Buch: Rob Hart – Der Store


Paxton braucht einen Job, um zu überleben. Genauso wie tausende andere Anwärter, die sich bei Cloud bewerben. Zinnia hat einen Auftrag und sechs Monate Zeit. Keinen Tag länger möchte sie in der MotherCloud verbringen, wie ein Hamster im Laufrad, mit ewig gleichen Abläufen. Doch die Welt vor den Toren der Anlage bietet nichts, nur Leere, Armut und unerträgliche Hitze …

Der Griff zum Handy, das Aufrufen der Shoppingwebseite, mit zwei Klicks gekauft, bezahlt und am nächsten Tag wird es geliefert. Wartezeiten kennen wir nicht mehr und wenn doch, sind wir genervt. Die Bequemlichkeit des Fortschritts, des Internets macht nicht nur den Einzelhandel kaputt und verwandelt lebhafte Städte in ausgestorbene Ruinen. Sie macht den Menschen bequem, unzufrieden und zu einem Zahnrad in einem System, das freien Willen unter sich begraben hat. Der Store beschreibt die fatalen Folgen eines unaufhaltsamen Klimawandels, der Klimaflüchtlinge an die Grenzen der nördlicheren Länder treibt, wo das Leben noch einigermaßen erträglich ist, wo sie aber vor verschlossenen Türen stehen und sich dramatische Kriege ums nackte Überleben entwickeln. Außerdem zeigt das Buch detailliert auf, wie zuerst die kleinen Geschäfte verschwunden sind, schließlich die Ketten, bis am Ende nur noch ein übermächtiger, alles verschlingender Anbieter übrig geblieben ist, der die Menschen sättigt und den Konsumhunger befriedigt. Hersteller wurden in den Ruin getrieben, Anbieter unterboten. Der Markt bestimmt und der Markt sind wir, jeder einzelne Konsument. Während die Konsumenten aber nur nach der blinden Geilheit des Geizes streben und das billigste Produkt kaufen, geht er zugrunde. Wo kein Wettbewerb mehr stattfinden kann, gibt es auch keine Arbeit mehr. Cloud, der Onlinehändler, der sich nach und nach in alle Lebensbereiche gedrängt hat und ohne den ein Leben gar nicht mehr vorstellbar ist, scheint der nahezu einzig letzte Arbeitgeber zu sein. In den MotherClouds ist man nur noch eine Farbe, die den Arbeitsplatz bestimmt, lebt in einem tristen, eintönigen Sein, jeder Tag ist gleich, jeder Handgriff ist automatisiert, alles ist kontrolliert und überwacht. Ohne Kameras, denn es wäre ja unangenehm, wenn man sich ständig beobachtet fühlte. Nein, man bekommt eine Smartwatch, ein CloudBand, das einem zu den vorgesehenen Bereichen Zutritt verschafft, das stets getragen werden muss, mit dem man alles tun kann, bezahlen, Fragen stellen, Türen öffnen – und das jeden Schritt aufzeichnet.

Rob Hart hat die Must Reads einer älteren Generation gelesen und verstanden und sie für die jüngere Generation zugänglich gemacht. Wer mit dem Internet und den unbegrenzten Möglichkeit aufwächst, wer keine Grenzen kennt und auf Sozialen Netzwerken sein Leben teilt und denkt, mit den Einstellungen seine Privatsphäre schützen zu können, wer alles mit einem Klick kaufen und sich bis vor die Haustüre liefern lassen kann – der kann Soilent Green, 1984 oder Fahrenheit 451 und Brave New World nicht mehr verstehen. Er muss diese monumentalen Dystopien belächeln und sich fragen, wie die Menschen so leichtgläubig und blöd sein können, diese Zukunft zuzulassen. Dabei sieht ein junger Mensch aber kaum, dass er sich genau in diesen Dystopien bereits bewegt und die Zukunft keineswegs besser, sondern erheblich düsterer wird, als OrwellBradbury oder Huxley sich ausgemalt hatten. 

Berechtigt mag die Kritik sein, Hart hätte aus diesen Werken schonungslos abgeschrieben, aber genau das macht das Buch so wichtig und gerade brillant, weil er die Erwartungen und die Mahnungen dieser Werke in die heutige Zeit für eine jüngere Generation aufbereitet und zugänglich, geradezu verständlich gemacht hat. Hart zeigt auf, wie die Menschheit sehenden Auges in ihr eigenes Verderben läuft und ihr höchstes Gut, die Freiheit für grenzenlose Bequemlichkeit wegwirft. „Die Freiheit gehört Dir, bis Du sie aufgibs.t“ (S. 536 u.ö.) ist neben „Der Markt bestimmt.“ (S. 434 u.ö.) einer der Schlüsselsätze dieser Dystopie und gleichzeitig eine Aufforderung an eine Generation, die sich besinnen muss und nicht mehr blind ihren Zwängen, ihrem Vergnügung und ihrer Faulheit folgen darf.

Ist es zu spät? Kann man das Ruder noch herumreißen oder steuert die Gesellschaft unaufhaltsam dem Abgrund, dem eigenen Verderben und einer dunklen Zukunft voller Not, Elend, Hunger, Kriegen, Neid und Klimakatastrophen entgegen. Einer Welt, in der nur ein paar wenige Reiche das Sagen haben und sich alle Freiheit, alle Demokratie, alle Selbstbestimmung unter den Nagel reißen und für jeden einzelnen Menschen Entscheidungen treffen und bestimmen, was er zu tun, arbeiten, essen, sagen und denken hat? Ist der Point of no return bereits überschritten? Ein ganz klares Ja! Der Store ist keine Geschichte über eine ferne Zukunft, es ist unsere Geschichte über die Jetztzeit mit einem Ausblick, einer deutlichen Mahnung und gleichzeitig mehrerer Aufforderungen.

Die oben genannten Bücher sind auch in diesem Roman noch verfügbar, aber keiner möchte sie bestellen und lesen. Wir hatten diese Warnungen stets vor Augen und haben sie nicht ernst genommen. Hier steht die erste Aufforderung: Lest! Lesen bildet und lässt über den Horizont hinausblicken, Zusammenhänge erkennen und bestenfalls animiert es zum Umdenken und Einschreiten. „Der Markt bestimmt“ – und der Markt sind wir, jeder einzelne von uns. Natürlich ist es bequemer mit einem Klick von überall aus alles kaufen zu können, aber damit richtigen wir Geschäfte und Städte zugrunde und zerstören auch unsere Arbeitsplätze tagtäglich. Billig muss es sein, ja klar, aber verdienen mag man hohe und noch höhere Gehälter. Wie soll das gehen? Es ist unmöglich. Jeder einzelne von uns bestimmt, ob der Laden an der Ecke morgen noch da ist, Arbeitsplätze bietet und ein ausreichendes Angebot präsentiert.  Zuletzt aber die wichtigste Aufforderung und gleichzeitig das höchste Gut: die Freiheit. Sie gehört uns, jedem einzelnen, bis wir sie aufgeben. Wir haben verlernt, was Freiheit ist, was es bedeutet, sie zu haben und haben uns aus Bequemlichkeit einer Freiheit hingegeben, die eine Farce ist und uns geradewegs ins Verderben führt.

Der Point of no return ist bereits überschritten, aber man kann jederzeit gehen, sich seiner Freiheit besinnen und etwas Neues aufbauen, auch wenn das Zeit braucht und Entbehrung verlangt. Mit Wissen, Forschung und Mut müssen Lösungen gefunden werden, um die drohenden Katastrophen aufzuhalten und ihnen entgegenzuwirken, auch wenn man sie nicht mehr komplett verhindern kann.

Als offene Frage und kleine Kritik am Roman bleibt der Punkt, wer außerhalb der Clouds eigentlich noch lebt und es sich leisten kann, zu konsumieren, Millionen von Artikeln einzukaufen und sich liefern zu lassen. Wie machen diese Personen Geld und wie leben sie? Hier fehlt ein kurzes Kapitel, ein kleiner Einblick in das Leben draußen, das es geben muss.

Der Store ist der Roman einer ganzen Generation und die neue Pflichtlektüre für Jung und Alt.

5/5

Rob Hart – Der Store
Heyne, 2019
592 Seiten
Hardcover: 22,00 €

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