Buch: Uwe Schütte – Wir sind die Roboter – Kraftwerk und die Erfindung der elektronischen Pop-Musik


Wir sind die Roboter.“ Mit diesem gegen die Konventionen und Traditionen des Rock gerichteten Schlachtruf sind Kraftwerk ausgezogen, um von Düsseldorf aus die Welt zu erobern. Mit ihrem revolutionären Konzept einer elektronischen Popmusik waren die vier Mensch-Maschinen-Musiker vermutlich noch einflussreicher als die Beatles. Im Werk der Formation verschmolzen Klang und Technologie, Grafikdesign und Performance, Autobahn und Roboter, modernistische Bauhaus-Ästhetik und rheinische Industriekultur, um so der modernen Popmusik eine elektronische Richtung vorzugeben. Ihr avantgardistisches Konzept einer »industriellen Volksmusik« aus deutschen Landen schuf den tanzbaren Soundtrack zu unserem digitalen Zeitalter. In der Ära der Künstlichen Intelligenz sind die bis heute aktiv den Globus tourenden Kraftwerk daher so aktuell wie nie. (Quelle: Klappentext / btb)

Ich bin seit dem Computerwelt Album von 1981 ein riesiger Fan von Kraftwerk, hab sie einige Male live gesehen und all ihre Platten an allen erdenklichen Formaten in meiner Sammlung. Als dann im November 2024 ein neues Buch auf dem Markt erschien, war es für mich Pflicht, dieses baldigst zu lesen.
Wir sind die Roboter ist nicht unbedingt eine Pflichtlektüre für den normalen Fan der Düsseldorfer Gruppe. Ich habe, obwohl sehr am ganzen Kraftwerk-Kosmos interessiert, drei Anläufe gebraucht, um über die ersten 50 Seiten hinweg zu kommen. Uwe Schütte beleuchtet das ganze Thema um Kraftwerk aus allen erdenklichen Blickwinkeln und Thematiken. Sei es im musikhistorischen, kulturgeschichtlichen, architektonischen oder stilbildenden Kontext, Schütte lässt nichts aus. Welche Einflüsse brachten Kraftwerk an den Punkt, an dem sie jetzt sind, welche Einflüsse brachten Kraftwerk zu sehr vielen Musikern und den daraus entstehenden neuen Stilen weltweit? An fließendem Stil ist Schütte nicht interessiert, er beleuchtet jeden noch so kleinen Punkt aus allen Blickwinkeln und verliert sich dabei leider viel zu viel in Details, die mit dem ursprünglichen Thema Kraftwerk nicht mehr viel gemein haben. Seine Schreibweise ist des Öfteren viel zu intellektuell, um in einen Lesefluss zu fallen. Der normale Kraftwerk-Fan kann da schon mal die Lust am Buch verlieren.

Als Beispiel nenne ich mal folgenden Abschnitt der Seite 223: „Selbst wenn auf diesen Seiten erkennbar eine Lanze gebrochen werden soll für den eminenten transnationalen Einfluss Kraftwerks auf die Entwicklung von Detroit Techno und den daraus abgeleiteten Stilen, so bedarf es einer Klarstellung: Es wäre falsch zu behaupten, Kraftwerk wären die alleinigen Begründer der elektronischen Tanzmusik und die wahren kreativen Genies hinter dem Konzept einer elektrifizierten Zukunftsmusik namens Techno. Ihre futuristische Ausrichtung trug zwar dazu bei, dass ihre „industrielle Volksmusik“ in einem ganz anderem kulturellen und sozialen Milieu neu kodiert werden konnte, aber eben nur deshalb, weil es bereits eine kulturelle Tradition der Afroamerikaner gab, die ihrem künstlerischen Projekt voraus ging: das Phänomen des Afrofuturismus.“ (Quelle btb, Seite 223)

Was kann der „normale“ Kraftwerk-Fan mit solchen, arg verschwurbelten Zeilen anfangen? Relativ wenig schätze ich mal, noch dazu die Thematik Detroit Techno nicht gerade wenige Seiten des Buches einnimmt. Schütte verliert sich leider immer wieder in „Umgebungs-Themen“, denen er zu viel Raum gibt. Der Normalo-Fan verliert dadurch leicht die Lust am Lesen, für den Kraftwerk-Afficionado aber öffnen sich dadurch viele neue Horizonte, ebenfalls für die speziellen Anhänger eben dieser Umgebungs-Thematiken. Sei es aus architektonischer Sicht (Was hat das Bauhaus zum Beispiel mit Kraftwerk zu tun?), aus cineastischer Sicht (Fritz Langs Film Metropolis mit dem Roboter-Thema), multimedialer Wirkung oder einfach nur aus einem „ordinären“ musikalischen Vergleich – Ursache – Wirkung. Wir sind die Roboter könnte fast als Blaupausenentwurf für eine musikalische Doktorarbeit dienen.

Mir persönlich ist der Schreibstil viel zu intellektuell, obwohl ich das Buch in keiner Weise schlechtmachen will. Es ist für jeden was dabei – nur der Normalo-Fan wird zu oft außer Acht gelassen. Zu Uwe Schüttes Verteidigung will ich anführen, dass er der wohl fundierteste Kenner des Gesamtkunstwerks Kraftwerk ist, bereits mehrere Bücher zum Thema geschrieben hat und einen anderen Ansatz als viele Schreiberlinge hat. Es sollte kein normales Buch oder eine schlichte Biographie werden. Er verfolgte einen anderen Ansatz und das ist auch gut so.

Wir sind die Roboter: 3,5 / 5

Uwe Schütte – Wir sind die Roboter
btb Verlag, 2024
384 Seiten
ISBN-10 ‏ : ‎ 3442774748
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3442774746
Amazon: Paperback, 18,00 €

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