Flashback 50: 10cc – How dare you! – Januar 1976


How Dare You! war das vierte Studioalbum für 10cc, ein stilistischer Höhepunkt des britischen Art-Rock-Kollektivs sowie auch der Schlusspunkt einer Ära: Das letzte Album mit der ursprünglichen Besetzung von Eric Stewart, Graham Gouldman, Kevin Godley und Lol Creme, bevor Godley und Creme die Band verließen, um eigene Projekte zu verfolgen.

10cc wurden 1972 in Stockport, England, gegründet. Die Band setzte sich aus vier sehr unterschiedlichen Charakteren zusammen: Graham Gouldman, ein Songwriter und Multiinstrumentalist, der sich bereits zuvor als erfolgreicher Komponist für andere Bands (z. B. The Yardbirds oder The Hollies) einen Namen gemacht hatte. Eric Stewart, Sänger, Gitarrist der Truppe, Kevin Godley und Lol Creme, beides Multiinstrumentalisten mit einem Faible für experimentelle Arrangements. In ihrer frühen Karriere arbeiteten sie als House-Band des Strawberry Studios, das von ihnen mitbegründet worden war. Stewart, Godley und Creme hatten ihren ersten musikalischen Erfolg 1970 mit ihrer Band Hotlegs und dem Single-Hit „Neanderthal Man“ der auf ihrem Album Thinks School Stinks enthalten war. Als Graham Gouldman als festes Mitglied zu den Hotlegs dazu kam, änderten sie 1972 ihren Namen in 10cc. Das gleichnamige Debütalbum veröffentlichten 10cc 1973, der Durchbruch gelang nur zwei Jahre später mit The Original Soundtrack, unter anderem durch den Megahit „I’m Not in Love“.

Das Album How Dare You! erschien im Januar 1976. Wie seine Vorgänger wurde es in den Strawberry Studios aufgenommen und von der Band selbst produziert. Das Cover wurde von George Hardie von der bekannten Grafikdesign-Agentur Hipgnosis gestaltet, die schon mit Pink Floyd und Led Zeppelin und vielen weiteren Acts zusammengearbeitet hatten. Hipgnosis war Anang der 70er Jahre das Non-Plus-Ultra in Sachen Cover-Artwork in Europa. How Dare You! erschien auf dem Höhepunkt der kreativen Energie zwischen Stewart, Gouldman, Godley und Creme. Gleichzeitig gab es deutliche Spannungen und kreative Differenzen. In Großbritannien erreichte das Album hohe Chartpositionen, was den Erfolg der Band bestätigte, aber nicht an den vorangehenden kommerziellen Erfolg anknüpfen konnte.

Der Opener „How dare you“  ist ein überraschendes Instrumentalstück – ungewöhnlich für eine Rock/Pop-Band im Mainstream. Hier zeigen 10cc ihre Stärke als Musiker und Arrangeure: ein Spiel mit rhythmischen Mustern, orchestralen Elementen und soundtechnischen Farben, das neugierig macht. Mit „Lazy Ways“ geht es in den ersten gesungenen Song. Eric Stewart liefert eine fast melancholisch-schwebende Melodie, die durch mehrstimmigen Gesang und einen warmen Arrangement-Sound getragen wird. Das Lied bewegt sich im Bereich des Soft-Rock, zeigt aber die Detailversessenheit, mit der 10cc selbst scheinbar einfache Songs ausgestalten. Textlich geht es um ein Gefühl der Trägheit und gleichzeitig der Sehnsucht nach Veränderung. „I wanna rule the World“ ist dagegen anders angelegt und wirft einen ironischen Blick auf das Machtgefühl. Musikalisch erinnert er an eine Art Kinderlied, das bewusst spielerisch bleibt, obwohl es inhaltlich durchaus kritische Töne anschlägt. Der Titel suggeriert Größenwahn, aber im 10cc-Kontext wird daraus eine leicht schelmische Parodie auf Größenwahn und Idealismus. Einer der zentralen Songs des Albums – sowohl musikalisch als auch kommerziell – ist das folgende „I’m Mandy Fly Me“, welches auch als zweite Single aus dem Album ausgekoppelt wurde und in UK auf dem sechsten Platz der Charts landete. Aufgeteilt in mehrere Abschnitte, wird eine fast traumartige Atmosphäre erzeugt, gepaart mit einer spannenden Erzählung über Sehnsucht, Illusion und Fernweh. Dann wird es aber wieder etwas härter. „Iceberg“ bewegt sich stilistisch zwischen Rock und experimenteller Pop-Struktur. Der Titel und das Bild des Eisbergs können als Metapher für verborgene Tiefen und gefährliche Schönheiten verstanden werden – musikalisch entspricht das dem Spiel zwischen konventionellen Melodien und überraschenden harmonischen Brüchen.

Seite Zwei beginnt mit einem der berühmtesten Songs des Albums und war zugleich ein Statement: „Art for Art’s Sake“ ist eine ironische Reflexion über Kunst, Kommerz und künstlerische Selbstverständlichkeit. Ein typischer 10cc-Song: eingängiger Refrain, mitreißende Melodie und kein bloßes Runtergespiele, sondern eine anspruchsvolle Struktur des Songs. „Art for Art’s Sake“ wurde als erste Single des Albums veröffentlicht und erreichte Platz Fünf der Charts. Klassische Rock-’n’-Roll-Elemente sorgen in „Rock’n’Roll Lullaby“ für ein bissen Nostalgie. „Head Room“ gehört zu den letzten Beiträgen, die Godley und Creme gemeinsam mit der Band geschrieben haben und ihre Handschrift hört man noch einmal deutlich heraus. Der letzte reguläre Track des Albums ist vielleicht einer der dramatischsten und emotionalsten Songs auf How Dare You!. Mit über sechs Minuten ist er einer der längeren Beiträge und verbindet intensiven Gesang mit melodischem Tiefgang und emotionaler Direktheit. Als Gastmusikerin ist hier die walisische Harfenistin Mair Jones an der Celtic Harp zu hören. „Don’t Hang Up“ ist ein Appell – sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn. Die Musik baut Spannung auf und hinterlässt seine Spuren beim Hörer. Auf einigen Ausgaben hat sich der Bonustrack „Get It While You Can“ versteckt. Ein deutlicher Appell, im Hier und Jetzt zu leben und den Moment zu nutzen.,

Nach der Veröffentlichung trennten sich die Wege des Kleeblatts. Kevin Godley und Lol Creme wandten sich eigenen Projekten vor in der Musikproduktion zu. Die verbleibenden Bandmitglieder Eric Stewart und Graham Gouldman veröffentlichten im darauffolgenden Jahr Deceptive Bends und erreicht mit der Singleauskopplung „The Things we do for Love“ einen weiteren Charterfolg. Doch zu zweit veränderten sie den Sound zu stark und man merkte deutlich, dass Goldey und Creme als musikalische Masterminds fehlten.

How Dare You! gilt heute als Schlüsselalbum in der Entwicklung von 10cc – ein Album, das die stilistische Vielfalt, den scharfsinnigen Humor und die technische Brillanz der Band bündelt und gleichzeitig das Ende einer Ära signalisiert. Viele Fans und Kritiker sehen es als Abschluss der „klassischen“ Periode der Band, die mit den ersten vier Alben begann und eine Blütezeit des britischen Art-Pop/Rock darstellt.

10CC – How dare you!
A1 – How Dare You
A2 – Lazy Ways
A3 – I Wanna Rule the World
A4 – I’m Mandy Fly Me
A5 – Iceberg
B1 – Art for Art’s Sake
B2 – Rock ’n‘ Roll Lullaby
B3 – Head Room
B4 – Don’t Hang Up

Schreibe einen Kommentar