14.12.2013 Kraut und Drastik, Münchner Kammerspiele


Gut gemeint, schlecht gemacht

k-d-1-20131214_203307Bei manchen Veranstaltungen überlegt man sich genau, ob man hingeht. Bei manchen denkt man lange darüber nach, ob und wie man die Review schreibt. Aber ganz vorenthalten möchte man den Lesern die Bemühungen und einen eigentlich gute Abend dann doch nicht.Kraut und Drastik klingt vorerst befremdlich und es sind wohl doch die Namen, die das Publikum anziehen. Michael Rother, Stabil Elite, Carl-Ludwig Reichert, meinetwegen auch Peter Wacha. Sie alle sitzen zusammen auf dem Sofa im Werkraum der Münchner Kammerspiele – ein kahler Raum mit einer Ziegelmauer, etwas familiär angehaucht durch die Couch und die beiden Stühle, die irgendwie Retro sind. Bald wird klar, dass die Veranstaltung ausverkauft ist und viele an Krautrock interessiert sind, weil sie die Anfänge noch erlebt haben oder etwas später auf den Geschmack gekommen sind. Vorne sitzt Michael Rother, zu dem man gar nicht mehr viel sagen muss, es reicht, wenn man Kraftwerk, Neu! oder Harmonia als Stichpunkte aufzählt, denn das sind Stationen des Musikers, Musikprojekte, die eine Stilrichtung prägten. Daneben Peter Wacha, der Münchens Szene sehr gut kennt, sie vielleicht auch ein wenig mitgestaltet hat, und vor allem mit Disco B und Optimal Records in Verbindung gebracht wird. Nicolai Szymanski ist von der jungen Krautrockband Stabil Elite und soll wohl berichten, wie man heutzutage zu dieser Musikrichtung stößt und was sie einem bedeuten kann. Carl-Ludwig Reichert ist nicht nur beim Bayerischen Rundfunk tätig, sondern auch Gründer der Münchner Band Sparifankal. Moderator ist Tobias Staab, der sich auf den Abend gut vorbereiten musste, und für den Krautrock auch noch eine relativ fremde Welt zu sein scheint. Am Plattenteller steht Dirk Wagner von der Süddeutschen Zeitung, der uns Krautrock musikalisch näherbringen soll.k-d-1-20131214_223044Es ist verzeihlich, dass Staab, der an sich ein guter Moderator ist, Jahreszahlen durcheinanderbringt, und nicht so genau weiß, dass Neu! sich eigentlich niemals aufgelöst haben. Weniger verzeihlich für die komplette Runde ist das Chaos, das Nichtssagende, das große Fragezeichen, das bald über den Köpfen der ganzen Zuschauermenge steht. Was will man uns sagen? Ziel des Abends sollte es sein, den Anwesenden Krautrock als Bewegung, Musikrichtung, Protest – einfach mal Krautrock als solches zu definieren, die Entstehung ein wenig zu erläutern und eben einen namhaften Krautrocker mal zu Wort kommen zu lassen. Michael Rother allerdings hat kaum die Chance etwas zu sagen, sieht stellenweise sichtlich gelangweilt aus und gehört gar nicht hierher. Man hätte von ihm wohl einiges mehr erfahren können, Fakten und Anekdoten und Musikgeschichte hören können, wenn man etwas mehr Struktur in die Gesprächsrunde reingebracht hätte, was dem Moderator leider nicht gelang. Schade, dass man nicht Carl-Ludwig Reichert, der bald auch einen eher genervten Eindruck macht, die Moderation übergeben hat. Peter Wacha weiß zu allem was zu sagen, manchmal ist es eher Selbstdarstellung als nette Anekdote, aber er bringt Lokalkolorit ins Gespräch, und das ist vor allem für die Jüngeren immer wieder nett. Wer leider so gut wie gar nicht zu Wort kommt, ist Nicolai Szymanski. Der junge Musiker hat sicherlich ein bisschen mehr zu sagen, als die zehn Sätze, die er schnell runterleiern kann, bevor er wieder unterbrochen wird.
Man muss nun wirklich kein Plattenliebhaber sein, um zwischen blankem Entsetzen und einem bitteren Weinkrampf schwebend den Pseudo-DJ zu beobachten. Selbst ich, die ich die Schallplattenzeit nur noch ganz knapp in den Ausläufern erlebt habe, weiß, dass man nicht einfach mitten drauftatscht und sie auch nicht mal eben quer über den Plattenteller schiebt und weiteres. Die Musikbeispiele sind Kraftwerk und noch irgendwas Einschlägiges, das mir nicht mal im Gedächtnis bleibt. Nun weiß ich, dass Krautrock Elektromusik ist. Dafür erzählt Dirk Wagner von … keine Ahnung. Ein herrlicher Selbstdarsteller, der sich wahnsinnig gerne reden hört, nur leider zum Thema sehr wenig Fundiertes zu sagen hat. Die Leute um mich rum fangen fast das Randalieren an, weil sie nahezu sämtliche Aussagen widerlegen können.

k-d-1-20131214_224258Irgendwann hat das Elend ein Ende, und ich war selten so froh. Lerneffekt gleich Null, Interessantes zum Thema Krautrock, zur Einführung in die fünfteilige Reihe und musikalische Beispiele, die mir das Genre näherbringen, sind leider Fehlanzeige. Mieser Auftakt, der zu sehr aus dem Ruder gelaufen ist, lautet nicht nur mein persönliches Fazit des ersten Teils des Abends.

Es geht aber weiter, und endlich kommen wir mal zum Kern der Sache. Michael Rother und Hans Lampe gehen auf die Bühne und zeigen mal, was Musik ist. Lampe gibt am Schlagzeug alles und stellt so manchen jungen Drummer in den Schatten. Mit viel Energie und noch mehr Spaß fetzt er die Songs runter, bei denen ich mich ernsthaft frage, sind die alle improvisiert (was eine klasse Leistung wäre!)? Oder handelt es sich hierbei wirklich um komponierte und probbare Stücke (was mich mit der großen Frage nach dem “Wie?” zurücklassen würde)? Jedenfalls erleben nun die Anwesenden, die ganz nah an die Musiker herantreten dürfen, die ohne Graben und Security einfach spielen, was Krautrock ist. Dabei strahlen Rother und Lampe Leidenschaft und viel Talent aus, so dass Zuhören und Zusehen zur wahren Freude werden. Der einstündige Auftritt lässt für die ältere Generation alte Zeiten aufleben – für die Jüngeren bedeutet es ein bisschen Wehmut, im Bezug auf das, was man verpasst hat.

Stabil Elite stehen danach auf der Bühne, zu spät, zu blass. Es ist schade, dass die jungen Talente weniger Aufmerksamkeit bekommen, aber das liegt einfach an der leider etwas ungünstigen Planung. Man ist wegen Rother und Lampe da, wegen der Diskussion – auch wenn die bescheiden war -, aber nicht wegen einer jungen und noch ziemlich unbekannten Band.

Das Fazit des Abends fällt sehr gemischt aus. Die Diskussion wirkte unstrukturiert und hätte ebenso wegfallen können. Selbstdarsteller braucht eine solche Veranstaltung nicht, lieber Gesprächspartner mit Wissen, die wirklich was zu sagen haben. Positiv waren beide Konzerte, auch wenn ich Stabil Elite weniger abgewinnen konnte. Mitunter ist es sehr abstoßend, wenn Musiker gleich beim ersten Song mit Kippe auf der Bühne stehen, auch musikalisch hab ich nicht ganz den Draht zu ihnen finden können.

Kraut und Drastik ist eine fünfteilige Reihe, die bis Mai in der Werkstatt in den Münchner Kammerspielen stattfinden wird. Man sollte schnell sein, die Karten sind begrenzt und begehrt. Termine: 25.01., 15.03., 05.04. und 17.05. Eintritt: 15 €.

 

Fotos by LJ.
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