Die Geschichte um die Band Be Bop Deluxe beginnt kurz vor Weihnachten 1948, als am Samstag, den 18. Dezember in Wakefield in der nördlichen englischen Grafschaft West Yorkshire der kleine William Nelson, genannt Bill, geboren wurde. Die ganze Familie Nelson war musikalisch bewandert. Vater Walter Nelson leitete eine Tanzband, Mutter Jean war in einer Tanzgruppe. Auf dem Wakefield College of Art lernte er das Werk des französischen Malers, Regisseurs und Schriftstellers Jean Cocteau kennen und schätzen. Mitte der 50er Jahre war er Fan vom aufkeimenden Rock’n’Roll. Insbesondere die Shadows, die Begleitband von Cliff Richard mit ihrem Gitarristen Hank Marvin und auch Duane Eddy wurden zu seinen musikalischen Helden. Eine Gitarre musste her und Nelson übte wie besessen. Seine ersten musikalischen Spuren hinterließ er mit seiner Mitte der 60er gegründeten Band namens Global Village. Neben Bill Nelson an Gitarre und Vocals waren da noch Al Quinn and den Lead Vocals und am Bass und Bryan Holden an den Drums. Was die Jungs da spielten, war eine Mischung aus Blues, Folk und Psychedelic-Rock. Sie waren so gut, dass sie Studioaufnahmen für das kleine Holyground Label von Mike O`Connor, alias Mike Levon machen durften. Dessen Studio und sein Holyground Label waren im heimatlichen Wakefield angesiedelt. Leider konnten die Aufnahmen mangels Geld seinerzeit nicht fertig auf Platte produziert werden, erst 1991 kam unter dem Namen Loose Routes – Musics From Holyground 1966-1975 eine Doppel-LP mit der Nummer Katalognummer HG 121 auf den Markt, auf der diese frühen Aufnahmen enthalten sind. Diese Songs waren teilweise Coverversionen von damals angesagten Musikern und Bands wie den Beatles, John Mayall oder Peter Green, als auch aus eigenen Songs. Leider löste Nelson Global Village Anfang 1968 bereits wieder auf, aber er war mittlerweile so gut, dass ihn O’Connor als Studiomusiker für sein kleines Label beschäftigte. 1970 kam dann die LP A to Austr mit der Nummer HG 113 und 1971 die Split-LP Astral Navigations von den Bands Lightyears Away und Thundermother mit der Nummer HG 114 heraus, an deren Recordings Bill Nelson beteiligt war. Im November 1971 brachte er auf seinem eigenen kleinen Label Smile Records seine erste Solo LP namens Northern Dream heraus. Die Musik auf dem Album war eine logische Fortführung seines bisherigen Schaffens, eine Melange aus Folk, Psych und Progrock. Die britische DJ-Legende John Peel war von dem Album so begeistert, dass er regelmäßig Songs daraus in seiner Radiosendung für die BBC auflegte.
Mittlerweile stand Nelson aber der Sinn nach einer erneuten Band und mit Gitarrist Ian Parkin, Bassist und Sänger Robert Bryan und dem Schlagzeuger Nicholas Chatterton-Dew gründete Nelson Ende 1972 die Band Be Bop Deluxe. 1973 kam ihre erste Single wieder auf dem kleinen Smile Label heraus. Die beiden darauf enthaltenen Songs waren „Teenage Archangel“ und „Jets at Dawn“. Gleichzeitig wurde die EMI durch den Radioplay von John Peel auf Nelson aufmerksam und Be Bop Deluxe bekamen einen Plattenvertrag bei dem EMI-Sublabel Harvest. Anfang 1974 war es dann soweit … der Erstling Axe Victim stand in den Läden dessen markantes Cover, eine Gitarre deren Korpus ein Totenschädel war vom Graphiker John Holmes entworfen wurde. Die Fotos auf der Rückseite und dem Innenteil stammen vom berühmten Mick Rock. Der Sound der Band hatte sich von Folk und Psychedelic etwas weg bewegt, stattdessen machten Be Bop Deluxe jetzt eine Mischung aus Glam-Rock a la David Bowie, Prog- und Artrock. Neue Band, Plattenvertrag und neues Album am Start … Friede, Freude, Eierkuchen konnte man meinen, aber schon nach kurzer Zeit löste Bill Nelson seine Band wieder auf, um sie mit den neuen Musikern Paul Jeffreys am Bass, Simon Fox am Schlagzeug und Milton Reame-James an den Keyboards neu zu formieren. Jeffreys und Reame-James verließen die Band jedoch schon nach kurzer Zeit wieder. Anscheinend konnten sich die beiden mit der Arbeitsweise von Nelson nicht anfreunden. Charles Tumahai war gebürtiger Neuseeländer und hatte schon bei einigen Maori-Showbands sowie namhaften und bekannten Rock- und Blues-Bands aus Neuseeland und Australien wie Chain, Healing Force oder Mississippi gespielt. Mississippi aus denen später die Little River Band werden sollte, kamen für eine Tour nach England, wo sie sich auflösten. Tumahai blieb in England und stieg direkt bei Be Bop Deluxe ein, wo er bis 1978 dabei blieb. In dieser Dreier-Besetzung spielten sie 1975 das zweite Album Futurama ein, vom Sound her wieder eine Kreuzung aus Art-Rock und Progrock. Mangels Keyboarder spielte Nelson im Studio neben aller Gitarrenspuren auch Bass und Percussion und sag alleine. Für die anstehende Tour brauchten sie aber einen Mann an den Tasten und Bill Nelson verpflichtete den Engländer Andy Clark, der zusammen mit dem Gitarristen Mick Hutchinson zwischen 1968 und 1971 als Clark Hutchinson vier mörderisch gute Psychedelic-Blues-Rock Alben herausgebracht hatte. Clark stieg nach der Tour als festes Mitglied bei Be Bop Deluxe ein. In dieser Vierer-Besetzung sollten sie bis 1978 zusammenbleiben, Nelson hatte anscheinend sein perfektes Team gefunden und im Jahre 1976 brachten Be Bop Deluxe gleich zwei Studioalben heraus, Sunburst Finish und Modern Music.
In den Sound der Band wanderte langsam leichte Punk-Strukturen mit ein, was der aktuellen Stimmung geschuldet war. Für das Jahr 1977 stand wieder eine Tournee an, welche vom Rolling Stones Mobile Studio mitgeschnitten wurde und noch im gleichen Jahr als Live-LP Live! In the Air Age auf den Markt kam. Als Besonderheit lag den weltweiten Vinyl Erstausgaben eine 7″ Inch-EP mit drei weiteren Stücken bei. Der echte englische Punk dauerte eigentlich nur etwas mehr als ein gutes Jahr und er veränderte sich dann in den Post-Punk, bei dem neue avantgardistische Strömungen mit einflossen. Der New Wave kam auf und in diesem Konglomerat aus Post-Punk und New Wave war auch das folgende Studio Album gehalten. Der Name Drastic Plastic des 78er Albums spiegelte den angesagten Trend in England wider. Künstliche, sterile, anorganische und Roboterhaft wirkende Bands fluteten die Musikszene. Bands wie Joy Division, Devo, Simple Minds, OMD, Squeeze, Psychedelic Furs, Human League oder Tubeway Army waren angesagt und in diesem angesagten Sound, in Verbindung mit dem bewährten Art- und Progrock war Drastic Plastic gehalten. Bill Nelson merkte, dass die alten Be Bop Deluxe vom Zeitgeist überholt wurden und löste die Band kurzerhand auf. Tausendsassa Bill Nelson wäre aber nicht er selber, wenn er nicht schon kurz darauf im folgenden Jahr 1979 eine neue Formation an den Start brachte.
Der Name Be Bop Deluxe war Geschichte, also taufte er sein neues Baby Red Noise, brachte eine neue LP und zwei Singles an den Start und tourte noch im gleichen Jahr durch Großbritannien. Musikalisch eher im New Wave Stil gehalten, war das Album Sound-On-Sound, ebenfalls auf dem Harvest Label, die logische Fortsetzung von Drastic Plastic. Das Mutterlabel EMI war mit der Entwicklung leider gar nicht zufrieden und ließ Nelson trotz eines fast fertig gestellten zweiten Albums fallen. Bill Nelson löste Red Noise aufgrund dieser Querelen 1980 wieder auf und sollte fortan ausschließlich nur noch solo agieren. Im selben Jahr gründete Nelson mit Mark Rye das Label Cocteau Records, auf dem die nächsten zehn Jahre die meisten seiner Veröffentlichungen erscheinen sollten. Nach seinem 1971er Album Northern Dream kam 1981 sein zweites Solo-Album Das Kabinett (‚The Cabinet Of Doctor Caligari‘) auf den Markt. Ebenfalls im gleichen Jahr konnte Nelson auch die Bänder des geplanten zweiten Red Noise Albums von der EMI loseisen und brachte die Scheibe als Quit Dreaming And Get On The Beam auf dem Mercury Label als Solo-Album heraus. Der Sound von Nelson war jetzt vielfältiger als in den 70er Jahren. Downtempo, Minimal, Experimental, Abstract mit einem gehörigen Anteil Ambient würde man das heute betiteln. Nelson war ein endloser Strom musikalischer Ergüsse, teilweise brachte er bis zu fünf Alben innerhalb eines Jahres heraus. Der Sound wanderte immer mehr in Richtung Ambient Electronic. Alles in allem veröffentlichte Bill Nelson über 100 verschiedene Alben, solo als auch mit seinen Bandprojekten und Kollaborationen mit anderen Künstlern. The Dreamville Poets, The Gentlemen Rocketeers, The Roy Rogers Rocketeers, Channel Light Vessel, The Builders … um nur einige zu nennen. Bill Nelson tritt seit Jahren so gut wie nicht mehr live auf, lediglich ein einziges Konzert im Rahmen seiner Nelsonica Events bestreitet er jedes Jahr live.
Im Gesamten kann man Nelson wirklich als musikalischen Tausendsassa bezeichnen. Sein Be Bop Deluxe Projekt ist meiner Meinung nach aber das markanteste in seiner mittlerweile fast 60-jährigen Musiker-Karrierere. Leider ist Be Bop Deluxe der deutschen Allgemeinheit nicht so bekannt. Auf keinem der sechs Alben ist schlechte oder banale Musik. Vielleicht wird der Name Bill Nelson irgendwann den Platz in der Öffentlichkeit einnehmen, den er eigentlich schon längst verdient hätte.
