CD-Review: LORD OF THE LOST – See You Soon


Das Jahr beginnt traurig – und das liegt an einer Singleauskopplung der Hamburger Goth-Rocker LORD OF THE LOST. Es ist schon beinahe unverschämt, was die Band ihren Fans zumutet, denn mit der zweiten Single aus dem aktuellen Album Die Tomorrow erfüllt die Band einen langgehegten Wunsch: „See You Soon“ war schon lange von Konzerten bekannt und wurde immer wieder als Albumversion gefordert. Im August 2012 kam die Band den Bitten nach und es könnte sogar der meistgehörte Song dieses Longplayers sein.
Was LORD OF THE LOST allerdings dazu bewogen, nun ein Single daraus zu machen, bleibt unklar.
Chris „The Lord“ Harms erzählte Anfang November in einer Fragestunde, warum er den Song geschrieben hatte – und die Erinnerung geht ihm sichtlich nahe. Ein befreundetes Pärchen wird beschrieben, das gemeinsam durch lange Krankheit gegangen ist, bis der Freund von Harms verstarb. Dem Sänger war dabei aufgefallen, wie viel Kraft sich die beiden gegenseitig gaben und dass sie immer lächelten. Ein sehr eindrückliches Erlebnis, denn Harms selbst war eher zum Heulen zumute und er verarbeitete seinen Schmerz – und seine Bewunderung – wie es sich für einen Musiker gehört in einem Song. Entstanden ist „See You Soon“, das trauriger nicht sein könnte.

Mit seiner wundervollen Stimme drückt der „Lord“ das aus, was er fühlt und fängt den Zuhörer ein. Man kann nicht umhin zu fühlen, wie tief der Schmerz sitzt und wie endgültig der Abschied ist. Dazu muss man nicht mal den Text kennen. Wer aber die Kraft findet, auf ihn zu hören, der wird erkennen, dass es trotz aller Endgültigkeit um Mut und Lebenswillen geht. Die Liebe der beiden zueinander ist spürbar und Harms macht mit seinem Song klar, wie viel Angst der Sterbende vor dem Tod hat, vor dem Unbekannten – und dass dieser eigentlich noch gar nicht gehen will. Es ist ein Flehen, das einem das Herz schier zerreißen mag: „Will you tell me see you soon“. Neben all der Trauer steckt aber noch eine Aufforderung in den Lyrics: „You have time to cry when I’m gone“, bitte, lächle jetzt, wenn mein Blick bricht und meine Stimme versagt, schenke mir ein Lächeln, denn das ist das Letzte, was ich von dieser Welt mitnehmen möchte. Was so einfach erscheint, wird bereits in dem Lied nicht leichtfertig besungen und ist in der Praxis erst recht nicht ohne weiteres umzusetzen.
Chris Harms beweist auf krasse und schmerzhafte Weise einmal mehr, welch herausragender Sänger und Songtexter er ist.
Die Albumversion ist etwas schneller, die Unplugged Version ist das, was einem die Tränen in die Augen treibt. Man könnte kaum einfühlsamer singen und kaum dramatischer zwischen den Zeilen beschreiben, was geschieht. Begleitet wird der Sänger vom Piano, das ihn geradezu eindringlich unterstützt.

Der heute veröffentlichte Clip dazu, ist nicht weniger schmerzlich. Er lebt von Bildern, der Natur, er lebt von Sylt und der Stille, die im Video herrscht, auch wenn es natürlich mit dem Song unterlegt ist und Harms auch mal singt.
Jedes Bandmitglied hat seinen Ort, seinen Auftritt, seine Zeit. Sie laufen am Strand entlang, sehen den Wellen zu, auf das weite, ferne Meer hinaus und blicken ins Nichts, als würden sie suchen und nicht finden. Der Wind spielt mit den Haaren, die Kälte ist deutlich zu sehen, Sonnenuntergänge bezeichnen auch das Ende eines Lebens. Die Musiker sind um die Augen herum dunkel geschminkt und gerade Harms kann man ein Leben ansehen, eine gewisse Müdigkeit. Das Gesicht wird verhärmt und die Augen wissend und traurig, als hätte er bereits zu viel gesehen und erlebt, um noch unbeschwert, jugendlich und frei sein zu können.
Auch Bo, Gared, Class und Disco wirken ruhig, in sich gekehrt, auch ihnen kann man eine gewisse Geschichte ansehen, aber bei weitem nicht so krass wie dem Bandleader.
Das Ende gibt den Blick frei auf einen Strand, die Musiker kommen alle zu diesem Ort, stellen sich nebeneinander auf und schweigen. Wie Freunde, die keine Worte brauchen, um alles zu sagen; wie die Geister von Verstorbenen, die gerne zurückkehren würden, um den Schmerz von den Hinterbliebenen zu nehmen.
Die Regie führt Jasmin Kreft, die ein gutes Auge für Stimmungen und Kameraeinstellungen beweist.

Der Song und das Video schneiden sich tief ins Herz und tun richtig, richtig weh. Beides rührt zu Tränen und ist nicht leicht zu verdauen. Keine Single, die man mal nebenbei hört, nichts, was als triviale Kost abgestempelt werden kann.
Dazu passt auch „Von Anfang An“, ein Song von LETZTE INSTANZ, die diesen auf dem aktuellen Album Ewig veröffentlicht haben. LORD OF THE LOST haben eine eigene Version in Zusammenarbeit mit den Kollegen entworfen und dabei Holly Loose die Hauptstimme gelassen. Er singt ruhig und klar einen Text, der nicht minder nachdenklich macht und auf verschiedene Weise interpretiert werden kann. Wer das Original kennt, der wird eine neue Perspektive bekommen: Harms singt dunkel und rau im Hintergrund, schreit irgendwann recht verzweifelt die Lyrics ins Mikro. Man hört die typischen Gitarrenparts, tief und mit erstklassigen Riffs, die LORD OF THE LOST ausmachen. Dabei kommt neben all der Melancholie auch etwas wie Wut und Trotz ins Spiel, was beim Original fehlt und höchstens verbal vorhanden ist.

Die Single ist durch und durch gelungen. Man kann sie nur jedem ans Herz legen, der trauert, der verzweifelt ist, der sich verstanden fühlen möchte – und wer weinen muss, der soll weinen, denn Tränen sind keine Schande.

LORD OF THE LOST – See You Soon (Digital Single)
Out of Line, 11.01.2013
Download bei Amazon für 1,79 €
Tracklist:
01: See You Soon  (Album Version)
02: Von Anfang An (Lord Of The Lost-Version feat. Holly Loose v. Letzte Instanz)
03: See You Soon (Unplugged Version)
Video 

LORD OF THE LOST sind ab 24.01.13 gemeinsam mit UNZUCHT auf Darkness-Kills-Tour

See you soon flyer

LETZTE INSTANZ sind ab 15.03.13 gemeinsam mit LOST AREA (außer 13.04. – Erfurt mit UNZUCHT) auf Ewig-Tour

Letzte Instanz

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