25.01.14: Kraut und Drastik 2


War die erste Veranstaltung einer Reihe eher bescheiden – um nicht zu sagen, ziemlich schlecht- , dann überlegt man doch sehr genau, ob man sich zum zweiten Teil noch aufraffen soll. Wer es dennoch wagt, erlebt bisweilen Überraschungen, positiv wie negativ geartet.

Als wir in den Kammerspielen ankommen, ist noch nicht viel los. Kurz zuvor hatten die Veranstalter auf Facebook einen Ablauf des Abends gepostet, der bereits bei Tagesordnungspunkt 1 nicht eingehalten wird. Während sich das Foyer immer mehr füllt und man schon die Prominenz hin- und herlaufen sieht, steht eine wichtigtuerische Türsteherin vor den Glastüren – und die Zeit läuft. Warum auch immer, sie darf uns nicht reinlassen, Tobias Staab, Kurator und Initiator dieser Veranstaltung hat ihr kurz vor 19:30 Uhr zugeraunt, dass es ein ziemlich knapper Einlass werden soll. Langsam fängt das Rumoren an, meine Laune singt mit jeder der 24 Minuten, die wir rumstehen müssen. Wird dieser Abend wieder ein Desaster?

Mit fünfminütiger Verspätung geht es los. Heute ist die Werkstatt weniger vollgestellt, das Publikum, das nur noch Stehplätze ergattern konnte, wird zum 70er Jahre „Auf dem Boden sitzen“ eingeladen und nimmt dies gerne an.

Vorne sitzen natürlich Kurator und Moderator Tobias Staab, der sich heute erheblich besser vorbereitet hat und aufgeräumter wirkt. Die Aufregung vom letzten Mal scheint verflogen, dafür hat ein paar engbeschriebene Seiten in der Hand, die ihm eine gewisse Sicherheit zu geben scheinen, was positiv auffällt. Sympathisch stellt er seine Gäste vor, führt durch die Diskussion, kratzt hier und da nicht nur an der Oberfläche und gibt dem Publikum zu Beginn auch einen Fahrplan des Abends an die Hand. Wer vor ihm sitzt, weiß er ganz genau heute und es ist erheblich besser, dass nur er und zwei Gäste reden. Kein sich profilierender DJ, keine vier Erzähler auf dem Sofa. So hat alles seinen Raum, jeder kommt zu Wort, jeder kann erzählen und den Zuschauern wird wirklich Inhalt geboten und nicht nur Bla Bla.

Hans-Joachim Irmler ist bekannt durch FAUST und seine selbstgebastelte Orgel, die er damals bereits hatte und heute immer noch spielt. Immer wieder, so gibt es er selbst an, bastelt er an ihr herum, schraubt an dieser Ecke, verfeinert an einer anderes. Man kann es hören, später dann, wenn er auftritt, denn das gute Stück steht im hinteren Bereich der Bühnenfläche. Was wie ein Kabelsalat und technisches Ungetüm aussieht, wird an diesem Abend noch richtig begeistern können. Irmler erzählt von den Anfängen, von seinem Label Klangbad Records, einem Festivals, das leider aus Kostengründen nicht mehr stattfinden kann.

Jaki Liebezeit von CAN beugt sich meist weit nach vorne und hört aufmerksam zu. Teilweise wirkt wie ein scheues Reh, das grelle Licht, das auf ihn gerichtet ist, scheint ihm gar nicht zu gefallen. Hin und wieder erzählt er, macht kleine Witze, berichtet über seinen musikalischen Lebensweg. Dabei wird schnell geklärt, dass FAUST und CAN sich damals gar nicht getroffen haben und Irmler und Liebezeit erst vor drei Jahren durch das Klangbad-Festival aufeinander gestoßen sind. Was allerdings eine gute Zusammenarbeit zur Folge hatte.

Dann geht es um den Jazz, der doch sehr festgefahren und einschränkend war. Keine Wiederholungen, das war verpönt. Aber gerade Wiederholungen zu wichtigen Elementen einer Komposition werden! Liebezeit meint auf die Frage, wie frei der Jazz wirklich sei: „Wie ein Fußballspiel ohne Tore!“ Damit spricht er manchen aus der Seele und bringt etwas auf den Punkt, was andere mit vielen Worten und sehr umständlich zu erklären versuchten. Dafür findet er es auch nicht so schlimm, als Minimalist bezeichnet zu werden. Liebezeit ist sehr sympathisch und hat die Lacher oftmals auf seiner Seite. Er erzählt: „Manchmal wurde gesagt: Du wiederholst dich dauernd. Dir fällt nichts ein! Das stimmte zum Teil auch!“ Und doch war und ist es Musik, was CAN und Liebezeit gemacht haben. Hier verrät er auch: „CAN wurde oft mit den drei Begriffen in Verbindung gebracht: Communism – Anarchism – Nihilism.“

Aber auch wenn im Jazz Wiederholungen verpönt waren, woanders sorgten sie für den richtigen Rhythmus und waren ein gern gesehen Element in den Kompositionen, die niemals zu Papier gebracht wurden. Man spielte eben nicht vom Blatt ab, man improvisierte und spielte das, wonach einem war. Scheinbar hat sich das auch ziemlich gelohnt, denn es ist wahrlich gute Musik dabei entstanden.

Irmler erzählt, dass FAUST auch nie Noten aufgeschrieben hatte und bald aus der Stadt Hamburg auf das Land geflüchtet ist, weil man Bedenken hatte, man könne gefährlich beeinflusst werden. Dann geht es um Takt, um den deutschen 4/4-Takt, ohne den man anscheinend gar nicht leben kann, der aber langweilig und festgefahren ist. Hier in Europa ist alles quadratisch, findet Liebezeit, und will ausbrechen, was er in seiner Musik auch deutlich macht. Türken tanzen sogar zu einem 9/8-Takt, gibt er an und wünscht sich, dass wir das auch lernen. Dass wir freier werden und rauskommen aus dem Quadrat. Wer keine Noten kenne, habe mehr Rhythmus, so seine Theorie und belegt das mit afrikanischen Stämmen, die einfach drauf los spielen, die nach dem Herzen spielen und nicht nach schwarzen Punkten auf einem Blatt Papier. Vielleicht macht das auch FAUST und den Kollegen Irmler noch mal interessanter, die hatten nämlich auf den Konzerten gerne einmalige Musik. Ein Betonmischer mit Ziegelsteinen, ein zertrümmerter Fernseher, ein Flipper. Mit all dem kann man gute Musik machen, man muss nur hinhören! Schließlich gibt er auch ein ganz klares Statement ab: „Ich fand Blues immer scheiße!“

Nach einer Stunde hat das desinteressierte Publikum die Möglichkeit für Fragen. Aber nur zwei Menschen trauen sich, einer scheint etwas nervig durch sein Unvermögen, nach LPs zu suchen. Ein anderer brüllt dazwischen, dass das Gequatsche endlich zu Ende gehen soll und man doch Musik hören möge. Wer so desinteressiert an Diskussion und Künstlern ist, sollte in Zukunft lieber mal von solchen Veranstaltungen fernbleiben. Aber gut, auch hier gibt es niveaulose Spinner.

So stellt sich Jan Schulte ans DJ Pult und spielt recht basslastige Scheiben. Die Zuschauer gehen nach Hause oder rum, begrüßen sich, ratschen, trinken. Nur wenige tanzen und wippen ein bisschen i Takt, dabei hat Schulte ehr drauf als sein Vorgänger.

Beim Konzert ist es dann scheinbar wieder etwas voller, manche bleiben sitzen, viele gehen nach vorne, irgendwann trauen sich manche zu tanzen. Es ist definitiv gewöhnungsbedürftig, wie sie eine Gruppe Frauen im scheinbaren Drogenrausch selbstvergessen und nicht mal dem Takt folgend irgendwelchen Klängen hingibt. Vielleicht bin ich auch einfach nur zu jung, um das zu verstehen. Irmler und Liebezeit aber harmonieren sehr gut miteinander, geben aufeinander Acht, spielen, wonach ihnen der Sinn steht, selbstvergessen, ekstatisch. Die beiden werden mit großem Applaus zu einer Zugabe aufgefordert, ehe sie unter Jubel die Bühne verlassen.

Es war ein toller Abend und man hat definitiv aus den Fehler des ersten Mals gelernt. Die Diskussion war strukturiert und interessant, das anschließende Konzert hat Spaß gemacht und mitgezogen. Weiter so!

Kraut und Drastik 3 findet am 15.03. im Werkraum der Münchner Kammerspiele statt. Karten gibt es ab 15.02. zu kaufen. Mit dabei: Hans-Joachim Roedelius (Cluster / Harmonia), Juju und Jordash (Dekmantel) feat. Dominik von Senger (Phantom Band / Dunkelziffer), DJ Mooner (Elaste / Erkrankung durch Musique).

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