Sarah Wolff leidet an Monophobie, der Angst vor Einsamkeit. Als sie mit ihrer Tochter umzieht, ahnt sie nicht, dass es damit vorbei ist. Denn ein Nachbar beobachtet sie und lässt sie keine Sekunde mehr alleine. Plötzlich sehnt sich Sarah danach, alleine zu sein…
Sebastian Fitzek gelingt es auch in Der Nachbar, eine dichte, nervenaufreibende Spannung zu erzeugen, die den Leser von der ersten bis zur letzten Seite mitzieht. Die Erzählweise ist typisch Fitzek: klar strukturierte Kapitelschnitte, kurze bis mittlere Sätze, die das Tempo hochhalten, gepaart mit einer präzisen Feinarbeit an psychologischer Atmosphäre. Der Autor versteht es, Alltagsnähe mit schwarzer Mechanik von Angst und Verdacht zu verknüpfen, sodass sich eine stete Unruhe im Bauch der Leserschaft aufbaut.
Was den Roman besonders stark macht, ist Fitzeks Fähigkeit, Vertrauen und Misstrauen gegeneinander auszuspielen. Die Figuren wirken menschlich greifbar, ihre Motivationen werden schrittweise aufgebaut, wodurch sich ein feines Netz aus Zweifeln und Vermutungen spannt. Der Nachbar dient dabei nicht nur als titelgebende Figur, sondern als Symbol für all jene kleinen, allgegenwärtigen Beobachtungen, die das Gefühl von Sicherheit in der Nachbarschaft aushebeln können. Fitzeks Darstellung von Nachbarschaftsdynamiken – kleine Konflikte, versteckte Abhängigkeiten, subtile Machtspiele – sorgt für eine plausible, plausible Plausibilisierung der Spannungsbögen.
Die Twists sind gut gesetzt, kraftvoll und sinnvoll in den Kontext der Handlung eingebettet. Sie schärfen das Verständnis der Figuren, statt lediglich der Schockwirkung zu dienen. Wichtig ist, dass sie sich organisch in die Narration fügen und nicht wie Zufallsprodukte wirken. Statt auf große Showeffekte zu setzen, arbeitet Fitzek mit feinen Abstufungen von Enthüllung, sodass jeder neue Hinweis die bisherigen Annahmen infrage stellt und den Leser dazu zwingt, seine Einschätzungen immer wieder neu zu bewerten.
Die Sprache bleibt zugänglich, aber nicht eindimensional. Fitzek setzt auf klare Dialoge, prägnante Beschreibungen und eine paranoide Grundstimmung, die sich wie eine unsichtbare Hand durch das gesamte Buch zieht. Die oft knappen, nüchternen Sätze bilden einen Kontrast zu den intensiven emotionalen Reaktionen der Charaktere, was die literarische Qualität des Romans zusätzlich hebt.
Thematisch greift Der Nachbar zentrale Fragen auf: Was bedeutet Sicherheit in einer Gemeinschaft? Welche Lehren ziehen wir aus dem, was wir über andere zu wissen glauben? Wer trägt Verantwortung, und wie weit reichen die Grenzen des Schutzes, den man anderen angedeihen lässt? Fitzek verknüpft diese Fragen mit einem Psychothriller-Gerüst, in dem die Grenze zwischen Täter und Opfer beständig verwischt wird, sodass der Leser ständig vor einer neuen moralischen Herausforderung steht.
Die Atmosphäre der Geschichte trägt wesentlich zur Spannung bei. Geglaubte Gewissheiten werden durch unterschwellige Bedrohung, räumliche Enge und alltägliche Normalität, die plötzlich brüchig wirkt, unterlaufen. Die Lektüre fühlt sich daher an wie ein Trauma in Textform: unangenehm nahe, realistisch und beklemmend, ohne dabei in übertriebene Effekthascherei abzurutschen.
Fazit: Der Nachbar bietet eine kompakte, intensives Leseerlebnis mit gut konstruierten Spannungsbögen, glaubwürdigen Figuren und einer klugen Einbettung psychologischer Konflikte in einen plausiblen Krimi-Plot. Fitzek überzeugt erneut durch seine Fähigkeit, alltägliche Härten und die dunklen Seiten menschlicher Beziehungen in nervenaufreibende Unterhaltung zu verwandeln, die lange nach dem Umblättern nachhallt. Perfekt für Leserinnen und Leser, die psychologischen Thriller-Potenzial mit packender Handlung schätzen.
4/5
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Sebastian Fitzek – Der Nachbar
Droemer, 2025
368 Seiten
