden Musiker. Wegen der Verschmelzung gleich zwei dieser Dinge war der 2. November 2024 ein Pflichttermin für uns. In Sachen Film stand ein Filmabend auf dem Programm, aber beileibe kein normaler. Ein weltbekannter deutscher Stummfilm aus dem Jahre 1920 war an diesem Tag der Stoff, aus dem die Träume sind.
Der ungarisch-tschechoslowakische Filmregisseur Robert Wiene drehte vor über 100 Jahren den expressionistischen Stummfilm Das Cabinet der Dr. Caligari in den Berliner Studios in Babelsberg. Hauptakteure waren der sensationelle Werner Krauß, Friedrich Fehér und die junge Lil Dagover. In der Nazizeit als „entartete Kunst“ verboten, wurde 2014 von der Friedrich-Wilhelm Murnau Stiftung eine sorgfältige restaurierte Fassung in einem hochauflösenden 4K Format realisiert. Soweit zum ersten Part des heutigen Abends…
Deutsche Musik, insbesondere in Sachen Elektronik war schon immer das Maß aller Dinge. Angefangen von Karlheinz Stockhausen in Köln, entstanden durch ehemalige Schüler zwei Strömungen, die Berliner Schule um Ash Ra Tempel, Agitation Free oder Tangerine Dream, und dem westlichen Gegenpart, die Düsseldorfer Schule mit Bands wie Neu!, La Düsseldorf oder Kraftwerk. Insbesonders Kraftwerk hat seinen Platz im Musik-Olymp unverrückbar zementiert. Gegründet 1968 noch unter dem Namen Organisation brachten Ralf Hütter und Florian Schneider-Elsleben ab 1970 Platten unter dem Namen Kraftwerk heraus. Nach dem fünften Album Radioaktivität 1975 stieß ein Musikstudent der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf namens Karl Bartos aus Bayern zu Kraftwerk und blieb bis zu seinem Ausstieg 1990 festes Mitglied der Gruppe. An den weltbekannten Platten Trans Europa Express, Die Menschmaschine oder Computerwelt war Bartos mit beteiligt. Soviel zum zweiten Part des Abends…
Kommen wir nun zur Verschmelzung der beiden Parts …


Seit Jahren war Karl Bartos fasziniert vom Film Das Cabinet des Dr. Caligari, nicht zuletzt auch wegen seines eigenen Kunstanspruchs. In einem Interview erzählte er warum. „Der Film spielt mit Realitäten und Erzählebenen und verweigert Eindeutigkeiten. Es ist eine eigene Sache mit diesem Film. Völlig egal wie oft man sich Das Cabinet des Dr. Caligari anschaut, er bewahrt sein ursprüngliches Geheimnis. Wer ist hier wahnsinnig? Wer nicht? Alles ist und bleibt eine Frage der Interpretation”. Aus dieser Film-Begeisterung heraus ergaben sich viele Fragen für den Musiker und Filmfan Bartos. Wie hätte dieser Film geklungen, wenn es bereits im Enstehungsjahr 1920 die Möglichkeit gegeben hätte, den bewegten Bildern klanglich Raum zu geben? Und wie lässt sich dieses Manko heute, hundert Jahre später, lösen? 2024 realisierte Karl Bartos zusammen mit seinem musikalischen Partner, dem Tondesigner Mathias Black ihr neues Projekt The Cabinet Of Dr. Caligari, ein durch die restaurierte Fassung des alten Wiener Stummfilms inspiriertes Musikalbum. Wie bereits seine älteren Soloplatten davor war auch das neue Projekt wieder ein Erfolg. Durch den Erfolg beflügelt beschlossen Bartos und und Black, zusammen auf eine kleine Tournee zu gehen, und ihre elektroakustische Neuvertonung des Filmes live aufzuführen. Nur eine Handvoll auserlesener Termine in entsprechenden Räumlichkeiten sollten es sein. München gehörte mit dazu, und so fanden wir uns am 2. Nomber im altehrwürdigen Prinzregententheater ein. Mit knapp 1100 Plätzen war das Theater nicht zu groß und erwartungsgemäß fast ausverkauft. Da der Film selber grad mal etwas über 70 Minuten dauert, war davon auszugehen, das das ein kurzes Konzert werden würde. Das Publikum war allesamt im gesetzeren Alter jedweder Couleur.


Die spartanische Bühne bestand lediglich aus einem längeren Tisch vor einer großen Leinwand, ausgestattet mit einigen Laptops und elektronischen Gerätschaften zur Tonerzeugung und Modulation – Kraftwerk lässt grüßen. Pünktlich um 20:00 Uhr ging es los. Bartos und Black, beide in schlichtem schwarz gekleidet betraten die Bühne und nahmen ihre Plätze hinter dem Tisch ein. Das Licht erlosch und die ersten Bilder erschienen. Unmerklich mischten sich die elektronischen Klänge zu den bewegten Bildern auf der Leinwand. Gebannt verfolgte das Publikum das Geschehen und alle stellten fest, dass sich ein 100 Jahre alter Film in keiner Weise mit elektronisch erzeugter Musik aneinander reibt. Es war nichts anderes als ein elektronisches Orchester, welches zum Film klang, als ob es im Jahr 1920 genauso gewollt gewesen wäre. Film und Musik verschmolzen perfekt ineinander. Das Erlebnis dauerte gute 80 Minuten, Karl Bartos und Mathias Black wurden bei stehenden Ovationen mit Blumensträußen verabschiedet. Kurze Zeit später kam Bartos noch zum Merchandise Stand um Gekauftes oder Mitgebrachtes zu signieren. Wohl um auf den Zuspruch zu reagieren, sind für Frühjahr 2025 zwei Zusatzkonzerte geplant, eines davon in München. Wir überlegen uns, nochmal hin zu gehen.
Als Fazit möchte ich sagen, dass der Abend ein tolles Erlebnis war. Zum ersten Mal habe ich Das Cabinet des Dr. Caligari bewusster angeschaut als früher. Die elektronische Begleitung durch Karl Bartos und Mathias Black hat viele Szenerien komplett anders in Szene gesetzt. Das passte zusammen wie der Punkt auf das „i“.


Lassen wir zu guter letzt Karl Bartos selbst nochmal zu Worte kommen. In einem Interview sagte Bartos: „Es bedeutete für ihn bei der Vertonung eines expressionistischen Filmes nicht, auf die Mittel des musikalischen Expressionismus nach dem Vorbildder Wiener Schule mit Arnold Schönberg und dessen Zwölftontechnik zurückzugreifen. Stattdessen wollte sich Bartos loslösen von der traditionellen Denkweise stilistischer Überlegungen in Musiksystemen und ließ sich stattdessen vom Rhythmus und Tempo der Szenen leiten – komplett auf der Basis seiner langjährigen Vertrautheit mit dem gesamten Film. Entscheidendes Ausdrucksmittel war für ihn dabei der synthetisch hergestellte Klang eines Sinfonieorchesters welches elektronisch moduliert die Stimmungen transportierte.“
