Flashback 50 – Gong – Shamal – Februar 1976


Was hat Frankreich mit dem englischen Canterbury und der dort beheimateten Musikszene zu tun? Der gemeinsame Nenner heißt Gong.

Der Canterbury Sound enstand Anfang der 60er Jahre im englischen Canterbury. Stilistisch im progressiven Rock angesiedelt ist diese Abart um einiges mehr Jazz-lastig und viel weniger bombastisch als der große Bruder. Eine der stilbildenden Formationen war die Gruppe Soft Machine um Daevid Allen, Robert Wyatt, Kevin Ayers und Mike Ratledge. Als Soft Machine 1967 auf Frankreich Tournee war, wurde dem Gitarristen Allen, einem australischen Beatnik, die Wiedereinreise nach Großbritannien verwehrt, da sein Visum und seine Aufenthaltsgenehmigung erloschen waren. Daevid Allen blieb kurzerhand in Frankreich und gründete zur Zeit der Studentenunruhen 1969, zusammen mit seiner Lebensgefährtin Gilli Smyth seine eigene Gruppe Gong. Ein Merkmal von vielen Bands der Canterbury Szene waren die vielen Besetzungswechsel. Auf den ersten sechs Gong-Platten zwischen 1969 und 1974 waren nicht weniger als 21 beteiligte Musiker zu hören. Mastermind und Gründer Allen stieg 1975 aus und der verbliebene Stamm bestand aus dem Saxofonisten Didier „Bloom“ Malherbe, dem Gitarristen Steve Hillage und dessen Lebensgefährtin Miquette Giraudy am Gesang, Mike Howlett am Bass, Drummer Pierre Moerlen, der auch seine Tubular Bells zum Einsatz bringt, Patrick Lemoine an den Tasten und Mireille Bauer an Glockenspiel, Xylophon und Percussion. In dieser Besetzung spielten Gong in der zweiten Jahreshälfte ’75 ihr neues Album ein. Als Produzent war niemand geringeres als Nick Mason, Mitgründer und Schlagzeuger von Pink Floyd verantwortlich. In den beiden Londoner Studios Olympic und Basing Street Studios wurde das Album Shamal eingespielt. Das Cover der Platte ist spartanisch gehalten und zeigt Sanddünen, fotografiert von Clive Arrowsmith mit dem orientalisch anmutenden Schriftzug Gong und Shamal.

Seite eins beginnt mit einem knackigen Basslauf, dezentem Schlagzeug und Klängen vom Glockenspiel und dem Xylophon. Obendrauf spielt eine Flöte ihre Kapriolen. Ein leise dahintreibender Rhythmus schiebt den Song vorwärts und man gerät unweigerlich ins Mitgrooven. Nach gut drei Minuten, ziemlich in der Mitte des Songs „Wingful of Eyes“, setzt der Gesang von Mike Howlett ein, der auch für Komposition und Lyrics verantwortlich ist. Fusion der Extraklasse, Jazzrock in einer unaufdringlichen Form, der begeistert und mitzieht. Das folgende „Chandra“ beginnt mit einem Wirbel auf den Becken, ehe auch gleich wieder der knackige Bass einsetzt, diesmal ziemlich funky antreibend. Die Musik stammt dieses Mal aus der Feder von Tastenmeister Lemoine, die Lyrics wieder von Howlett. Passend zum Cover weht der Wind laut über die Sanddünen der Wüste Gobi und eine Flöte spielt dazu eine chinesisch anmutende Melodie. Darauf abgestimmt kommt ein Xylophon zum Einsatz und man wähnt sich inmitten eines Bambushains in Fernost. Lautmalerischer Gesang aus dem Munde von Miquette Giraudy unterstützt den asiatischen Touch. Nach gut zwei Minuten entwickelt der Song jazzige Strukturen und Steve Hillages elektrische Gitarre konkurriert mit einer Violine, gespielt von Jorge Pinchevsky, einem argentinischen Violinisten. Die letzte Minute ertönt wieder der Wind, der neben den Sanddünen auch die letzten Fetzen der Flöte ins Nichts verweht.

Seite zwei beginnt mit dem jazzigen „Cat in Clark’s Shoes“, in dem ein knackiges Bassriff den Ton angibt, auf dem ein Saxofon seine musikalischen Purzelbäume schlägt. Der Song galoppiert regelrecht voran, bis nach zweieinhalb Minuten ein Break kommt und den Song dann in ein progressives Sammelsurium aus diversen Strukturen verwandelt, auf dem sich Pinchevsky erneut mit seiner Violine austoben darf. Schnell wechselt mit langsam ab bis hinein in einen Tango. Die einzigen Vocals, die man hier vernehmen kann, sind spanische Sprachfetzen. Verhallte Töne von den Tubular Bells, den Röhrenglocken, die man bereits von Mike Oldfield kennt, bestimmen den Grundton des folgenden „Mandrake“ aus der Feder von Schlagzeuger Pierre Moerlen. Der Song besticht im ersten Teil durch seine wunderbaren getragenen Harmonien aus der Flöte von Didier Malherbe. Nach etwas über zwei Minuten wechselt Malherbe zum Saxophon, welches sich jetzt gute eineinhalb Minuten wiederum fast mit dem Xylophon duelliert, ehe der Song für die letzten eineinhalb Minuten wieder in den ruhigen Part mit Glocken und Flöte zurück findet. Mit dem jazzig groovenden Titeltrack „Shamal“ werden die letzten neun Minuten des Albums bespielt. Ein knackiges, fast funkiges Bassriff bildet den Teppich, auf dem jedes Instrument seinen Solopart draufpflanzen kann. Der Song treibt vorwärts und schwillt auf und ab. Vom groovigen Sound her könnte der Songs auf jedem der frühen Passport Alben seinen Platz finden, schlichtweg grandios. Die spartanischen Vocals werden von Sandy Colley gesungen, bleiben aber dezent eher im Hintergrund. Nach gut neun Minuten fadet der Track langsam aus.

Shamal bedeutet „Norden“ im Arabischen, und bedeutet primär einen starken trockenen Nordwestwind, der im Sommer über Persien und dem persischen Golf weht und sehr oft Sandstürme mit sich bringt. Wie der Sandsturm bläst der musikalische Shamal durch die beiden Seiten des siebten Albums der Gruppe Gong. Das Album wächst mit jedem Hördurchgang, immer wieder fallen einem neue Kleinigkeiten im sehr homogenen Klanggefüge des Albums auf. Ein starkes aber leider oft unterbewertetes Album, welches im Schatten seiner berühmten großen Brüder Magic Brother (1969), Camembert Electrique (1971) oder Flying Teapot (1973) steht, aber das zu Unrecht. Noch in den Tagen der Veröffentlichung von Shamal stiegen Hillage und Giraudy aus der Band aus, weil Steve Hillage seine Solokarrierre starten wollte. Auch Pierre Moerlen beendete sein Gong-Kapitel, weil er mit dem Percussions Ensemble Percussions de Strasbourg auf Tournee ging.

Viele kamen und gingen im Kosmos Gong. Howlett stieg ebenfalls aus, Moerlen kam schon bald wieder zurück, spielte unter dem Moniker Pierre Moerlen’s Gong, und auch Allen und Smyth reformierten zusammen mit Hackett und Giraudy immer wieder mal ihre alte gemeinsame Band oder eines der vielen Nebenprojekte, in denen sich teilweise dieselben Musiker wie im Mutterschiff Gong tummelten. Wie eine große Familie, in der gestritten und sich wieder vertragen wird. Gong ist bis zum aktuellen Tag am Leben, mit komplett neuen Musikern, die das grandiose Erbe nicht nur verwalten, sondern der Chronik auch immer wieder neue Kapitel hinzufügen.

Gong – Shamal
A1 – Wingful of Eyes
A2 – Chandra
A3 – Bambooji
B1 – Cat in Clark’s Shoes
B2 – Mandrake
B3 – Shamal

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