Reise: Berlin – Auf den Spuren der Musik


Berlin ist eine Reise wert, sagt man – und speziell für mich war diese Reise nach Berlin ziemlich viel wert. Als musikbegeisterter Plattensammler seit 40 Jahren war der Hauptgrund für diese Tour ein Konzert. Kein Geringerer als der Gott des Ambient, Brian Eno hatte sich im zarten Alter von 75 Jahren entschlossen, des erste Mal in seinem Leben solo auf Tournee zu gehen. Am Dienstag, den 24. Oktober live in der Philharmonie, zusammen mit einem klassischen Orchester, dem Baltic Sea Philharmonic. Warum ausgerechnet Berlin? Einerseits arbeitete Brian Eno bereits Mitte der 70er mit den deutschen Elektronikern von Cluster aus Berlin zusammen, andererseits hielt sich Eno ab 1977 oft in Berlin auf und arbeitete mit David Bowie zusammen an dessen Berlin-Trilogie. Also Urlaub eingereicht, Tickets geordert und ab gings mit dem ICE in die deutsche Hauptstadt. Meine bessere Hälfte, Kyra Cade hatte ich zuvor schon vom Legendenstatus des Herrn Eno überzeugt und dass das Konzert ein Pflichttermin für jeden Musikfreak ist. Unseren Schreiber-Spezl Maxlrose musste ich ebenfalls nicht lange überreden, um mitzukommen. Der steht ebenso wie ich auf das ganze schräge Zeugs wie Krautrock, Progressive, Elektronik und Co. Wir also am Montagabend mit der Bahn nach Berlin gefahren, wo wir kurz vor Mitternacht ankamen. Unser Hotel lag in der Nähe zum Alexanderplatz, doch davor posierten wir vor der Weltzeituhr, wenn man schon mal da ist.

Teil 1 – Kultur

Am Dienstag stand erstmal Kultur auf dem Plan. Ich wollte seit ewigen Zeiten endlich einmal die Büste der Nofretete und die Nachbildung des Ishtar Tores im Pergamonmuseum sehen. Im letzten Punkt hatten sich anscheinend alle Mächte des Universums gegen mich verschworen, hat doch das Pergamonmuseum im Zuge einer großen Renovierung zwei Tage zuvor seine Pforten für die nächsten Jahre geschlossen. Kaum zu glauben, aber leider nicht zu ändern. Aber zumindest die Frau vom Ketzerkönig Echnaton war zu besichtigen. Also ab zur Museumsinsel und rein ins Neue Museum und die Ägyptische Sammlung.

Was sofort auffiel, waren die Unmengen an Personal, welche nicht gerade einen freundlichen Eindruck hinterließen und auch teilweise des Deutschen nicht mächtig waren. Irgendwie machte die Anordnung innerhalb des Museums für mich keinen richtigen Sinn. Ich konnte kein schlüssiges Konzept erkennen. Sehr befremdlich war so manches Gebaren des Personals. Einen Pulli darf man sich zum Beispiel um die Hüften binden, einen dünnen Hoodie nicht … „Anziehen oder abgeben“ kam im Befehlston bei uns an. Na ja, mit Freundlichkeit gesegnet war so manche Person da nicht. Aber egal, ich wollte ja nur zur Nofretete. Im Nordkuppelsaal herrschte absolutes Fotografierverbot, lediglich aus den Nachbarsälen dufte man … wenn auch nur ein paar Meter von der Türe entfernt. Also keine Chance auf ein einigermaßen gutes Bild, wenn man nicht gerade ein riesiges Teleobjektiv dabei hat. Die Kohle für ein Abbild der Königin will das Museum gefälligst selber einstreichen.

Teil 2 – Der Weg zum Zodiak
Nachdem wir aus dem Museum raus waren, wollten wir eigentlich kurz in den Berliner Dom, aber beim Anblick des Eintrittspreises ließen wir das schnell sein. Wollen die allen Ernstes 10 Euro Eintritt für ein Gotteshaus!! Anscheinend nagen der Vatikan oder die Stadt Berlin am Hungertuch, je nachdem wer für diesen Preis verantwortlich ist. Heißt es nicht im Johannesevangelium 2, 1:6 Der Tempel ist zum Beten da. Der Tempel ist das Haus für Gott. Ihr macht das Haus meines Vaters zu einer Markthalle – na ja – die 10 Euro Eintritt machen den Berliner Dom auch zu einer Art Markthalle. Die Kohle muss fließen. Rein in die U-Bahn und ab zum Brandenburger Tor, wenn man schon mal in Berlin ist, will man natürlich durchgehen. Leider haben diese Vollidioten der Letzten Generation in ihrem Ziel, das Weltklima zu retten, jegliche Intelligenz verloren oder sind in ihrer kranken Besessenheit gefangen. Hatten die doch tatsächlich unter anderem das Brandenburger Tor mit roter Farbe verunstaltet. Werte Volltrottel: Was soll das? Ein Kulturdenkmal zu beschädigen! Ihr gehört für Jahre weggesperrt. Von der Weltzeituhr ist wenigstens die Farbe mittlerweile abgegangen. Nach einem Spaziergang am Reichstag vorbei, am Spreeufer entlang, war unser nächstes Ziel das Hallesche Ufer, genauer gesagt das Haus mit der Nummer 32. Als Krautrock- und Elektronik-Fan wollte ich den Ort sehen, an dem sich von Ende 1967 bis Anfang 1969 das Zodiak Free Arts Lab befand. Ein legendärer Club, der von Konrad Schnitzler, Hans-Joachim Roedelius und Boris Schaak gegründet wurde. Das Zodiak war zweigeteilt, ein komplett schwarzer Raum, ein komplett weißer. In den Räumen standen zahlreiche Instrumente und elektrisches Equipment, diverse Bühnen, auf denen Musiker komplett frei improvisieren konnten. Hier war eine der Keimzellen der elektronischen Musik. Bands wie Tangerine Dream, Curly Curve, Human Being, Ash Ra Tempel fanden sich hier zusammen, um zu experimentieren. Agitation Free waren die Hausband des Zodiak. Teilweise tauschten sich die Musiker untereinander in den Bands aus. Kurz nach dem Aus des Zodiak gründeten Schnitzler und Roedelius zusammen mit Dieter Moebius dann die Gruppe Kluster, die nach Schnitzlers Ausstieg 1971 als Cluster weitermachten. In den ehemaligen Räumen des Zodiak Free Arts Lab befindet sich heute die Stiftung Sozial Pädagogisches Institut Berlin. Nach dem Zodiak war ein bekannter Spot aus der deutschen Nachkriegsgeschichte unser Ziel. Der ehemalige Grenzübergang Checkpoint Charlie in der Friedrichstraße. Der Grenzübergang existierte von 1961 bis 1990, also genau die Zeit, in der die Mauer das geteilte Berlin trennte. Nach einem kurzen Snack wars auch schon Zeit für eine kurze Rückkehr ins Hotel, kurz umziehen und weiter gings.

Teil 3 – EBS – Bowie – Eno

Im Lauf des Nachmittags war Maxlrose aus NRW ebenfalls in Berlin eingetroffen und wir verabredeten uns an der U-Bahnstation Hohenzollernplatz. Ich wollte ihm einen Ort zeigen, welcher für meinen Musikgeschmack einst immens wichtig gewesen war. Er hatte absolut keine Ahnung, wohin es jetzt ging. Nur circa 200 Meter weiter und dann links in die

Pfalzburgerstraße – nach gut zehn Minuten waren wir am Ziel angelangt. Rechter Hand im Haus mit der Nummer 30 befindet sich die Nelson-Mandela-Schule, und hier in den Kellerräumen der Schule befand sich von 1968 bis 1984 das Electronic Beat Studio, neben dem Zodiak die zweite Keimzelle für die deutsche Elektromusik. Hier gründete Konrad Latte, der Leiter des Berliner Barock-Orchesters ein Studio, welches vom Schweizer Musikstudenten und späteren Avantgarde-Komponisten Thomas Kessler aufgebaut und geleitet wurde. Kessler machte die ansässigen Musiker mit der amerikanischen Minimal Music und Techniken der Musique Concrète bekannt und prägte damit den angesagten Sound dieser kleinen neuen Szene. Hier trafen sich wie auch im Zodiak die Musiker von Ash Ra Tempel, Tangerine Dream und Agitation Free. Hier wurde die sogenannte Berliner Schule geboren. Klaus Schulze, Günter Schickert, Cluster, Manuel Göttsching und noch einige mehr experimentierten hier nach neuen Mustern. Für mich persönlich fast eine Art Tempel, hab ich doch von fast allen Bands und Musikern alle Platten daheim im Regal stehen. An die vergangenen Tage des Electronic Beat Studios erinnert eine Gedenkplakette links neben der Eingangstüre. Vor unserem Konzertbesuch standen allerdings noch zwei Punkte auf dem Programm. Der erste war im Bezirk Schöneberg, in der Hauptstraße 155. Ein unscheinbares Haus in einer der unzähligen Berliner Häuserfluchten. Eine der Berliner Gedenktafeln an der Hauswand klärt über den Status dieser Adresse auf. Kein geringerer als David Bowie wohnte in seinen Berliner Jahren von 1976 bis 1978 hier in diesem Haus. Hier erschuf er die Alben Low, Heroes und Lodger. Brian Eno wohnte zeitweise bei ihm und wird als Co-Autor von Bowies Mega-Hit „Heroes“ ausgewiesen. Dann aber wars Zeit fürs Abendessen, wir wollten ja nicht mit knurrendem Magen in der Philharmonie sitzen. Maxlrose kannte eine super Location von einem früheren Berlin Besuch. Das Zerostress Pizza am Lausitzer Platz 10. Eigentlich jetzt nicht gerade ein Viertel, wo es von Touristen wimmelt. Von außen eher etwas unscheinbar wirkend, war das Gegenteil im Lokal der Fall. Das Zerostress ist eine Mischung aus normaler Pizzeria, In-Schuppen und Weinbar. Das Personal ist sehr freundlich, das Essen top. Gerichte, die man nicht unbedingt auf jeder Karte findet. Super Essen in cooler Atmosphäre.
Dann aber wars soweit: Brian Eno in der Philharmonie. Hier gehts zum ausführlichen Bericht.

Teil 4 – Music
Am letzten Tag stand erstmal ein Treffen mit einer lieben Freundin auf dem Programm. Wir fuhren zum Brunchen ins Kaffeehaus Zimt & Zucker am Schiffbauerdamm, direkt an der Spree gelegen, gegenüber vom Reichstagufer. Ein In-Lokal mit sehr gemütlicher Atmosphäre und wiederum Kreationen auf der Karte, die man nicht überall so findet. Preis/Leistung wieder top, der Service super, das Essen lecker. Danke Doreen für den Tipp. Anschließend gings für uns an einen Ort, den ich auch einmal sehen wollte. Der befindet sich in der Genthinerstraße 26, zwischen Nollendorfkiez und Tiergarten. Eine unscheinbare Gegend mit einer unscheinbaren Adresse. Auch hier haben wir wieder eine Örtlichkeit, die untrennbar mit David Bowie und auch Brian Eno verbunden ist. An dieser Stelle befand sich zwischen 1967 und 1988 die Diskothek S.O.U.N.D., bekannt aus dem Film Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Hier lungerte die junge Christiane F. im Film immer herum, und wer schrieb den Soundtrack zum Film? Natürlich Bowie, der in seinen Berliner Jahren des Öfteren auch Gast im S.O.U.N.D. gewesen ist, Mick Jagger von den Rolling Stones und Brian Eno übrigens auch. Auf dem Soundtrack ist übrigens auch der Megahit „Heroes“ mit drauf, von Bowie teilweise auf Deutsch gesungen. Der Text passt wunderbar zur Denkweise einer jungen Drogensüchtigen: „Niemand gibt uns eine Chance – Doch können wir siegen – Für immer und immer – Und wir sind dann Helden – Für einen Tag“. Im Haus ist jetzt ein Bäderstudio.

Berlin war in der Zeit der Mauer eine isolierte Szene mit allerhand Subkultur. Dazu gehörten auch die Punk- und Wavebands und die Clubs. Im ehemaligen historischen Postzustellbezirk Süd-Ost 36 gibt es einen kleinen Platz, dessen Namensgeber unbestritten zur Speerspitze der Berliner Subkultur zählt. Ralph Christian Möbius, besser bekannt als Rio Reiser war von 1970 bis 1985 der Sänger und Texter der Berliner Anarcho-Punk Urgesteine Ton Steine Scherben. Nur gut 100 Meter vom Platz entfernt, in der Oranienstraße 190 befindet sich einer der damaligen Szene Hot-Spots der Subkultur. Das SO36, ein 1978 eröffneter Club, in dem schon unzählige sehr bekannte Punk- und Wavebands ihren Auftritt hatten. Die Ärzte, Die Toten Hosen, Böhse Onkelz, Slime, Dead Kennedys, Einstürzende Neubauten, Throbbing Gristle, Lydia Lunch, Red Crayola, DIN-A Testbild, S.Y.P.H., Die Tödliche Doris, Suicide, PVC, Mittagspause … alles, was Rang und Namen hat. Der Name des Clubs ist dem ehemaligen Postbezirks entlehnt und man glaubt es kaum, an der Tür klebt ein Konzertplakat für den kommenden Januar an dem die beiden Scherben Urgesteine, Bassist und Mitgründer Kai Sichtermann und Schlagwerker Funky Götzner hier im SO36 live spielen werden. Die Szene lebt weiter.

Teil 5 – Futter und Bilder

Anschließend wars Zeit für ein ausgiebiges Essen und ich für meinen Teil hab immer einen speziellen Termin, wenn ich in Berlin bin. Burger kommt immer gut an, aber für mich gibt’s in Berlin nur einen – den Burger vom Burgermeister. Burgerläden gibt es viele und in vielen schmeckts auch lecker, aber der absolute Kult ist der Burgermeister direkt am Schlesischen Tor. Direkt unter der Hoch-

brücke der U-Bahnlinien U1 und U3, inmitten einer stark befahrenen Kreuzung an der Oberbaumstraße 8, in einem ehemaligen Toilettenhäuschen gibt’s die besten Burger der Hauptstadt. Die Bude ist Kult, hier trifft sich alles und man muss teilweise warten, um einen der wenigen Plätze an einem der Tische zu bekommen. Das Publikum ist kunterbunt gemischt, vom Otto-Normalo, Streifenpolizisten bis hin zum flaschensammelnden Bettler, der grad etwas Kohle übrig hat. Die Burgercrew ist mega nett und freundlich, haben immer lockere Sprüche auf Lager und die Burger sind outstanding. Der Burgermeister hat mittlerweile zehn Filialen in Berlin und expandiert bald nach Köln, aber wie sagte es schon der Highlander seinerzeit: Es kann nur einen geben! Und das ist definitiv das Original im grün gestrichenen Klohäusel am Schlesischen Tor. Gute zehn Minuten zu Fuß entfernt über die Oberbaumbrücke gibt’s am gegenüberliegenden Ufer der Spree noch was zu sehen. Hier beginnt die East Side Gallery, ein gut 1.300 Meter langes erhaltenes Original-Teilstück der Berliner Mauer, welches von teilweise international bekannten Künstlern bemalt wurde, und welches heute unter Denkmalschutz steht. Auch wenn man die Bilder schon gesehen hat, findet man immer wieder neue Kleinigkeiten darauf, die einem bisher nicht aufgefallen waren. Mittlerweile wurde es Zeit für uns, wenn wir rechtzeitig am Hauptbahnhof unseren Zug zurück in die Heimat erwischen wollten. Berlin ist bekanntlich immer eine Reise wert, und neben etwas Kultur war diesmal der Schwerpunkt in der Musik gesetzt. Berlin – wir kommen wieder.

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