Anscheinend war ich im vergangenen Jahr nicht besonders brav, denn der Nikolaus brachte mir … Nichts. Wäre ich jetzt noch ein kleines Kind, wäre ich über Nichts jetzt gerade nicht so erfreut. Als langjähriger Musik-Freak freute ich mich aber extrem über Nichts zum Nikolaus.
Um diesen Kalauer zu verstehen, müssen wir zurückreisen ins Jahr 1981. Die Neue Deutsche Welle war wie eine Rakete durchgestartet und deutsch gesungene Musik beherrschte die Charts. Aus der Düsseldorfer Punkszene kommend, gründeten Michael „Meikel“ Clauss und Tobias Brink eine neue Band, nachdem sie aufgrund von Streitereien mit Bandchef Tommi Stumpf aus dessen Band Der KFC ausstiegen. Den Namen Nichts lieh sich Meikel Clauss von der Aufschrift einer Flasche Kornbrand. Brinks neue Freundin Andrea Mothes wurde als Sängerin eingespannt, und schon im Jahr darauf dröhnten ein paar erfrischende Textzeilen durch die Clubs der Republik.
„Lieber Gott ich wünsch mir so, meine Stimme im Radio.
In den Charts Nummer Vier, alle sind so nett zu mir“
Die Hitsingle „Radio“ aus dem 1981er Debütalbum Made in Eile beherrschte die Tanzflächen. Schon ein Jahr später, 1982 folgte mit dem Titeltrack der nachfolgenden LP Tango 2000 der nächste Knaller.
„Hämmert die Musik, mir den Rhythmus gibt. Tanz‘ allein, im Laserschein.
Blicke durch den Raum, Bilder wie im Traum.
Schaut mich an, ich bin die Schönste, schaut mich an, ich tanz am besten
Schaut mich an, ich bin die Schönste“
Jeder konnte diesen Text mitsingen, der überall aus den Boxen dröhnte, und mit genau dem Song hat mich die Band 1982 eingefangen. Leider stieg Bandchef Meikel Clauss bereits im Sommer ’82 ohne Streit aus der Band aus und startete eine Solo-Karriere. Nach dem Umbruch brachten Nichts mit Aus dem Jenseits noch eine dritte LP heraus, aber schon bald löste sich die Band auf. 2009 fragte ein Veranstalter aus Österreich bei Clauss an, ob er nicht als Nichts auf einem Festival spielen wolle. Clauss hatte wieder Lust und reformierte seine alte Band mit neuen Leuten. Mit Zeichen auf Sturm (2011), Live 2019 (2019) und dem aktuellen Longplayer Tiefschwarz von 2025 standen auch neue Platten in den Regalen.
Ich hatte Nichts seit ihrer Auflösung aber aus den Augen und Ohren verloren und mich traf es wie ein Blitzschlag, als ich eine kleine Ankündigung über ein Nichts-Konzert in München sah. Sofort wurde ein alter Spezl eingepackt und wir trafen in der Münchner Glockenbachwerkstatt pünktlich zum Beginn ein.
Die Glockenbachwerkstatt ist eine der kleinen Locations in München, und mit etwas über 100 Leuten war der Raum komplett ausverkauft und gerammelt voll.



Los gings mit der lokalen Vorgruppe Unverblümt aus München. Einem seit 2010 bestehenden Vierer, der sich in ähnlichen Soundgefilden wie Nichts bewegt. Deutscher Punk-Pop mit einem gehörigen Schuss Minimalismus. Das klang einwandfrei und machte Lust auf mehr. Sängerin Julia Graßl ist ne kleine Rampensau und das genießt sie auch zu Recht. Das einzige Manko, das mir auffiel, war, dass sich viele Textzeilen zu oft wiederholten, vor allem in den Refrains. Musikalisch ist die Band aber sehr solide … die kann man sich gern öfter ansehen.



Dann aber wars endlich soweit und Drummer Matej Havranek, der 2024 eingestiegen ist, Basser Joachim Krämer, der bereits seit 2012 bei Nichts die dicken Saiten zupft, und Bandchef Meikel Clauss betraten die Bühne und legten los. „Schwarze Gedanken“ bildete den Auftakt eines Viererblocks vom 82er Tango 2000 Album. Ich war sehr gespannt, wie die neue Sängerin Nina H. live kingen würde. Auf ein paar nicht überragenden Livevideos auf YouTube hatte sie mich noch nicht überzeugt. Die Fußspuren von Andrea Mothes sind doch schon ziemlich groß. Optisch ist Nina H. eine imposante Erscheinung, was an ihrem Irokesenschnitt liegt, der gut 50 cm in die Höhe ragt und messerscharf in Fasson gebracht war. Spätests bei den drauffolgenden „Licht aus“, „Freitag der 13.“ und „Ein deutsches Lied“ zeigte sich aber deutlich, dass Nina H. perfekt zur Band passte. Der Vierer ist eine Einheit und brachte das auch knackig rüber. Das Publikum feierte Nichts mächtig ab und pogte mit. Bassist Joachim Krämer trug anstelle eines Gitarrengurtes seinen Fender an einer dicken Stahlkette um die Schultern. Eigentlich müssen seine Schulter und das Schlüsselbein ziemlich lädiert aussehen nach einem Konzert. Nach der Tango-LP war dann das Debüt an der Reihe und zwar wieder vier Songs hintereinander. „Eingeschlossen“, „Hallo Kartoffelsalat“, „Nichts“ und „10 Bier zuviel“ brachten die Stimmung noch weiter hoch, ehe mit „Die Gottesanbeterin“ das Reunions-Album Zeichen auf Sturm bedient wurde. Gleich folgend war dann „Allein zuhaus“ wieder das Debüt dran, ehe mit einem Dreierblock das aktuelle Album Tiefschwarz promotet und vorgestellt wurde. „Nitroglycerin“, „Mensch oder Maschine“ und „Kugel durch den Kopf“ fügten sich prächtig in den altbekannten Sound ein. Da war kein Unterschied feststellbar, weder musikalisch noch von der Stimmung bei den Leuten – das Level blieb hoch.
Dann aber kam endlich dieses prägnante Gitarrenriff, auf das fast alle gewartet hatten. Angezerrt und mit viel Chorus schredderte Meikel Clauss die metallischen ersten Töne von „Tango 2000“ durch den Raum. Alles tanzte ausgelassen, der Moshpit tobte kreuz und quer und jeder sang mit. Das klang wie eine Zeitreise über 40 Jahre zurück ins Jahr 1982. Die Band wurde begeistert gefeiert und verließ nach zig Verbeugungen die Bühne.
Ein Song fehlte aber doch noch, und schon bald kamen Nichts wieder zurück auf die Stage. Mit dem bekannten Trommelintro und den allgemein mitgegrölten „Heys!“ wurden alle eventuellen Tanzmuffel zur Seite getanzt oder mitgerissen. „Radio“ wurde besonders von der weiblichen Jugend abgefeiert, als ob es kein Halten gab. Nach fast zwei Stunden beschlossen Nichts einen tollen ausgelassenen Abend.


Ich hatte mich schon im Vorfeld mit Manager und Booker Hoffi unterhalten, und er teilte mir anschließend mit, dass Nichts im Jahr 2026 wieder nach München kommen werden. Dieses Mal brauch ich aber nicht auf den Nikolaus zu hoffen, denn der Termin liegt wahrscheinlich im sommerlichen Juli.
Setlist: Nichts
01 – Schwarze Gedanken
02 – Licht aus
03 – Freitag der 13.
04 – Ein deutsches Lied
05 – Eingeschlossen
06 – Hallo Kartoffelsalat
07 – Nichts
08 – 10 Bier zuviel
09 – Die Gottesanbeterin
10 – Allein zuhaus
11 – Nitroglycerin
12 – Mensch oder Maschine
13 – Kugel durch den Kopf
14 – Tango 2000
15 – Radio (Zugabe)
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