Als sich 1968 die britische Rockband Smile formiert, hat man große Erwartungen, aber keine Ahnung, dass nur zwei Jahre später ein Fan und Roadie von ihnen alles auf den Kopf stellen würde. Farrokh Bulsara, Student, Musikliebhaber, Leadsänger von Wreckage und Sour Milk Sea und mit Bassist Tim Staffell befreundet, soll schon immer seine eigenen Vorstellungen von dem gehabt haben, wie es mit Smile musikalisch weitergehen sollte. Doch für sie ging es überhaupt nicht weiter, denn erst verließ Keyboarder Chris Smith die Band und ein Jahr später auch Tim Staffell. Zurück blieben der Gitarrist Brian May und der Keyboarder Roger Taylor – und der große Smile-Fan Farrokh Bulsara. Dieser nannte sich damals Freddie Bulsara und gründete kurzerhand eine Band mit den zwei verbliebenen Musikern. Fehlte nur noch ein Bassist. Für den ersten Auftritt in neuer Besetzung, stand Mike Grose zur Verfügung. Für einen der ersten Auftritte unter dem neuen Bandnamen war es Barry Mitchell, der genauso wenig in der Band blieb wie sein Nachfolger Doug Bogie. 1971 fand man John Deacon. An dem Lineup hat sich in all den Jahren nichts mehr geändert. Bulsara hatte Träume und Ziele, war wohl gesegnet von einem großen Selbstvertrauen und wusste, was er musikalisch drauf hatte. Da steckte Talent drinnen, er konnte Texte schreiben und Songs verfassen, die eingängig waren. Und während er lange Zeit immer wieder nur sich als Hauptschreiber verkaufte, wusste die restliche Band sehr genau, dass sie ebenso ihren Beitrag leistete und einige der späteren Nummer 1 Hits verfasste. Bulsara, auf Sansibar geboren, war ein Showmann, seine vorstehenden Zähne machten ihn nicht zum Adonis, aber er hatte Charisma, eine unbeschreibliche Ausstrahlung und Art, seine Songs zu performen, dass er die Welt begeisterte – und die Welt hat nie wieder eine solche Persönlichkeit auf der Bühne erlebt. Die Zeit von Smile war mit Bulsara vorbei, er gab der Band kurzerhand einen neuen, gleichermaßen provokanten wie eingängigen Namen, der zeigte, wohin Bulsara wollte: Queen. Dem neuen Bandnamen folgte kurz darauf auch ein neuer Name für den Sänger: Aus Freddie Bulsara wurde Freddie Mercury.
1971 nahm man erste Demos auf, insgesamt fünf Titel, die es später alle auf das Debütalbum schafften, bis zu dem es noch zwei Jahre dauern sollte. Aber 1973 war ein wichtiges Jahr für die Band. Queen spielte für die Radiosendung Sounds of the ’70s von John Peel – weitere Auftritte in der Sendung sollten in den kommenden Jahren folgen. Der Presse wurde das Quartett im April desselben Jahres vorgestellt. Die erste Single, ein Soundexperiment von Robin Geoffrey Cable, dem Haus-Mixer der Trident Studios bestand aus dem Beach Boys Cover I Can Hear Music mit der B-Seite Goin‘ Back, einem Dusty Springfield Song. Allerdings war dieser Sound anders als das, was man von Queen bis dato von den Liveauftritten kannte und auch als das, was etwas später auf dem Debütalbum erscheinen sollte. Kurzerhand veröffentlichte die Plattenfirma die eingespielte Single unter einem anderen Namen, nämlich Larry Lurex.
Die erste Singleauskopplung, die vorab erschien und Lust auf die Band machen sollte, war Keep Yourself Alive und erreichte nicht mal eine Chartplatzierung. Nur eine Woche später erschien Queen, das Debütalbum. Verschnaufpause gab es jedoch nicht, man arbeite sofort am zweiten Album, im Oktober spielte man das erste Konzert außerhalb der britischen Insel, nämlich in Bonn-Muffendorf, und Queen tourte mit Mott the Hoople erst durch Großbritannien und im Folgejahr durch die USA.
Das Cover von Queen zeigt den Namen in geschwungener Schrift, im „Q“ ist eine Krone zu sehen. Ein Spot beleuchtet einen Sänger mit einem Mikro, das er über seinen Kopf hält. Es ist eine recht typische Mercury-Pose. Der erste Song ist die Singleauskopplung „Keep Yourself Alive“ und auf eine gewisse Art sehr typisch. Freddie würde man unter tausend Sängern sofort heraus hören und der Queenstil ist ebenfalls unverwechselbar. In dem Song, in dem es darum geht, dass es viel wichtiger ist, einfach am Leben zu bleiben als Geld und Statussymbole anzuhäufen, kommt gegen Ende diese typische hohe, fast etwas quietschige Gitarre zu Wort, die unverwechselbar Brian May ist. Man denke an „Killer Queen“. Nach der schnelleren Nummer, wird es ganz ruhig. „Doing All Right“ sagt im Titel schon alles. Leise, sehr zärtlich wird gesungen, wenige Instrumente. Nach anderthalb Minuten ändert sich das, dann steht der Gesang alleine da, bis schließlich wie eine Art Aufbruch die Musik loslegt. Ein kurzer, schneller Part, wie ein Sprint. Es wechseln sich stets diese schnellen Aufbruchparts ab mit den langsamen, überlegenden Momenten – und man merkt bereits beim zweiten Lied, dass Queen einen Stil haben, der sich bis zum Ende der Band durchzog. „Great King Rat“ springt förmlich, weckt den Eindruck von Outlaws in den dunklen, dampfenden Gassen von London schleichend, nach Freiheit strebend, den eigenen Gesetzen folgend. Es erinnert mich ein bisschen an das Musical Cats, nicht musikalisch, aber die Stimmung. Aufbruch, Ablegen und Ablehnen des Alten. Man soll nicht alles glauben, die Machthabenden missbrauchen ihre Macht und was man aus der Bibel oder von den Eltern lernen kann, stimmt auch nicht immer. Geh Deinen eigenen Weg ist die Quintessenz und Queen bringen diese Aufbruchstimmung, diese Antihaltung musikalisch perfekt rüber. „My Fairy King“ brachte der Legende nach Freddie den zweiten Teil des Künstlernamens ein. Er wurde in einem Interview gefragt, ob sich die Zeile „Mother Mercury“ auf seine Mutter bezöge. Der Sänger sagte kurzerhand ja und gab bekannt, fortan Freddie Mercury genannt werden zu wollen. Der Song selbst besticht durch den einzigartigen hohen Gesang. Das Klavier, das man hört, wird von Freddie selbst gespielt und Brian May sagte einmal in einem Interview, dass es das erste Mal war, dass die Band das volle Können von ihrem Bandmitglied erlebte. Mercury hatte sich das Klavierspielen selbst beigebracht. Hinzu kamen die verschiedenen Harmonien und Overdubs, die man später bei „Bohemian Rhapsody“ ebenfalls hören konnte. Der Fall eines schillernden Feenkönigs wird beschrieben und Mercury malt ein wunderschönes Märchenland, das man vor sich sieht, wenn man die Augen schließt – und das jäh zerbricht und zerstört wird. Es ist eine kleine Vorstufe zu „Bohemian Rhapsody“, zeigt aber schon, dass Queen anders ist, sich von dem abhebt, was man musikalisch kennt. Ein Song ist nicht nur ein Lied, ein Song wird bei Queen zu einer lebendig erzählten Short Story, einem Märchen für Erwachsene. „Liar“ ist wieder etwas härter, kräftiger, brüllt den Lügner wie ein Chor heraus. Man hat sofort die Bibel vor Augen – oder Life of Brian. Einen verräterischen Judas, einen Lügner, der tat, was er tun musste und verurteilt wurde, sein Schicksal annahm, trotzdem an seinen Schöpfer betend um Vergebung. Es folgt ein kurzer Part, der an amerikanische Gospelgottesdienste erinnert, in denen der Priester etwas vorsingt und die Gemeinde inbrünstig antwortet. Und plötzlich kann man sich das lebhaft vorstellen, Freddie Mercury als Vorbeter auf der Bühne und die Queenjünger antworten inbrünstig mit ihrem Gesangspart. „The Night Comes Down“ ist wieder sehr ruhig. Irgendwie nachdenklich, traurig. Während man hier gut einen Bezug zu Drogen herstellen könnte, wirkt es doch viel eher nach dem Weg in die Depressionen, gebeutelt von Enttäuschungen, dem Lachen, dem Guten, das das lyrische Ich in jedem gesehen hat, wird es dunkel, traurig, verloren. Von der bunten Märchenwelt, die irgendwann vorher beschrieben wurde, ist nichts mehr übrig, all das Schillernde ist weg. Ein harter Bruch kommt mit „Modern Times Rock’n’Roll“. Da hört man überhaupt nicht Queen raus, bis nach mehr als 50 Sekunden ein kurzer Chor kommt. An sich eine schnelle Glam Rock Nummer ganz im Stile der damaligen Zeit und Musikszene. Der Anfang jedoch und das Tempo erinnern noch an etwas ganz anderes: Black Sabbath’s „Paranoid“. In weniger als zwei Minuten wird durchgepowert, viel Text aus der Feder von Roger Taylor. Ist das noch Queen? Irgendwie schon, die Zeichen der Zeit, der Aufbruch in der Musikszene, irgendwas zwischen Rock’n’Roll und Glam Rock mit Brustbehaarung, die aus hautengen Oberteilen hervorschaut, einem Nasenring und der bunten Aufbruchsstimmung. „Son and Daughter“ war die B-Seite der Single „Keep Yourself Alive“. Die Nummer stammt aus der Feder von Brian May, ist daher auch etwas gitarrenlastiger – was allerdings nur live wirklich zum Tragen kam, wenn May ein exzellentes Gitarrensolo darbot, das auf der Studioaufnahme nicht zu hören ist. Hier gibt es zwar wieder diesen bekannten Chor als Stilelement, allerdings ist der Sound sonst kräftiger, satter, schwerer und wieder eher in die Richtung Black Sabbath. Um ehrlich zu sein, fehlt hier diese textliche Tiefe, die Story, die erzählt wird, die Welt, die sich aufbaut. Was erwartet man von einem Lied, das „Jesus“ heißt? Genau das, eine Geschichte über Jesus. Der Heilsbringer, um den sich die Menge scharrt, die Bettler und Leprakranken, die Alten. Jesus heilt den Leprakranken, in der Bibel und im Lied. Alle kommen, um Jesus zu sehen, singt der Chor – es gleicht einem Musical. Dann wird besungen, dass alles mit drei Weisen begonnen hat, die einem Stern gefolgt sind. Es ist die Jesusgeschichte, keine Frage, mitreißender Rhythmus und ich frage mich, warum man diesen Song nicht viel mehr in der Kirche und Jugendgruppen verwendet. Aber etwas ketzerisch darf man sein, denn sind drei Weisen wirklich Kaspar, Melchior und Baltasar, ist der „Führer der Menschheit“ wirklich Jesus oder erhebt sich hier nicht Freddy Mercury selbst zum Führer, zum musikalischen Gott? Der letzte Song ist kurz und rein instrumental. Erst später und auf Queen II zu hören, gibt es zu „Seven Seas of Rhye“ einen Text. Es ist ein Abschluss, der gleichzeitig ankündigt, dass mehr von der Band kommen wird.
Queen ist wie ein Versuch, sich zu finden, neuaufzustellen und zwischen den Glamrockbands zu bestehen. Es hätte schiefgehen können, man hätte sofort die Arroganz, die Präsenz des Sängers satthaben können und die Stimme als zu hoch, zu schrill, zu eigen abhandeln können. Doch genau der Ehrgeiz und die Selbstverständlichkeit Freddie Mercurys hat den Weg zum Erfolg von Queen geebnet. Betrachtet man das Gesamtwerk von Queen, die rund 20 Jahre auf der Bühne und im Studio, zusammen oder getrennt und wiedervereint, so wirkt das Debütalbum wie ein Auftakt. Als wären die 20 Jahre mit all ihren Songs, all ihren Erfolgen bereits festgeschrieben gewesen, vorhersehbar, geplant, einem festen, unumstößlichen Konzept folgend, und Queen wäre der Auftakt, das Intro für das Gesamtwerk der Jahrhundertband.
Queen
A 1 – Keep Yourself Alive
A 2 – Doing All Right
A 3 – Great King Rat
A 4 – My Fairy King
B 1 – Liar
B 2 – The Night Comes Down
B 3 – Modern Times Rock’n’Roll
B 4 – Son And Daughter
B 5 – Jesus
B 6 – Seven Seas Of Rhye…
Freddie Mercury – Vocals
Brian May – Guitar
Roger Taylor – Drums
John Deacon – Bass
