Live: Polonia Music Festival – Dzem – 24.11.2023 – Turbinenhalle Oberhausen


Am Freitag, den 24.11. war es wieder soweit und das Polonia Music Festival kehrte zurück in die Turbinenhalle nach Oberhausen, der Gründungslocation der 2015 gestarteten Eventserie. Dieses Jahr wurde es jedoch zum ersten Mal für meinen Spezl und mich interessant, da anstelle des bisher üblichen Disco-Polo-Sounds etwas auf dem Programm stand, was auch für Nicht-Polen interessant ist, aber dazu später mehr. Die Turbinenhalle ist ein zweigeteilter Gebäudekomplex, bestehend aus zwei Hallen, die früher zur Versorgung einer Eisenhütte diente. Für das Festival wurde eine der Hallen zur musikalischen Versorgung, die andere für landestypische Verpflegung verwendet, bestehend aus polnischen Klassikern wie Bigos, Zapiekanka und Co. Gestärkt verfrachteten wir uns hinüber in die Musikhalle, in der aus den Boxen, unpassend zum folgenden Konzert, poppige Party- und Clubsounds liefen. Dies tat jedoch der ausgelassenen Stimmung keinen Abbruch.

Pünktlich nach Plan um 20:00 Uhr kam die Vorband NoMedia aus Düsseldorf auf die Bühne und bestach durch progressiven, teilweise folkigen Sound. Mit den doppelten Akustikgitarren in Kombination mit dem Cello war eine gute rhythmische Grundlage gelegt, die von der Sängerin quietschend ausgemalt wurde. Man fühlt sich zum Teil fast an Amon Düül II erinnert, dann klingen wiederum Elemente von The Cure raus. Mal was anderes und total unerwartet, wenn auch einigen Nummern das Überraschungselement abgeht und diese doch fadem Pop ähneln.

Nach rund 30 Minuten Umbau und weiterer unpassender Beschallung war es endlich soweit. Ebenfalls pünktlich auf die Minute betreten die Helden des Abends die Bühne. Dzem sollte eigentlich ursprünglich Jam, wie Jam Session, heißen, aber eine Frau bei einem Konzert dachte an das phonetisch gleiche Wort für Marmelade, woraus sich der Name ergab. Sie kommen aus der schlesischen Stadt Tychy, dem Ort des allseits bekannten Tyskie Biers, und wurden 1973 gegründet.

Genau in dieser Ära sind Dzem auch musikalisch einzuordnen und spielen ehrlichen, harten Bluesrock, der streckenweise an Free und Bad Company in den glorreichen Siebzigern erinnert, aber nicht im Sinne einer Kopie. Die wesentlichen Elemente wurden übernommen – Talent, eine Gibson Les Paul über einen Marshall gespielt und dann geht’s mal so richtig rund. Schön, so etwas heute noch live in einer Halle dieser Größenordnung erleben zu können.

Der harte Kern der Band um die beiden Brüder Adam Otręba an der Rhythmusgitarre, Benedykt „Beno“ Otręba am Bass, und dem Leadgitarristen Jerzy „Jurek“ Styczyński sind allesamt Gründungsmitglieder und seit 1973 dabei. Drummer Zbigniew Szczerbiński an der Schießbude, der 1992 Jerzy Piotrowski ersetzte, liefert energisch die Spielwiese, auf der sich seine sechssaitigen Kollegen austoben können. Die Keyboards werden von Janusz Borzucki bedient. Szczerbiński und Borzucki spielten früher in der Gang Olsena, einer polnischen Rhythm & Blues Band, deren Mitgründer sie 1988 waren. Nach anfänglichen Soundungereimtheiten bei Adam Otręba wurde auch sein Klang immer klarer – Styczyński war von Sekunde eins Spot-On. Styczyński an der Leadgitarre war für mich der Held des Abends. Einen so schönen Solostil und seine Präzision hört man selten live. Er versucht nicht durch übermäßige Effekte Fehler zu kaschieren und er verspielt sich trotzdem nicht. Janusz Borzucki an den Keys gibt jedem Stück seine passenden Akzente, ob es Rock’n’Roll Geklimper a la Spider Murphy Gang ist oder progressive Orgelläufe. Borzucki ersetzt seit 2005 das verstorbene Gründungsmitglied Paweł Berger, der im gleichen Jahr bei einem Verkehrsunfall im Tourbus ums Leben kam. Den schwierigsten Job hat Maciej Balcar, der den 1994 verstorbenen, legendären und enigmatischen Sänger Ryszard „Rysiek“ Riedel ersetzt und die größtenteils autobiographischen Texte rüberbringen muss. Dies gelingt ihm sehr gut und er wird auch super angenommen von der Crowd. Den beiden nicht anwesenden Riedel und Berger widmet Balcar den Song „Autsajder“ vom gleichnamigen 93er Album. Ein emotionaler Moment.

Auf die Setlist einzugehen ist aufgrund der Sprachbarriere schwierig, jedoch konnte ich anhand einiger Riffs Bestandteile meiner LP-Sammlung heraushören. Die Hits der bedeutendsten LPs Detox, Cegła und insbesondere meines Favoriten Najemnik haben das letzte Drittel des Konzertes und die Herzen des Publikums eingenommen. Zuvor ging es eher den „neueren“ Nummern an den Kragen, die aber keineswegs schlechter sind, sondern auch durch streckenweise komplexere Passagen bestechen. Beim Publikum finden diese auch Anklang und es wird gesungen und gegroovt. Gerade bei den Hits wie „Wehikul czasu“ (Zeitmaschine), „Czerwony jak cegła“ (Rot wie ein Ziegel), „Sen o Victorii“ (Traum von Victoria) und dem Abschluss „Whisky“ steht die Turbinenhalle Kopf und das völlig zu Recht. Nach gut zwei Stunden Spielzeit und einigen Zugaben geht ein beeindruckender Gig zu Ende. Bei Dzem stimmt einfach das Gesamtkonzept. Eine kraftvolle Stimme trifft auf fetten, ehrlichen Sound einer sehr gut abgestimmten Band. Klare Empfehlung meinerseits.

Ich habe mit Polen nichts zu tun, außer der einen Woche, die ich dieses Jahr dort im Urlaub war, verstehe vielleicht zehn Worte, aber war hellauf begeistert von dem Event und besonders davon, Dzem live zu sehen. Musikalische Weltklasse und hohe Professionalität sind einfach unabhängig von Sprache und Nation.

Dziękuję!

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