Ein neuer Musikstil wurde von den neuen Byrds geschaffen: der Gospel-Rock. Stücke wie Dylans „Lay Lady Lay“ – nur auf einer Single veröffentlicht – „Jesus Is Just Alright“ oder „Glory Glory“ stehen als prägnanteste Beispiele für diesen neuen Stil. Bei vielen Live-Auftritten war der Bluegrass-Einfluss von Clarence White prägnant. Stücke wie „Soldier’s Joy“ oder „Rollin‘ In My Sweet Baby’s Arms“ gehörten zum festen Konzertprogramm der Band und „Mr. Tambourine Man“ feierte eine akustische Renaissance. Der Kontakt zu den Vätern der Bluegrass-Musik wie etwa Earl Scruggs wurde vertieft. Im August 1972 beispielsweise traten die Byrds zusammen mit der Earl Scruggs Revue auf und wurden für ein Album aufgezeichnet. Auf der LP Earl Scruggs, His Family And Friends erschienen zwei Stücke mit den Byrds („Nothing Was Delivered“ und „Nothing To It“), die eine beeindruckende Vorstellung der Byrds darstellten. Kurz nach diesem Konzert gab es wieder einen Wechsel bei der Band. Gene Parsons verließ die Gruppe, um eine Solo-Karriere zu starten.
Es folgte wieder einmal eine unruhige Zeit für die Byrds. Zunächst kam im September John Guerin für Gene Parsons als Schlagzeuger zur Gruppe. Die Konzertaktivitäten wurden etwas weniger, zumal John Guerin durch seine Studio-Tätigkeiten nicht so ausgiebig touren konnte. Gelegentlich saßen für ihn auch Denis Dragon oder Jim Moon hinter dem Schlagzeug. Trotz der wechselhaften Besetzung des Drummers gab es eine feststellbare Stiländerung bei den Byrds, so zeigen auch die wenigen aufgezeichneten Konzerte dieser Zeit eine deutliche Hinwendung zu mehr Rock’n’Roll-Einflüssen. Es wurden zwar von dieser Besetzung keine Studioaufnahmen veröffentlicht, aber es hält sich das Gerücht, dass zumindest der Versuch unternommen wurde eine neue LP aufzunehmen. Als einer der Gründe hinter dem Aussteigen von Gene Parsons werden musikalische Differenzen zwischen Roger McGuinn und Gene Parsons angesehen; McGuinn wollte zurück zu dem Stil von The Notorious Byrd Brothers und den Country-Einfluss wieder ausschließen, Gene Parsons wollte den Country-Einfluss verstärken. Betrachtet man die Konzerte der späten Byrds, so tauchen häufiger Songs im Repertoire auf, die nie auf LPs erschienen sind. So beispielsweise Lowell George’s Komposition „Willin“, Gib Guilbeaus „Take A City Bride, das von Roger McGuinn arrangierte Traditional “The Water Is Wide” , McGuinns Song „Born To Rock N Roll” oder die Skip Battin Komposition „Do Not Disturb“. Nach dem Aussteigen von Gene Parsons entwickelten die anderen Musiker immer stärkere Eigenaktivitäten. Clarence White widmete sich wieder mehr seinen Kentucky Colonels, die er zusammen mit seinem Bruder Roland White wieder aufleben ließ, Skip Battin folgte dem Beispiel Gene Parsons‚ und startete mit den Aufnahmen einer Solo-LP. Roger McGuinn trug sich mit dem Gedanken, die Original-Byrds wieder zusammenzubringen, um an dem Ideengut der The Notorious Byrd Brothers anknüpfen zu können. John Guerin betätigte sich wieder verstärkt als Studio-Musiker. Die Byrds fielen so allmählich auseinander und niemand versuchte ernsthaft, sie daran zu hindern. Es bestanden aber noch einige Konzertverpflichtungen für das neue Jahr, denen die Original-Byrds noch nicht nachkommen konnten und für die die aktuellen Byrds nicht mehr unter einen Hut zu bekommen waren. Lediglich Roger McGuinn und Clarence White waren übriggeblieben. Über die Aufnahmearbeiten an der Reunion-LP war der Kontakt zu Chris Hillman wieder erstarkt. Chris Hillman zeigte auch Interesse, die offenen Byrds-Termine wahrzunehmen. Als Schlagzeuger brachte er Joe Lala mit, der mit ihm zusammen bei Stephen Stills‚ Manassas spielte. Diese Notbesetzung der Byrds spielte sporadisch bis etwa Mai 1973, dann waren alle gebuchten Termine abgeschlossen. Der großen Byrds-Reunion stand nun nichts mehr im Weg.
ORIGINAL FLYING FORMATION
Im Februar 1973 hatten die fünf Original-Byrds im Studio mit der Unterstützung einiger Studiomusiker eine Reunion-LP eingespielt. Es war geplant, nach der Veröffentlichung auf eine große Tournee zu gehen, um sich auch live dem Publikum zu präsentieren. Die Musikkritiker empfingen die LP aber zumeist mit stark negativen Kommentaren. Die Gruppe, allen voran Roger McGuinn, war davon sehr betroffen und so wurde aus der geplanten Tournee nichts. Die große Byrds-Reunion fand somit leider nur im Studio statt.
1977 führten Roger McGuinns Thunderbyrds, Gene Clarks Kansas City Southern Band und die Chris Hillman Band eine gemeinsame Europa-Tournee durch, die aber nach internen Problemen in London ein vorzeitiges Ende fand. Wer nun aber dachte, durch den Tourneeabbruch seien alle Möglichkeiten zu einer weiteren Reunion der Byrds vertan, wurde schon bald angenehm überrascht: Im Oktober 1977 schlossen sich Roger McGuinn und Gene Clark zu einem akustischen Duo zusammen und gaben gemeinsame Konzerte. Ende des Jahres schloss sich ihnen auch Chris Hillman an. Als im Februar 1978 dann bei einem Konzert auch David Crosby zu ihnen auf die Bühne kam, waren die alten Byrds wieder vereint. Aus diesen gemeinsamen Konzerten von Roger McGuinn, Gene Clark und Chris Hillman entwickelte sich eine aktive Gruppe, die zunächst mit dem ehemaligen Poco Schlagzeuger George Grantham als Founders of the Byrds tourten, dann aber zum Namen McGuinn, Clark & Hillman übergingen. Auf die Geschichte dieser Gruppe wird an anderer Stelle ausführlicher eingegangen…
THE BYRDS ARE FLYING AGAIN
Zwanzig Jahre nach dem ersten Auftreten der Byrds beschloss Gene Clark, mit einigen Musikern auf eine Byrds Tribute Tournee zu gehen. Aus diesem Grund scharrte er Michael Clarke, Carlos Bernal, John York und einige andere Musiker um sich, um live auftreten zu können. Die Kritiker nahmen die Konzerte begeistert auf und nannten die Gruppe nur Byrds. Gene Clark wies immer wieder darauf hin, dass es nicht seine Absicht sei, diese Gruppe als die Byrds zu bezeichnen, auch wenn einige ehemalige Byrds-Musiker mitspielten, aber die Kritiker gingen nicht darauf ein. Die Konzerte brachten eine ausgewogene Mischung aus altem Songmaterial und neuen Kompositionen der einzelnen Bandmitglieder der Byrds Tribute Band. Etwa zwei Jahre lang tourte Gene Clark mit einer festen Besetzung, lediglich Nicky Hopkins und Blondie Chaplin kamen hinzu und Michael Clarke wurde durch Greg Thomas ersetzt, der gemeinsam mit Roger McGuinn bei den Thunderbyrds gespielt hatte. Zum Thema Byrds meinte Michael Clarke 1986 in einem Interview mit Paul Moratto von CAMN (Cosmic American Music Newsletter, das Magazin der Gram Parsons Memorial Foundation): „Darüber spreche ich nicht viel. Wir haben es ein Jahr lang versucht, aber es war nie das große Geschäft. Das waren nicht die wirklichen Byrds, es war eine Art von Kopie. Ich meine, man solle die Gruppe so nicht weiterführen. Ich bin sicher, Roger und Chris stimmen mir hier zu.“ Im weiteren Verlauf stimmt Michael Clarke sogar Roger McGuinn zu, der einmal sagte: „Die Byrds sollten nur noch die Original-Mitglieder sein – oder niemand!“ Wie sich zwei Jahre später zeigen sollte, ist es doch gut, wenn Leute von dem, was sie sagen, überzeugt sind und auch danach handeln…
Anfang 1987 verließ Gene Clark das Projekt. Die Band ging zuerst auseinander, wurde dann aber 1988 von Michael Clarke wieder zusammengeholt, um nun endgültig unter dem Namen Byrds weiterzuspielen. Als Roger McGuinn und Chris Hillman davon erfuhren, setzten sie alles daran, dies zu verhindern. Sie wurden belehrt, dass sie nur dann eine Chance hätten, den Namen für sich zu beanspruchen, wenn sie es schafften, unter dem Namen Konzerte zu geben und wenn sie neue Aufnahmen nachweisen könnten. McGuinn und Hillman sprachen sofort David Crosby und Gene Clark an, um mit vier Original-Byrds eine wirkliche Reunion feiern zu können. Gene Clark musste aus Gesundheitsgründen absagen, aber David Crosby sagte zu. Anfang 1989 fanden dann in Kalifornien Konzerte der Byrds statt, an denen neben McGuinn, Hillman und Crosby auch Mitglieder aus Hillmans Desert Rose Band teilnahmen. Gerüchte besagten sogar, dass diese Band in einem Studioaufnahmen gemacht haben, die als neue Byrds-LP veröffentlicht werden sollten.
Über das Jahr 1989 hin wurde das Vorhaben einer Schallplatte aber immer unwahrscheinlicher, so dass Michael Clarke nun der Weg offen stand. Er nutzte die Gelegenheit für einen Sprung nach Europa. Doch zuvor hatte er noch einige personelle Änderungen vorzunehmen: Als neuer Bassist wurde Skip Battin verpflichtet, der nach seinen Jahren mit den Flying Burrito Brothers gerade nach einer neuen Beschäftigung suchte. John York, der als einziger in der neuen Gruppe die Byrds Fahne mit seinem Spiel auf der zwölfsaitigen Gitarre aufrechthielt, wurde kurzerhand wegen musikalischer Differenzen entlassen. Die Byrds waren nun wieder einmal bereit, Europa heimzusuchen. Instrumental knüpften die vier Musiker durchaus an der Qualität der großen legendären Gruppe an, das, was aber gesanglich geboten wurde, war eine einzige Zumutung.
Dennoch wurde die Band in Europa von den nicht sehr zahlreich erschienenen Fans gefeiert. Es war zu befürchten, dass die Michael Clarke Byrds-Parodie ihre Drohung wahrmachte und im Jahr 1990 eine LP-Veröffentlichung auf den Markt werfen sollte. In Gesprächen mit Michael Clarke und dem Manager der Byrds verwiesen beide darauf, dass sie das alleinige Recht beanspruchen, den Namen Byrds zu führen, da Michael Clarke ein Originalmitglied der Band war und diese Band schon seit rund fünf Jahren (hier zählen die beiden sicherlich Gene Clarks Byrds Tribute Band mit) zusammen spielt. Von einer Band, die – wenn auch mit wechselnden Besetzungen – seit rund fünf Jahren zusammenspielte, durfte man sicherlich mehr erwarten. Während Michael Clarke bei seinen Konzerten eine Studio- bzw. Live-LP „seiner“ Byrds androhte, handelten Roger McGuinn, Chris Hillman und David Crosby. Zunächst traten sie im Februar 1990 bei einem Roy Orbison Tribute Concert verstärkt durch John Jorgenson und Steve Duncan von der Desert Rose Band als Byrds auf, ließen diesen Auftritt mitschneiden („Turn Turn Turn“ und „Mr. Tambourine Man“ wurden auf dem 4er Box-Set veröffentlicht) und begaben sie sich dann ins Studio, um neue Songs aufzunehmen. Im Studio wurden sie ebenfalls von John Jorgenson unterstützt, am Schlagzeug saß aber diesmal Stan Lynch. Die ersten fünf Songs dieser Aufnahmesessions wurden ebenfalls auf dem 4er Box-Set veröffentlicht.
Bei den Gerichtsverhandlungen zwischen Michael Clarke auf der einen und den anderen Original-Byrds auf der anderen Seite zeichnete sich indessen ein Kompromiss ab: Es sollten in den nächsten fünf Jahren Welt-Tourneen der Original-Byrds stattfinden, die dann auch jeweils mit einer LP (Studio und/oder Live) unterstützt werden! Vor den Gerichten war eine Einigung nicht in Sicht, als die Original-Byrds 1991für ihre Verdienste in die Rock’n’Roll Hall Of Fame aufgenommen wurden. Am Abend der offiziellen Bekanntgabe waren alle gespannt, ob neben den anderen verdienten Musikern auch einige der Original Byrds auftauchen würden. Es kam der Augenblick der Ankündigung der Verdienste der Byrds, das Scheinwerferlicht schwenkte auf die Bühne, es erklangen die ersten Töne von „Mr. Tambourine Man“ und – welch ein Wunder – auf der Bühne standen Roger McGuinn, Chris Hillman, David Crosby, Gene Clark und Michael Clarke. Die Original-Byrds waren wieder zusammen, um einige Stücke gemeinsam zu spielen. Chris Hillman meinte später, er habe nicht geglaubt, dass es ihm wieder so viel Spaß machen könnte, mit der Originalbesetzung zusammenzuarbeiten. Er hoffe, dass dies nicht das letzte sei, was man von den fünf Original-Mitgliedern der Byrds gehört habe.
Doch leider war dies das letzte Mal, dass alle fünf Original-Byrds gemeinsam auf der Bühne stehen konnten, denn Ende Mai 1991wurde die Musikwelt von einer Meldung geschockt, die zunächst niemand so recht glauben wollte. Gene Clark war tot in seiner Wohnung aufgefunden worden! Er starb an einem Herzinfarkt. Michael Clarke verstarb 1993 an Leberversagen und David Crosby verließ uns 2023. McGuinn und Hillman sind weiter aktiv im Musikgeschäft.

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