Flashback 50 – Elton John – Captain Fantastic and the brown Dirt Cowboy – Mai 1975


Reginald Kenneth Dwight … besser bekannt als Elton John begann seine Karriere 1967 als Komponist für andere Künstler. Sein eigenes Debütalbum Empty Sky erblickte 1969 das Licht der Welt, war aber relativ erfolgslos. Erst mit seinem zweiten, selbstbetitelten Album zündete der Rocketman die Rakete. In den folgenden Jahren veröffentlichte Elton John einige herausragende Alben. Mit Tumbleweed Connection, Madman across the Water oder Honky Chateau setzte er sich in den oberen Bereichen der Hitparaden fest. Die beiden 73er Alben Don’t shoot me i’m only the Piano Player und Goodbye Yellow Brick Road zementierten seinen Platz im Pop-Olymp. Millionseller wie „Daniel“, „Crocodile Rock“, „Candle in the Wind“, „Bennie and the Jets“ und „Goodbye Yellow Brick Road“ sorgten für volle Tanzflächen rund um den Globus. Das Gespann Elton John und Bernie Taupin als Texter war unschlagbar. „The Bitch is back“ und „Don’t let the Sun goes down on me“ vom 74er Caribou Album machten da keine Ausnahme. Mit dem folgenden 75er Album Captain Fantastic and the brown Dirt Cowboy brachte Elton John ein Album auf den Markt, auf dem die zehn Songs die Schwierigkeiten zum Anfang ihrer Karriere zum Thema hatten. Elton John als Captain Fantastic und Bernie Taupin als The Brown Dirt Cowboy schrieben ein chronologisch angelegtes Konzeptalbum, welches nicht auf Hits ausgelegt war. „Someone saved my Life tonight“ beinhaltet zum Beispiel seine unglückliche Verlobung mit Linda Woodrow und einem davon abgeleiteten Selbstmordversuch 1969. Dieser „Someone“ hat auch einen Namen, es handelt sich um den Musiker Long John Baldry, der Elton John bekniete, diese unsägliche Verlobung zu lösen, bevor John seine ganze Karriere wegen dieser Ehe ruinieren aufs Spiel setzen würde.

Als Band hatte Elton John wieder seine bewährten Mitstreiter am Start. Davey Johnstone an den sechs Saiten, Nigel Olson hinter der Schießbude, Dee Murray am Bass und der sensationelle Percussionist Ray Cooper waren eine eingeschworene Truppe höchsten Grades.
Das kunterbunte Klappcover aus der Feder der beiden Illustratoren Alan Aldridge und John Hair zeigt einen Elton John, der auf einem Konzertflügel reitet und unzählige Kreaturen und Figuren in einer erdachten Fabelwelt. Der Erstauflage lagen ein großes Poster mit dem Covermotiv sowie zwei reichhaltige Booklets bei.

Los gehts mit dem Titeltrack „Captain Fantastic and the brown Dirt Cowboy“, einem Popstück, welches mit einen gehörigen Schuss Country aufwartet. Ein Fender Rhodes Piano und eine Mandoline bestimmen den Charakter des Songs. Ruhig zum Anfang steigert sich der Song immer weiter in einem groovenden Rhythmus. „Tower of Babel“ beginnt verhalten. Lediglich Johns Stimme und ein Klavier, ehe nach gut 40 Sekunden das Schlagzeug einsetzt und das Ganze Fahrt aufnimmt. Genauso verhalten, mit einem verloren wirkendem Klavier kommt die erste Minute vom folgenden „Bitter Fingers“ rüber, ehe sich der Track zu einem treibenden Rock’n’Roller entwickelt. Zwischendrin dann wieder der verhaltene Anfangspart und wieder die Verwandlung in den Rocker. Der charakteristische angesagte Klang der damaligen Zeit zeigt sich in „Tell me when the Whistle blow“. Liebliche Geigen sorgen für einen süßlichen Soultouch, der den damaligen amerikanischen Zeitgeist widerspiegelte. Seinerzeit up-to-date, finde ich den Track heutzutage nur schlimm schwülstig. Ein eigentlich als funky angelegter Song wird vom einem rosa Geigenteppich zugedeckt. Die Seite Eins schließt der mit 6:33 Minuten längste Song des Albums, das vorhin erwähnte „Someone saved my Life tonight“, welches die einzige offizielle Singleauskopplung wurde. Heutzutage würde dieser lange Song gar nicht mehr als Single veröffentlicht werden – zu lang – zu unkommerziell. Aber auch seinerzeit hatte Produzent Gus Dudgeon Bedenken. Die selbe Problematik hatten die Kollegen von Queen im gleichen Jahr mit „Bohemian Rhapsody“, einem ebenfalls überlangen Long-Track. Weitere Tracks wurden nur in Frankreich, Venezuela oder den Philippinen ausgekoppelt.

Die zweite Seite beginnt mit einem echten funky Rock’n’Roller … „(Gotta get a ) Meal Ticket“, welches mein persönlicher Favorit auf Captain Fantastic ist. Der Track schiebt schön vorwärts und lässt einen unweigerlich mitgrooven. „Better off dead“ ist ein feines Stück theatralischen Artrocks. Ein Minute nur Piano und Stimme, ehe ein seltsam peitschend klingendes Schlagzeug dazu kommt. Eine Prise leichter Funk, etwas Country untergemischt, das Ganze mit einem groovendem Beat versehen und fertig ist „Writing“. Ein Song, der in meinen Ohren eher belanglos ist im Vergleich zum Rest des Albums – er plätschert halt einfach dahin. Komplett reduziert ist das folgende „We all fall in Love sometimes“. Wieder zuerst nur Piano und Stimme, lediglich ergänzt von einem Streicherarrangement, welches aus dem ARP Synthesizer, gespielt von David Hentschel kommt. Als dann die gesamte Band einsetzt, gewinnt der Song an Kraft. Wunderbar die sparsam eingesetzte Gitarre von Davey Johnstone. Nahtlos geht es über in das abschließende „Curtains“, eine ähnlich angelegte Ballade, bei der Glockenschläge einen hörbaren Akzent bilden.

Da die vorigen Elton John Alben in den Vereinigten Staaten allesamt erfolgreich waren, schaffte es Captain Fantastic and the brown Dirt Cowboy allein durch die vielen Vorbestellungen sofort auf die Pole Position und stieg auf Platz Eins in die Billboard Charts ein. Seit 1972 und Honky Chateau waren alle Alben in den USA auf Platz Eins gelandet. Elton John, Gus Dudgeon und Band verbrachten lange Zeit in den Caribou Ranch Studios in Colorado, um dem Album den perfekten Schliff zu verleihen. Das Jahr 1975 sorgte für einen immensen Arbeitsaufwand bei Elton John, spielte und sang er doch in der Rockoper Tommy von The Who den Pinball Wizard. Nebenbei brachte er 75 auch noch ein weiteres Album, Rock of the Westies heraus.
Obwohl Captain Fantastic and the brown Dirt Cowboy außer „Someone saved my Life tonight“ keine weitere Hit-Single enthielt, halten sowohl Elton John selbst, als auch sehr viele internationale Kritiker und Fachleute dieses Album für das größte Werk, welches John herausgebracht hat, insbesondere die Single. Jon Landau, Redakteur vom amerikanischen Rolling Stone sagte in einem Interview: „So lange Elton John in der Lage bleibt, auf seinen Alben Titel wie „Someone saved my Life tonight“ zu veröffentlichen, besteht die Chance, dass er mehr als nur der große Entertainer wird, der er schon ist, und einen bleibenden Beitrag für die Geschichte der Rockmusik leisten wird“.

Für viele Fans führt Captain Fantastic and the brown Dirt Cowboy ein Schattendasein im Katalog von Elton John. Zu wenig Hits? Zu wenig eingängige „bekannte“ Melodien und Songs?
Ich will das Album den Leuten mal ans Herz legen. Hört euch das Teil unvoreingenommen nochmal an. Viele Kleinode entfalten erst bei mehrmaligem Hören ihren eigenen Glanz, dazu brauchts auch keine Hit-Singles.

Elton John – Captain Fantastic and the brown Dirt Cowboy
A1 – Captain Fantastic and the brown Dirt Cowboy
A2 – Tower of Babel
A3 – Bitter Fingers
A4 – Tell me when the Whistle blow
A5 – Someone saved my Life tonight
B1 – (Gotta get a ) Meal Ticket
B2 – Better off dead
B3 – Writing
B4 – We all fall in Love sometimes
B5 – Curtains

Schreibe einen Kommentar