Rezension: Thomas Kuban – Blut muss fließen


Thomas Kuban ist ein Journalist, der etwas aufdecken möchte, also macht er sich um das Jahr 2002 herum an ein Mammutprojekt: Er möchte undercover in der rechten Szene recherchieren. Dazu legt er sich diverse Decknamen zu, filmt bei Konzerten und schleust sich überall ein. Angeblich bleibt er unentdeckt und steht bald vor dem Problem, dass sich kein TV-Sender für seine Ergebnisse interessiert. Nur ein paar Mal bringt RTL einen kurzen Beitrag. Zehn Jahre unter Nazis bringen den privaten und finanziellen Ruin, deshalb veröffentlicht er dieses Buch, um wenigstens ein bisschen Geld für seinen Einsatz zu bekommen. Ein bewundernswertes Projekt, das Unterstützung durch den Buchkauf verdient?

Eine klasse Recherchearbeit, so scheint es. Das Buch beginnt informativ, schockierend und auch wachrüttelnd, wenn man sich zuvor wenig mit dem Thema beschäftigt oder lieber die Augen verschlossen hat. Es ist interessant, wie die rechte Szene agiert, Nachwuchs rekrutiert und vor allem durch Konzerte, Klamotten und Foren ihr Gedankengut aufrechterhält und verbreitet. Der Leser erfährt viel von Abkürzungen, Plattenlabels und Klamottenläden, von bestimmter Bekleidung, Frisuren und Organisationen. Wie die Szene aufgebaut ist, wird ebenso geschildert wie das Zusammenspiel mit anderen, nicht minder gewaltbereiten Gruppierungen, etwa Hooligans oder Rockerclubs.
In 14 Kapiteln berichtet Kuban sehr anschaulich, was er auf den Konzerten erlebt hat, wie Nazis miteinander sprechen, welche Ziele sie verfolgen und wie unstrukturiert sie stellenweise auftreten. Hin und wieder werden Bezüge zu den großen Themen der Tageszeitungen deutlich, neben Anschlägen und Ausschreitungen auch die „Döner-Morde“ des NSU. Dabei wird bald klar, wo Polizei und Staat versagt, wo Ermittlungsfehler stattgefunden haben und große Versäumnisse zu Tage treten.
Kuban reist durch ganz Deutschland, später dann auch ins Ausland, um an Konzerten teilzunehmen und heimlich zu filmen. Immer wieder muss er Angst haben, aufzufallen – und er weiß, dass er dann vermutlich nicht mehr lange zu leben hat. Was Nazis mit Spitzeln und Verrätern anstellen, das sieht er mit eigenen Augen und es macht ihm Angst. Von seinem Vorhaben rückt er dennoch nicht ab, auch als kein Sender seine Aufnahmen bezahlen und ausstrahlen möchte.
Ein Jahrzehnt lang streift Kuban durch die Szene und lebt in und mit ihr – und irgendwie doch nicht, wie er hin und wieder betont. Es klingt wie ein falsches Bekenntnis, dass ihn Hitlergrüße und menschenverachtende Parolen abschrecken und anekeln. Sicherlich mag es stimmen, aber je weiter man im Buch liest, desto weniger kann man dem Journalisten glauben.

Ab etwa der Hälfte des Buches muss etwas mit Kuban durchgegangen sein. Seitenweise Hass und Arroganz sind zu lesen, Bloßstellungen und geradezu verleumderische Sätze lassen sich finden. Die anfängliche Sachlichkeit ist reiner Emotion gewichen, die nichts mehr damit zu tun hat, irgendwelche Neonaziverbrechen aufzudecken, sondern nur noch Rache ausstrahlt. Kuban wagt einen Rundumschlag, Politiker (aber nur die bestimmter Parteien), vorzugsweise Bayern und Baden-Württemberger, vor allem aber die Polizei werden aufs Niederträchtigste zitiert und beleidigt.
Ja, die Polizei macht Fehler; ja, die Polizei hat in bestimmten Situationen nicht eingriffen; ja, es gab und gibt Versäumnisse. Dass Kuban es aber wagt, die Polizei als Nazifreunde darzustellen, die nichts gegen Rechtsradikale unternehmen und sich in gewissen Situationen sogar zurückziehen, anstatt die Konfrontation zu suchen, ist derart unglaublich, dass man es nicht mal in Worte fassen kann. Der Autor kommt gar nicht auf die Idee, dass Polizisten zum einen auch nur normale Menschen sind und zum anderen eine Ausbildung haben, die ihnen manchmal gebietet, den Rückzug anzutreten und es eben nicht drauf ankommen zu lassen – beispielsweise um Zivilisten nicht zu gefährden. Auch haben Ausschreitungen gezeigt, dass Polizisten ihr Leben riskieren und manchmal sogar verlieren, wenn es zu Auseinandersetzungen kommt. Berufsrisiko? Ja, aber kein Polizist muss sehenden Auges in seinen qualvollen Tod rennen – und dass er das nicht tut, macht ihn nicht zu einem Nazifreund.
Auch Bayern sind nicht generell Nazis, nur weil sie … Bayern sind. Natürlich gibt es im Freistaat eine rechte Szene, die gibt es in den Neuen Bundesländern aber genauso, teilweise stärker. Aber darauf kommt Kuban lieber nicht zu sprechen. Es macht ihm dafür große Freude, auf Günther Beckstein verbal einzudreschen, weil dieser einmal sagte, dass jemand, der von staatlichen Sozialleistungen lebt, kein deutscher Staatsbürger ist und dennoch laut herausbrüllt „Scheiß Deutschland!“, vielleicht mal drüber nachdenken sollte, was er da sagt. Und nein, gezwungen wird niemand, hier zu blieben. Das macht aber niemanden, der Beckstein zustimmt, zu einem Nazi.
Einzig und allein positiv hervorgehoben wird die Linke. Eine Vorzeigepartei, die alles komplett richtig macht und als einzige die Gefahr erkennt, die in diesem Nazi-verseuchten Land brodelt.

Kuban geht aber noch weiter, trampelt auf einer Generation herum, die sich nicht mehr für den Zweiten Weltkrieg verantwortlich fühlt, weil sie ihn um knappe 40 Jahre verpasst hat und es leid ist, für die Sünden der Väter zu bezahlen und immer noch als Nazis tituliert zu werden. Nein, der Deutsche ist schuld und das bis in alle Ewigkeit. Wer das abstreitet ist – genau – rechts!
Eine einfache Gleichung, die aber leider nicht aufgeht.

Den größten Hammer, den Kuban sich erlaubt, eine Unverschämtheit sondergleichen, durch die er sich selbst in wenigen Sätzen derart unglaubwürdig macht, ist seine angebliche „Recherche“ zu Nazis und ihrer Unterwanderung und Beheimatung in der Metal-Szene. Denn Metaler sind rechts, auch wenn sie lange Haare haben. Er führt Bands wie die umstrittene Formation Frei.Wild und die eindeutig rechte Gruppe Absurd an und setzt sie als stellvertretende Beispiele für die gesamte schwarze Szene ein. Rockröhre Doro Pesch ist auch so eine Nazibefürworterin, die von der Szene gefeiert wird.
Dass es hier auch einige rechte Tendenzen gibt, bestreitet wohl niemand aus der Metal-Szene, dass die gesamte Szene aus Nazis besteht, ist jedoch eine dreiste Lüge.
Kuban zieht dann noch über die Mittelalterszene her, die ebenfalls rechts ist. Überhaupt ist alles rechts. Ganz Deutschland scheint ein Sumpf aus Nazitum zu sein, dem nur die Linke und Herr Kuban trotzen.
Irgendwann, wenn man nicht mehr weiß, ob man weinen, lachen oder das Buch wegwerfen soll, fängt Kuban an, dass die Metal-Szene aus Satanisten zusammengesetzt ist, die Kirchen anzünden, Mitmenschen umbringen und von Odin singen – auch ein deutlichen Zeichen für rechtes Gedankengut. Er reißt wahllos Texte aus dem Zusammenhang, stellt sie als Hitler-verherrlichend dar, obwohl diese damit gar nichts zu tun haben. Nur, weil es um Nordische Mythologie und um Kampf geht, nur weil mal „Hail“ gesungen wird – und mit Verlaub, „Hail“ bzw. „Heil“ sind normale Wörter und der Ausruf ist nicht ausschließlich rechts. Wacken ist ja auch das Nazi-Festival schlechthin. Nein, das sagt Kuban nicht wörtlich, aber sinngemäß. Endgültig lachen musste ich dann, als Kuban über die Liedzeile schimpfte: „Gott ist tot!“ Krasse verbale Naziattacke gegen Juden, Christen und überhaupt. Vielleicht würde die Lektüre von Nietzsche und Feuerbach helfen, die diesen Satz geprägt haben – und das zu einer Zeit, in der Hitler noch nicht einmal geboren war.

Das Buch ist, gelinde gesagt, das Papier nicht wert, auf dem es gedruckt wurde. Die sachliche Recherchearbeit wird irgendwann unterwandert von blankem Hass gegen alle, die Kuban nicht unterstützt haben – oder ihm einfach nicht in den Kram passen. Die wirklich interessanten Punkte könnte man auch auf ein Drittel der Seitenzahl reduzieren.
Offen bleibt die Frage, weshalb Kuban nicht früher aus der Szene ausgestiegen ist, wenn diese ihn doch so ruiniert und abgestoßen hat und es ja offensichtlich kein Interesse an dieser Arbeit gab. Hat es ihm doch gefallen? Seine eigene Rolle, sein eigenes Verhalten bleiben ein bisschen zu stark außen vor. Er spricht immer wieder von Angst, wenn die Szene rausbekäme, wer er wäre, was er dann zu erwarten habe – zeitgleich präsentiert er sich in Talkshows im TV. So gewaltbereit, wie Rechtsradikale sind, wundert es mich sehr stark, dass diese ihm nicht auflauern und das tun, was man in der Szene mit Spitzeln und Aussteigern so macht. Es passt nicht zusammen und ein bitterer Nachgeschmack bleibt. Am Ende muss man auch gar nicht mehr nachfragen, warum kaum ein TV-Sender seine Recherchearbeit unterstützt hat.
Fast scheint es so, als habe Kuban von der Szene, die er zu verurteilen vorgibt, drei Dinge gelernt: Verbreitung von Vorurteilen ohne zu hinterfragen, was die Wahrheit ist. Intoleranz allen und allem gegenüber, wen oder was er nicht mag. Hass – gegen alles.

Vor Erscheinen des Buches wurde aus dem vorliegenden Recherchematerial ein Film gedreht, bei dem Peter Ohlendorf Regie führte und als großzügiger Sponsor auftrat. Unter dem Titel Blut muss fließen zeigte man den Film 2012 auf der Berlinale.


Thomas Kuban – Blut muss fließen. Undercover unter Nazis
Campus Verlag, 2012
316 Seiten, inkl. Register und einiger Schwarzweißfotos
Broschiert: 19,99 €
Kindle-eBook: 16,99 €
Amazon

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