Portrait: Fall and Rise of Jeff Hardy – The Fall…


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„It all started years ago with a trampoline in North Carolina…“

Mit diesen Worten nimmt der Wrestler Jeff Hardy 2008 den Slammy Award der WWE für den „most extreme moment“ entgegen und blickt auf ein bis dato bereits bewegtes Leben zurück. Begonnen hat alles jedoch noch viel früher. 1977 wird Jeffrey Nero Hardy als zweiter Sohn von Claude Gilbert [edit: nach längerem Krankenhausaufenthalt verstarb dieser am 06. April 2021 in den frühen Morgenstunden im Beisein seiner Söhne Jeff und Matt zu Hause in Cameron.] und Ruby Moore Hardy geboren. Der Vater ist Tabakfarmer, die Mutter treibt gerne Sport und wird später als eifrige Kirchgängerin und wundervolle, herzliche Person beschrieben. Ruby ist der Dreh- und Angelpunkt in der Geschichte der Tag-Team-Legenden Hardy Boyz. Bis 1986 gibt es wenig, was man über die Brüder nachlesen kann. Ein paar Fotos machen vor allem im Internet die Runde und zeigen eine normale Familie von nebenan, den kleinen Blondschopf, der etwas verträumt in die Welt schaut, und den neugierigen dunkelhaarigen Bruder. Doch 1986 ändert sich für die Familie schlagartig alles, als Mutter Ruby die Diagnose Krebs erhält. Ein Hirntumor quält sie ein Jahr lang, bis sie im Beisein ihrer Familie im Krankenhaus verstirbt und neben dem trauernden Ehemann die beiden Söhne zurücklässt. Die zeitliche Einordnung ist allerdings schwierig. In der Biografie von 2003 gibt Jeff an, seine Mutter sei 1986 erkrankt und ein Jahr nach der Diagnose verstorben. In einer Episode der Hardyshow, die es eine Zeitlang zu unterschiedlichen ernsten und amüsanten Themen auf YouTube gab, geht es um Eltern. Darin wird ein Grabstein gezeigt, der das Todesdatum von Ruby Moore Hardy auf den 20. Oktober 1987 datiert, Jeff wäre somit zehn Jahre alt gewesen, jedoch immer noch viel zu jung, um seine Mutter gehen lassen zu können. Der Tod prägt die beiden Kinder; ihr Handeln, ihr Leben, ihr Glaube und ihre Liebe werden für immer davon beeinflusst sein.

Die Hardy-Brüder erzählen von einem strengen Vater, der sie mit einem Ledergürtel schlug oder Exempel statuierte, kam es zu einem Fehlverhalten. Doch sie wirken weder enttäuscht, noch wütend, sondern bringen Jahrzehnte danach großes Verständnis und Respekt ihrem Vater entgegen. Immer wieder ist auf Hardys Körper „1933 Born Legend“ zu lesen, eine Hommage an Gilbert, der hart gearbeitet und viel geopfert hat, um den Söhnen ein Dach über dem Kopf, Essen, eine Ausbildung und die Verwirklichung ihrer Träume zu bieten. Der jüngere Bruder scheint manchmal darunter gelitten zu haben, dass der Vater seine Liebe nicht so deutlich zeigen und verbalisieren konnte. Ohnehin ist er ein scheuer, zurückhaltender Charakter, der nichts mehr im Leben zu brauchen scheint, als das Gefühl geborgen zu sein und geliebt zu werden. In der Biografie von 2003 stellen Jeff und Matt klar, dass sie keine andere Frau an der Seite des Vaters sehen wollten und dies auch durchsetzten – nicht immer mit den besten Mitteln, was vor allem Jeff eine Zeitlang das Vertrauen des Vaters entzog. In der Einsamkeit North Carolinas, genauer um die Stadt Cameron herum, hatten sie hauptsächlich sich und wuchsen untrennbar zusammen, Brüder, Freunde, Seelenverwandte – oder „partners in crime“, wie Jeff die Beziehung zu seinem Bruder beschreibt. Es gab die beiden praktisch nicht alleine – und das sollte sich niemals großartig ändern. Die Wälder und Tabakfelder sowie zahlreiche Teiche und Seen wurden zum Abenteuerspielplatz für die Geschwister, die sich gerne mit Cousins oder Freunden zusammentaten und Superhelden spielten. Eine amerikanische Kindheit, typische Jungs, denen die Mutter fehlt und denen nach langem Drängen Weihnachten 1988 ein Trampolin geschenkt wird – eben jenes, das Jeff Hardy 30 Jahre später in seiner Rede erwähnt.

Mit dem Trampolin beginnen die Brüder, Moves nachzustellen, die sie im Fernsehen bei Wrestlern gesehen haben. Sie kreieren eigene Charaktere, schreiben eigene Storylines. Die Figur Willow the Wisp, die Jeff Hardy später auf die große Bühne bringen wird, findet hier ihren Ursprung, gehuldigt wird den Vorbildern Sting, der später eine besondere und tragische Rolle in Jeffs Leben spielen wird, und Jushin „Thunder“ Liger. Doch bis zur großen Wrestlingkarriere ist es noch ein weiter Weg. Die Heranwachsenden müssen auch in die Schule; während der Ältere gute Noten nach Hause bringt und an einem Stipendium für ein College vorbeischrammt, interessiert sich der Jüngere nicht sonderlich für den Unterricht. Einzig Kunst und Geschichte machen ihm Freude, er sagt selber einmal, dass er nur schlechte Noten nach Hause brachte. Allerdings zeigt ein von Jeff selbst hochgeladenes Zeugnis aus der 6. Klasse einen durchschnittlichen Schüler, der freundlich ist, aber doch manchmal der Klassenclown, und neben Kunst auch noch an Mathematik interessiert zu sein scheint. Die Noten sind okay, vermutlich nur einfach schlechter als Matts. Der kreative Kopf hätte nach der High School auf eine Kunsthochschule gehen können, aber der Sport war ihm wichtiger. Der Junge hatte damals – und das ist bis heute geblieben – einen enormen Bewegungsdrang, das Footballspielen gibt er jedoch bald für das Wrestling auf – was auch der Tatsache geschuldet ist, dass er vor die Wahl gestellt wird: Wrestling oder High School Sport -, muss sich aber immer bewegen und tanzt durch die Welt. Eine Leidenschaft, die er jeden Abend auf seinem Weg zum Ring unter Beweis stellt, indem er seinen Hardytanz aufführt, und die man oft sehr ausgeprägt in den Episoden der Hardyshow sehen kann.

Matt wird einige Zeit zwischen dem College in Charlotte und Cameron pendeln, um die Teenage Wrestling Federation weiterzuführen, die er mit seinem Bruder und Freunden gegründet hat, und Storys zu schreiben. Man entscheidet sich dafür, den Namen in Trampoline Wrestling Federation zu ändern. 1992 wird von ihnen in Southern Pines Thanksgiving Thrash veranstaltet mit etwa 150 Besuchern. Kurze Zeit später treffen die Brüder auf Eddie Rainwater, der ihnen freundlich erklärt, dass das Trampolin zu gefährlich ist. Sie bauen den Ring um, benennen das Gesamtkonzept einmal mehr um – East Coast Wrestling Federation – und Matt meldet sich bei der WCW Amateur Challenge an, gewinnt jedoch nicht. Für den späten Sommer ist das Summer Spectacular geplant, das wieder in Southern Pines stattfinden soll, von den Brüdern organisiert. Doch die Wochen davor sind nicht leicht. Bei Gilbert Hardy wird eine Art Aneurysma festgestellt und Matt beschließt, nicht wieder nach Charlotte auf’s College zu gehen. Einer muss sich um alles kümmern, Jeff besucht noch die High School, also bleibt der große Bruder. Die beiden sprechen nicht viel davon, zum Glück geht alles gut, man kann nur ahnen, wie erschütternd und beklemmend die Angst damals gewesen sein muss, auch noch den Vater zu verlieren. Gleichzeitig entdeckt Jeff seine Liebe zu Pearl Jam, hört jeden Abend im Radio den Song „Black“, der ihn berührt und seine eigene Musik beeinflussen wird. An dieser Stelle sei bereits verraten, dass es sich sehr lohnt, Pearl Jam anzuhören, wenn man Hardy oder PeroxWhy?Gen im CD-Player hat – und über 20 Jahre später, am 16. August 2019, wird er in einer kleinen Venue in Richmond vor einigen Leuten eine herzzerreißende, wundervolle Version von Pearl Jams „Last Kiss“ spielen, die so ziemlich alle Cover des Wayne Cochran Originals aus dem Jahre 1961 in den Schatten stellt.

Während Matt die meiste Arbeit an der Backyard-Wrestling-Geschichte hat, ist Jeff ein typischer Teenie – und wahnsinnig schüchtern. Die Schüchternheit wird er nicht mal verlieren, als ihm die Liebe seines Lebens begegnet und den „kleinen“ Jeff kann man außerhalb des Rings noch heute sehen. Doch dazu später mehr. 1993 verliebte sich Hardy für damalige Verhältnisse unsterblich in ein Mädchen, das ihm nach kurzer Zeit das Herz aus der Brust riss. Die erste große Liebe, der erste große Schmerz – der Grundstein für seine Gedichte. Die Stone Temple Pilots mit ihrem „Still remains“ lassen ihn nicht los und er würde auch gerne so etwas erschaffen. Jeff wird später immer mit einem Notizbuch herumlaufen, in das er zeichnet und Gedanken und Gefühle notiert. Die Gedichte sind wie Tagebucheinträge, die teilweise zu Songtexten werden. Weiß man das, versteht man seine Songs. Er sagt darüber einmal, das Schreiben sorge stets dafür, dass er sich besser fühle, vor allem nachdem etwas in seinem Leben passiert sei. Es wird viel in seinem Leben passieren, das er in Gedichtform niederschreiben wird, manches davon wird vertont werden, vieles lässt Leser und Hörer emotional ergriffen zurück.

1994 gibt es eine erneute Namensänderung der Promotion, jetzt New Frontier Wrestling Alliance, und Matt bekommt einen Anruf vom Italian Stallion, der sie als Jobber für die WWE einsetzt. Die Jungs machen ihre Sache ganz gut und Jeff muss wegen seines Alters lügen, denn er ist unter 18 Jahre alt. Die beiden schnuppern die Luft des professionellen Wrestlings und haben ein kleines Aha-Erlebnis, als sie kurz nach dem legendären Ladder-Match bei WrestleMania X die beiden Akteure Shawn Michaels und Razor Ramon (Scott Hall) plaudernd beieinander stehend antreffen, wobei diese doch gerade eine Fehde haben. Matt, der sich später ziemlich darüber aufregend wird, dass man Wrestling als Show bezeichnet, sieht sich allerdings zu diesem Zeitpunkt darin bestätigt, dass Wrestling eben nichts anderes ist.

Man muss hier aber auch mal eine Bresche schlagen. Wrestling ist Sport und man muss hart trainieren, um in den Ring zu können und darin zu bestehen. Es geht nicht nur um Muskelaufbau und ein nettes Outfit, es gehört mehr dazu. Das Springen und Fallen, das Verkaufen der Moves des Kontrahenten, all das wird geprobt. Nicht umsonst wird bei jeder Übertragung mehrfach die Warnung ausgesprochen: „Don’t try this at home!“ Auch beim professionellen Wrestling sind schon einige Aktionen daneben gegangen, wenige waren tödlich, einige haben schwere Verletzungen nach sich gezogen. Ein Wrestler, der bestehen will und wirklich gut ist, ist Sportler, Performer, Schauspieler und Storyteller in einem. Er weiß sich selbst in Szene zu setzen und den anderen nicht dumm dastehen zu lassen. Die Storylines sind in den meisten Fällen frei erfunden, die WWE und andere Promotionen greifen jedoch immer wieder auf reale Begebenheiten zurück, um die Storylines etwas aufzupeppen oder aber Zeitungsberichte nicht im krassen Gegensatz zur Show stehen zu lassen. Keiner weiß das besser als Jeff Hardy, dessen Fehltritte immer wieder in den Storylines aufgegriffen worden sind. Wie kann man auch den tiefen Fall des Wrestlingstars als Arbeitgeber ignorieren, wie soll man überhaupt damit umgehen? Während sich Fans oftmals daran gestört haben, findet Hardy selbst das Aufgreifen seiner Tabletten- oder Alkoholsucht nicht schlimm und hält es sogar für wichtig und richtig. In einem Interview gibt er an, dass dies seine Chance sei, etwas richtig zu machen und dass er Menschen auf der ganzen Welt inspirieren möchte, clean zu bleiben, um zu überleben und dieses Leben auch zu leben. Heute wirkt er in seinen Matches ruhig, erwachsen und demütig.

Aber noch ist es nicht so weit. Noch ist Jeff Hardy ganz unten an der Karriereleiter und hebt gerade mal einen Fuß an, um ihn auf die erste Sprosse zu setzen. 1994 wird er überraschend in den Ring gestellt – sein Gegner ist Scott Hall. Hardy ist ein Spielball für ihn und in wenigen Minuten zerlegt der Star das Milchgesicht, das sich vor Schmerzen auf dem Boden windet – es gibt eine Aufnahme dieses Matches, Hardy in engen, gelben Hosen; was nach Over-Selling aussieht, könnten auch echte Schmerzen sein. Auf die harte Tour erfährt er, wie die Superstars mit den No-Names umgehen, sich später über ihn lustig machen und ihm sogar sagen, dass er es nie schaffen wird. Der sensible Jeff möchte an diesem Abend nur noch nach Hause. Sein Bruder wird über ein ähnliches Match, das er bestreiten musste, sagen, dass er noch nie professionell trainiert worden war und auf diese Situation nicht vorbereitet. Doch etwas Positives gibt es dennoch: Als Hall Jeff das nächste Mal sieht, entschuldigt er sich zuerst für den harten Kampf, bei dem der Jungspund sich am Knie verletzte. Später wird sein erster professioneller Gegner über ihn, der danach eigentlich nicht mehr wrestlen wollte, sagen, dass er von Beginn an etwas in den Hardys gesehen und das Match ihm bewiesen hätte, wie viel Potential in Jeff steckte. In den folgenden Jahren lernen die Brüder das Business kennen, werden professionell trainiert, stehen aber gleichzeitig für die Independentszene im Ring. Sie wissen, wo sie herkommen und wollen das nicht aufgeben. Matt ist hierbei der Antreiber und der Mastermind der Hardybrüder. Der spätere Tag-Team Name wird erstmals im Mai 1996 erwähnt: The Hardy Boyz. Während Matt hart verhandelt und zwischen ACW und WWE herumschwirrt, hält Jeff nicht viel von der Politik dahinter, das sollte sich auch nie ändern. Er ist ein Träumer, der gerne zu spät kommt und sich um all das nicht schert. Er möchte das tun, was er nun mal gerne tut, wrestlen. Doch das ist gar nicht so einfach. Da Matt aber immer schon derjenige war, der gerne das Heft in der Hand hatte, gründete er kurzerhand seine eigene Promotion, OMEGA, die mit einigen Ruhephasen bis heute besteht. Jeff ist offiziell ausgestiegen, Matt jedoch wird immer noch als federführend angegeben. Nach dem Fall beider Brüder Anfang der 2010er Jahre, absolvieren sie Mitte der 2010er einige Matches im Rahmen der Promotion.

Die Verbissenheit, mit der die Brüder ihren Weg gehen und ihren Traum zu verwirklich suchen, ist bewundernswert. Trotz vieler Rückschläge lassen sie sich nicht unterkriegen. Sie sind ein sehr gutes Beispiel dafür, was man aus sich machen, wenn man Träume hat, wenn einem nichts in den Schoß gelegt wird, wenn man sich etwas von Grund auf erarbeiten muss. Mit viel Fleiß veranstalten sie eigene Shows, loben Titel aus, setzen sich in Szene. Es gibt Rückschläge, Tiefschläge, Erfolge. Alte Aufnahmen von Matches zeigen einen oder beide Hardybrüder mit bunten Spandexhosen, noch etwas grün hinter den Ohren, aber eine gute Show abziehend, die Angriffe der Gegner manchmal vielleicht etwas zu krass verkaufend. Es bleibt oftmals ein Geheimnis, welche Schmerzen echt und welche gespielt waren – das sollte sich auch bis zum heutigen Tag nicht ändern. Bestes Beispiel dafür ist das Symphony of Destruction Match im November 2020. Jeff Hardy tritt einmal mehr gegen Elias an, den er einer Storyline zufolge angefahren haben soll – auch hier vermischen sich Realität und Fiktion: Hardy hatte unter Alkoholeinfluss einen – harmlosen – Autounfall. Sein Opfer war zum Glück nur eine Leitplanke, aber die Promotion muss mit der schlechten Presse umgehen und entwirft nach Hardys (unabhängig vom Unfall) verletzungsbedingter Pause eine Storyline zwischen ihm und Elias. Beide machen Musik, sind Kontrahenten, Hardy fährt ihn an, wofür es nie Beweise gibt. Die Fehde gefällt dem Publikum eine Zeitlang, lutscht sich dann jedoch ziemlich aus, soll beendet werden mit dem Symphony of Destruction Match, führt sich 2021 jedoch kurzzeitig fort – Ryker wird an der Seite von Elias zum Hardy-Gegner. Etwas zum Schmunzeln gibt es dennoch, als Hardy im Interview einen kleinen Seitenhieb gegen den Kollegen loslässt: „Die universelle Wahrheit ist, dass ich dachte, dass meine Musik schlecht ist, aber dann habe ich seine gehört.“. Im Match dürfen und sollen sämtliche Instrumente eingesetzt werden, um den Gegner zu verkloppen. Hardy wagt sich am Ende an seinen Spezialmove, eine Swanton Bomb, bei der er sich vom obersten Seil springend kurz vor dem Aufprall dreht. Ein waghalsiger Sprung, der ihn legendär macht. In diesem Match landet er brutal, knallt mit dem Hinterkopf auf die Metallstufen. Die Schmerzen sind echt, der Schaden gering, nach dem Match muss er vor die Kamera treten und sagen, dass alles in Ordnung ist. Immerhin ist es keine Platzwunde, aber in den Wochen danach merkt man, dass Hardy auf Sparflamme kämpft und Schmerzen hat. Erst im Januar 2021 gibt er zu, dass er seit dem Match Probleme mit dem Rücken hat, langsam aber auf dem Weg der Besserung ist. Als Grund gibt er jedoch nicht die leicht missglückte Swanton Bomb an, sondern einen Schlag seines Gegners mit einer Gitarre auf den unteren Rücken. Eine Woche später gibt er seine Teilnahme beim Royal Rumble bekannt, den er bis dato noch nie gewonnen hat. Seine Fans drehen durch – zwei Wochen zuvor hatte ich auf Twitter unter die Frage, wer den Rumble 2021 gewinnen würde, Jeff Hardy geschrieben, damals noch nicht wissend, dass er überhaupt dabei ist. Enttäuschend bleibt der Abend allerdings, Hardy ist nicht mal vier Minuten im Ring, wälzt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht herum und wird schnell über das oberste Seil befördert. Die Schmerzen – körperlich und seelisch – werden Jeff in den Abgrund treiben, doch das weiß damals noch keiner. Im April 1998 unterzeichnen die Brüder einen Drei-Jahres-Vertrag bei der WWE. Es ist der Anfang zweier großartiger Karrieren, die Grundsteinlegung für die Legende, zu der sie werden – für beide, für Jeff jedoch noch mehr, ist es der Beginn einer endlosen zerstörerischen Reise zu sich selbst. Im Nachhinein betrachtet, ist er ein Phoenix, der erst einmal qualvoll in Flammen aufgeht.

Es ist das Frühjahr 1998, vor der Vertragsunterzeichnung. Jeff hat ein Match für OMEGA und muss in der kommenden Woche für die WWE in den Ring. Trotz aller Vorsicht landet er falsch, auf Hinterkopf und Nacken und spürt nichts mehr. Nach einer gefühlten Ewigkeit kann er sich wieder bewegen, beendet das Match und verschwindet – um sich geschockt und von Emotionen überwältigt die Augen aus dem Kopf zu weinen. Die Erfahrung wird ihm längere Zeit nachhängen – auch die Schmerzen. In den folgenden Monaten geht es um Akzeptanz, kleine Spielchen, um unter den Großen bestehen zu können, dass die beiden keinen Alkohol trinken, gestaltet sich zuweilen als etwas schwierig, es folgt einer kurzer Auftritt in der That ’70s Show, Michael Hayes wird ihr Mentor und Manager. Die Hardy Boyz formen ihre Charaktere, sind brave Schüler, die machen, was man ihnen sagt. Einer tut sich leichter, der andere schwerer. Jeff Hardy bringt sich seinen legendären Sprung bei, die Swanton Bomb. Inspiriert durch den japanischen Wrestler Great Sasuke, übt er auf dem Trampolin den Sprung bis er sitzt. Matt erarbeitet den Twist of Fate. Und noch ein Move wird kreiert und benannt: Der Poetry in Motion. Ohne es zu wissen, machen sich die Hardys bereits hier einen Namen und arbeiten an ihrer Legende.

Am 05. Juli 1999 ändert sich Jeff Hardys Leben einmal mehr für immer. Im ersten Pay-Per-View Match seiner noch so jungen Karriere gewinnen er und sein Bruder den WWE Tag Team Championship. Der Grundstein für viele weitere Titel ist damit gelegt. In Southern Pines wollen die Brüder ein bisschen feiern, es gibt ein Banner, das sie hochleben lässt, die Anwesenden gratulieren. Darunter auch ein Mädchen, das der schüchterne Jeff schon mehrfach beobachtet hat. Aber so extrovertiert er sich auch im Ring gibt, so introvertiert, scheu und zurückhaltend ist er privat. Der Titel gibt ihr die Chance, ihn anzusprechen, ihre braunen Augen faszinieren ihn, sie tanzen die ganze Nacht zu 1 oder 100 Songs, wie Jeff später singt – und danach durch’s ganze Leben. Viel ist nicht bekannt über Jeffs Lieben und Affären, viel gibt es wohl auch nicht zu erzählen. Seit 1999 gibt es für ihn nur diese eine Frau, Elisabeth Britt. Sie ist sein Halt, seine Stütze, sein Ein und Alles, mehr als Worte oder jedes Liebeslied der Welt beschreiben könnten. 2019 postet Hardy öffentlich auf Instagram die schönste Liebeserklärung, die man einem Menschen kann: „When I think of truly being saved … I think of you“. Nach 20 langen, harten, physisch und psychisch zerstörerischen Jahren, in denen Beth treu, stark und unerschütterlich an der Seite ihrer Liebe steht, bedeuten die öffentlichen Liebeserklärungen der beiden noch viel mehr. Man kann beiden und der Liebe zwischen ihnen mit Worten nicht gerecht werden, ein Erklärungsversuch wäre zu vermessen. Die Bedeutung, die Beth in seinem Leben hat, spiegelt sich in einem Satz aus der 2003er Biografie wider, wenn Jeff sagt, dass Beth ihn an seine Mutter erinnere, auch wenn sie komplett, total unterschiedlich seien. Beth ist es auch, die ihm durch einen schweren Asthmaanfall, den sie nur mit viel Glück überlebt, einmal mehr zeigt, wie vergänglich das Leben und wie zerbrechlich er selbst ist.

Doch die Liebe zu Beth ist das eine, das Wrestling das andere. Die Karriere der Brüder geht steil nach oben. Nachdem sie die Gürtel errungen hatten, folgte das, was im Business eben so folgt: Fehden und Kämpfe um den Titel. Hardy erzählt von harten Fights, misslungenen Sprüngen, wie er auf dem Kopf landet und manchmal nicht mehr weitermachen will. Schließlich entscheidet man sich dafür, die Hardys von Michael Hayes zu trennen und ein neues Kapitel aufzuschlagen. Als The New Brood ändert sich die Ringgear, Matt feiert die Verwandlung, war ihm das bunte Outfit stets ein Dorn im Auge. Jeff beginnt, sich die Fingernägel schwarz zu lackieren, um anders zu sein, schließlich schneidet er sich Löcher in die Armstulpen, ein Markenzeichen, dem er bis heute treugeblieben ist. Ebenso das Handzeichen, das Matt damals noch als „the Guns“ bezeichnet, wird hier geboren – später noch einmal leicht abgeändert. Die beiden Handzeichen, die Jeff und Matt bis heute machen, stehen nach ihren Angaben für eine Pistole und das „B“ von Hardy Boyz. Bis zu den Recherchen für diesen Artikel bin ich davon ausgegangen, dass die Handzeichen für „J“ und „M“, also die Anfangsbuchstaben der Namen stünden. Und noch etwas scheint erheblich weniger Bedeutung zu haben, als meine Interpretation: Das Hardy Boyz Logo. Entworfen von Jeff sollte es ein Kreuz, ein „H“ und ein „B“ darstellen, wie er in einem Interview angibt. Ich selbst habe immer neben Kreuz, „H“ und „B“ ein „J“ und ein „M“ darin erkannt. Entweder bin ich zu doof oder Hardy ist ein bisschen brillanter, als er selbst glaubt. Es ist immer noch 1999 und die Brüder reisen durch das ganze Land, jeden Tag woanders, jede Nacht in einem anderen Hotelbett. Der 17. Oktober wird legendär. Ein Ladder-Match zwischen den Hardys, Edge und Christian, das bis heute nicht vergessen ist. Die Kontrahenten schenken sich nichts und Jeff wird auf ewig mit einer Liebe zu Leitern in Verbindung gebracht werden. Keiner scheint so viel Spaß daran zu haben, von Leitern zu springen oder sich mit ihnen zu prügeln, wie er. Schmerzen nimmt er dabei gerne in Kauf – und das Publikum liebt die Geschwister. So gerne sie auch zu Heels, also zu Bösewichten mutiert wären, alle Versuche schlagen fehl. Tauchen die Hardys auf, wird gejubelt, alle Heelabsichten scheinen damit zunichte gemacht und die beiden bleiben zumindest vorab Babyfaces. Sich das Match anzusehen, lohnt sich heute noch. An diesem Abend sagt Matt zu seinem Bruder, dass sie nun von WWE Wrestlern zu WWE Superstars geworden seien – er sollte recht behalten. Und noch etwas geschieht an diesem Abend: Matt Hardy trinkt im Alter von 25 Jahren sein erstes Bier.

Es folgen Fehden, Fights, Swanton Bombs, zerbrochene Tische, Sprünge aus dem zweiten Stock eines Hotels in den Schnee. Die Hardy Boyz sind fast dort, wo sie hin wollen und wissen, dass sie den letzten kleinen Sprung auch noch schaffen werden. Die Fans lieben sie, überschütten sie mit Fanpost und zeitweise sind die beiden die gefragtesten Wrestler der Make-A-Wish-Foundation. Doch alles hat seinen Preis, gefühlt muss jede Show attraktiver und gefährlicher werden, Jeff kennt bald keine Grenzen mehr. Matt erzählt in der Biographie vom einnehmenden Charisma seines Bruders, ein Gottesgeschenk, das den jüngeren Bruder außergewöhnlich macht. Jeff selbst erleidet das Schicksal der meisten dieser künstlerisch begabten Charismatiker: Er ist anders, er fühlt sich nicht dazugehörig, er sucht etwas, sehnt sich und kann es nicht in Worte fassen. Sein Inneres drückt er aus in Musik, Texten und Zeichnungen, entwirft kleine und große Aluminummies, doch nach außen hin wird er still und baut einen gewissen Schutz um sich – und er ist sich dessen bewusst, dass er anders ist und will das auch gar nicht ändern. Seine Face Paints beginnen, teilweise verlaufen diese damals auch noch über einen Teil des noch recht untätowierten Körpers. Die Face Paints sind legendär, nach jeder Show wird auf Instagram ein Bild davon gepostet, ansonsten hält Hardy sich auf Social Media sehr bedeckt und kann damit nicht viel anfangen. Mal sind es bunte Farben, oftmals Gesichter, die teilweise wie Dämonen wirken und ein Zusammenspiel zwischen Fiktion und Realität ergeben. Die Paints verlaufen über die Augenlider, wenn Hardy die Augen öffnet und die Iris bewegt, sieht es aus, als sei das gemalte Gesicht lebendig. Es folgen in den Jahren Tattoos, darunter zwei chinesische Schriftzeichen und ein riesiges Wurzelgeflecht mit symbolischer Bedeutung sowie eine Schlange über den gesamten rechten Arm und die rechte Körperseite. Die Buchstaben „J“ und „E“ als Symbol für ihn und seine Frau, das Hardy Boyz Zeichen und 2020 ein großer dämonischer Teufel auf dem Rücken, der den neuen Jeff Hardy symbolisieren soll. An den Beinen befindet sich das erste Tattoo, ein chinesischer Drache und ein wirklich gut gestochener Comichase. Auffällig sind jedoch die Halstattoos, zwei Dämonen, rechts und links, die ihre Klauen um seinen Hals schlingen. Sein ewiger Kampf. Zudem gibt es die beiden Tunnel, die mit den Jahren immer weiter wuchsen und vor allem von Randy Orton gerne zum Quälen genutzt werden, hat er doch eine Freude daran, Hardy mit den gedehnten Ohrläppchen an Leitern zu ketten oder daran zu ziehen bis zur Schmerzgrenze. Ebenso auffällig ist der Bart, der immer besonders gestutzt ist und ein Erkennungsmerkmal.

Als er sich auf dem Grund seines Vaters ein Haus baut, nach seinen eigenen, bescheidenden und erstaunlich vernünftigen Vorstellungen, bestückt er es – der vielen Reisen wegen – mit Kunstblumen, stellt überall Skulpturen auf, die er später teilweise in der Hardy Show zerstört – gerne mit Feuer. Außerdem gibt es da noch Imagi, einen Nasenbären, der sich mit Hardy das Haus teilt. Es gibt kurze Abschnitte, in denen Jeff über das Tier spricht, für das er sogar Flüge zu Wrestlingveranstaltungen verpasste, weil es verschwunden war. Mit den Jahren gibt es Hunde, ein Chamäleon und andere Tiere, die Jeff liebt, wie Seelenverwandte, Brüder im Geist. Doch mit dem Grundstück hat es mehr auf sich. Jeff kennt es seit Kindertagen, sein Vater hatte dort Tabak angebaut, es ist umgeben von Wald mit einem kleineren Teich und einem kleinen See, sowie einen Motorrad Trail, den auch seine Tochter lieben gelernt hat. Hier versucht er sich an waghalsigen Sprüngen, bricht sich bei einem missglückten Sprung das Schienbein, fällt für Monate aus, in der Zeit verlässt sein Bruder die WWE. Damals, 2015, waren sie einmal mehr Champions. Seitdem hat Hardy Probleme mit dem Knie, man wartet darauf, dass er seine Karriere wegen dieser Verletzung oder seines Rückens beendet. Das Grundstück ist abgelegen, würde den perfekten Schauplatz für einen Horrorstreifen abgeben – und ist mit vielen Erinnerungen und Liebe verbunden. Das Haus ist dort wie ein Felsen und Jeff wie ein Baum, der dort gewachsen ist, er fühlt sich untrennbar mit dem Land verbunden und möchte gerne, dass seine Asche darüber verstreut wird. Was kann mehr über einen Mann aussagen? Im März 2008 brennt das Haus komplett ab. Jeff und Beth sind zu dem Zeitpunkt nicht zu Hause, kurzzeitig wird medial darüber spekuliert, dass der zu dieser Zeit erneut suspendierte Hardy die Bude selbst abgefackelt hätte, aber da er nicht einmal eine Versicherung dafür abgeschlossen hatte, glaubt die Polizei nicht dran. Man kann ihm natürlich unterstellen, unter Drogeneinfluss nicht ganz Herr seiner Sinne gewesen zu sein, doch auch das ist auszuschließen. Bei dem Brand verliert Hardy mehr als nur sein Haus und seinen ganzen Besitz, seine Erinnerungen, sein Heim, das er komplett gleich wieder aufbauen lässt. Sein geliebter Dackel verbrennt in den Flammen. Es gibt viele Jahre später einen Kommentar von Jeff, der andeutet, wie sehr er noch heute darunter leidet.

Am 10. April 2001 wird Jeff Hardy zum ersten Mal Intercontinental Champion. Ein weiterer Karrieresprung für den jungen Wrestler. Es folgen Fehden, Siege, Niederlagen. Ein ganz normales Wrestlerleben. Begeistert berichten die Brüder darüber, wie ihre Karrieren immer weiter bergauf stiegen und wie sie gefeiert wurden, wieviel Herzblut sie in das Austüfteln der Kämpfe und immer neuer, waghalsigerer Moves steckten. Die beiden erleben den 11. September 2001 wie ein Großteil der Welt als Schock, Jeff will danach nicht in ein Flugzeug steigen, kann das Geschehen nicht wirklich fassen. Einmal mehr schafft er es, in seinen Gedichten das auszudrücken, was er sonst nicht kann. „September Day“ wird Jahre später auf Platte gepresst, es sollte wütend wirken, doch am Ende ist es die taube Hilflosigkeit, die viele danach verspürt haben. Irgendwann danach wird allen deutlich, dass Jeff mehr und mehr verschwindet und sich zurückzieht. Der ohnehin unpünktliche junge Mann, versäumt Termine, erscheint nicht zu Aufzeichnungen und hat sichtbar die Lust verloren. Sein Herz ist nicht mehr dabei, er ist unzufrieden mit Entscheidungen und dem, was er tun soll. Matt beschreibt es so, dass sein Bruder sein Lächeln verlor – vermutlich war es noch mehr. Jeff, der zwar vor einigen Dingen Angst hatte, diese jedoch immer bezwingen wollte und das auch getan hat – nicht zuletzt macht er das in den 2010er Jahren durch das Shirt „Immune to fear“ deutlich -, lebt seinen inneren Schmerz scheinbar körperlich aus. Die Warnungen seines Bruders schlägt er in den Wind. Matt gibt an, er habe zu Beginn der Karriere seinem kleinen Bruder nahegelegt, nicht immer auf seinem Rücken zu landen. Als Jeff entgegnet, dass es ihm nicht wehtut, antwortet Matt: „It doesn’t hurt now […] but it will.“ (S.245*). Anscheinend hat er damit leider recht behalten.

Bereits in der 2003 erschienen Biografie der Hardybrüder äußert sich Jeff zu Drogenvorwürfen. Noch streitet er alles ab und gibt an, wie sehr es ihn nervt, dass jeder meint, er würde Pillen einschmeißen. Nur ein Jahr später belehrt ein positiver Drogentest die ganze Welt eines besseren. Hardy fliegt aus der WWE, weil es an der nötigen Einsicht mangelt. Zwar kann er einen Vertrag bei TNA Wrestling ergattern, doch auch hier hat man ständig Probleme mit ihm, weshalb man ihn nur wenig einsetzt. Es mangelt an Disziplin, Hardy tritt nicht zu Matches an und avanciert in den Jahren danach zum Bad Boy, zum Underdog, der immer wieder in verschiedenen Ligen durch sein Fehlverhalten negativ auffällt. 2006 unterschreibt er zwar erneut bei der WWE, Hardy ist ein Zugpferd und Publikumsmagnet, dem man sich nicht widersetzen kann, zeigt allerdings weiterhin wenig Einsicht. Gewinnt er zu Beginn noch Kämpfe, solo oder erneut als Tag-Team mit Matt zusammen, wird er 2007 erneut suspendiert. Kein Jahr später fällt er wieder durch den Drogentest. Die ständigen Suchtprobleme können nicht verheimlicht werden und gehen durch die Medien, ebenso wie Hardys harte, uneinsichtige Statements dazu. Eigentlich hätte er eine Legende werden können, doch der 30-Jährige stürzt immer weiter ab und verschließt die Augen vor der Wahrheit. Die WWE reagiert und schreibt immer wieder Storylines, die seine Sucht deutlich ansprechen. Die Bosse sind in einer Zwickmühle. Man hat eine strenge Drogenpolitik, kann Jeff jedoch nicht zähmen, verlieren will man ihn aber auch nicht, weil er von den Fans geliebt und gefeiert wird. Seine Swanton Bombs sind legendär, 2008 springt er von einer Traverse auf Randy Orton und bleibt apathisch liegen. Als er auf einer Bahre und mit Cervicalstütze abtransportiert wird, lächelt er und macht das typische Hardy Boys-Handzeichen. Der Auftritt ist legendär und zu einem beliebten GIF geworden. Hardy steht auf der Traverse, einen kurzen Moment sieht man ein Zögern, dann hat man den Eindruck, ein Teufel säße auf seiner Schulter und flüsterte ihm ein: Tu es! Mit den Fingern der Linken die Pistole bildend, ruft er „Yeah!“, die Menge tobt, Hardy springt – und nimmt damit eine irreversible Verletzung, schlimmstenfalls seinen Tod in Kauf. Für diesen Sprung wird er später bei den Slammy Awards 2008 ausgezeichnet. „Es begann alles vor vielen Jahren mit einem Trampolin in North Carolina…“, nach einer kurzen Kampfansage geht er zum Ring. Schließlich ist Hardy nicht mehr tragbar. Die Fehde mit CM Punk, der später spektakulär die WWE verlässt, wird hart, blutig, zerstörerisch. In einem Match beim Summer Slam 2009 schenken sich beide nichts, Hardy ist deutlich angeschlagen, hat sichtbar Schmerzen, landet mit einem halsbrecherischen Sprung auf seinem Kontrahenten, der auf einem der Kommentatorenpulte liegt. Man will ihn aus der Halle schaffen und ihn medizinisch versorgen, doch Jeff, der sich kaum auf den Beinen halten kann, wälzt sich von der Bahre, wehrt das Stiffneck ab und schleppt sich zum Ring. Der vorangegangene Sprung sichert ihm 2009 erneut einen Slammy Award. Hardy kennt keine Angst, keinen Schmerz, später trägt er ein Shirt, auf dem steht „immune to fear“. Die Fans lieben ihn, sie lieben seine Sprünge – doch den Preis zahlt einzig Jeff Hardy.

Den Sprung 2009 bekomme ich schon gar nicht mehr mit. Nach der legendären Swanton Bomb von der Traverse runter, kann ich Jeff Hardy nicht mehr kämpfen sehen – nicht, dass er nicht zuvor halsbrecherische Sprünge und Moves gezeigt hätte, dafür ist er schließlich bekannt. Ich warte wöchentlich auf die Schlafzeile, dass er im Ring verunglückt ist, er wäre nicht der erste Wrestler und ich möchte das nicht sehen, nicht hören, nicht lesen. Die Vorstellung ist zu erschütternd. Seinen seelischen und körperlichen Schmerz versucht Jeff mit zahlreichen Rauschmitteln zu bekämpfen. Nicht selten erscheint er alles andere als clean oder nüchtern im Ring, es gibt in den Jahren erschreckende Aufnahmen von einem Jeff Hardy, der nicht er selbst ist. Müde Augen, leerer Blick, verwaschene Stimme, teilweise tickt er aus, ist deutlich nicht mehr er selbst. In all den Jahren – und bis heute – ist so viel Videomaterial zusammengekommen, in dem man deutlich sehen kann, wann Jeff Hardy nüchtern und sauber ist und wann nicht. Trauriger Höhepunkt der Sucht ist eine Schlagzeile 2009, die von Hardys Verhaftung in seinem eigenen Haus erzählt. Man hat jede Menge Drogen gefunden, vor allem Vicodin (ein in den USA beliebtes und leicht verfügbares Schmerzmittel), Steroide und Kokain. Tiefer kann er nicht mehr fallen – doch zwei Jahre später wird Hardy auch diese Hürde problemlos unterschreiten. 2010 tritt er überraschend bei TNA auf, gleichzeitig verfolgen die Fans die News über seine Sucht und die bevorstehende Verhandlung, die sich mehrfach verschiebt. In der Zeit gibt es ein Interview, das einen aufgedunsenen Jeff zeigt, der nicht in den Ring, sondern eindeutig in eine Entzugsklinik gehört. Aber es gibt endlich auch freudige Nachrichten: im Oktober desselben Jahres werden Beth Britt und Jeff Hardy erstmalig Eltern. Ruby ist wie ein Geschenk Gottes, eine Art Reinkarnation der zu früh verstorbenen Mutter, Recherchen zufolge ist ihr Geburtstag der Todestag von Hardys Mutter. Das Mädchen ist Jeff wie aus dem Gesicht geschnitten, doch es wird seine Dämonen nicht besänftigen können. Kein halbes Jahr später folgt die überfällige Eheschließung, im verhängnisvollen März 2011. Beth ist immer noch die Frau an seiner Seite und wird für immer die einzige bleiben. Er vergöttert sie, sie ist sein Halt, sein Ein und Alles. Doch auch Beth – oder gerade sie – muss lernen, dass der Mann an ihrer Seite mit Dämonen zu kämpfen hat, vor denen sie ihn nicht retten kann.

Nur wenige Tage nach der Hochzeit erreicht Hardy mit knallharter Wucht seinen absoluten Tiefpunkt und ist dabei, alles zu verlieren, wofür er sein Leben gegeben hat. Es ist der 13. März 2011, Victory Road steht auf dem Programm, bei der Show soll Jeff das Main Event gegen sein Idol Sting bestreiten. Seine Entrancemusik ertönt, doch er taucht nicht auf. Später wird es Berichte darüber geben, dass man ihn benommen auf der Toilette gefunden hat, unfähig, den Kampf zu bestreiten. Er wankt sichtlich high zum Ring, der Ringrichter kreuzt die Arme, ein Zeichen dafür, dass der Wrestler nicht kämpfen kann. Doch Eric Bischof sieht das anders, ändert die Regeln und lässt den Kampf beginnen. Wenn die Kamera Stings Gesicht zeigt, fängt sie einen Ausdruck voller Sorge und Enttäuschung ein, der geradezu wehtut. Wie ein Vater, der gerade seinen Sohn beim Versagen zusehen muss. Nach nur einer Minute pinnt Sting Hardy, der darüber zwar erzürnt ist und nicht versteht, was geschieht, dem Idol aber dankbar sein kann, dass er dem Grauen so schnell und für den Wrestler ungefährlich ein Ende setzte. Hardy verschwindet danach und lässt wütende und enttäuschte Fans und Kollegen zurück.

Die Legende hat sich selbst zerstört.

*Quelle: Hardy, Matt; Hardy, Jeff mit Krugmann, Michael: The Hardy Boyz. Exist 2 inspire; It Books, 2003.

>>> Teil 2: Fall and Rise of Jeff Hardy: … the Rise <<<

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