Buch: Hannah Richell – Das Internat


In den Wäldern von Thorncombe wird ein Mädchen tot aufgefunden – im weißen Kleid, mit einer schwarzen Vogelmaske und rätselhaften Worten, die ihr jemand auf Arme und Beine gekritzelt hat. Ist eine Party unter Schülern des angrenzenden Internats eskaliert oder handelt es sich um einen geplanten Mord?

Hannah Richell, bekannt geworden durch atmosphärische, vielschichtige Romane, arbeitet in Das Internat erneut mit einem dicht gewebten Netz aus Geheimnissen, Schuld, Freundschaft und der Frage nach Wahrheit in einer abgegrenzten Welt. Der Roman siedelt sich in einer abgeschiedenen Schule an, dessen Mauern sowohl Sicherheit als auch Druck und Machtstrukturen symbolisieren. Richells Das Internat konzentriert sich auf kollektive Erinnerungen, aufgestaute Traumata und die Dynamik alter Beziehungen, während einzelne Figuren im Mittelpunkt menschlicher Schwäche, Loyalität und Versagen stehen.

Der Roman entfaltet sich schrittweise aus der Perspektive mehrerer Figuren, deren Stimmen sich im Verlauf zu einem komplizierten Mosaik zusammenfügen. Zu Beginn erscheinen die Ereignisse klar, doch schon bald zeigen sich Risse: Erinnerungen überschneiden sich mit Gegenwart, Gerüchte keimen auf, und die orbitalen Kreise von Freundschaften, Rivalitäten und Machtverhältnissen beginnen zu rotieren. Die Erzählstruktur nutzt Rotationen zwischen Zeit- und Perspektivwechsel, wodurch der Leser nach und nach mehr über die Gegebenheiten und die verborgenen Loyalitäten entdeckt. Der Handlungsplot dreht sich um ein zentrales Ereignis – eine Begebenheit aus der Vergangenheit der Schule, deren Auswirkungen bis in die Gegenwart reichen. Die Auflösung kommt schrittweise, folgt einer logischen Rückführung der Puzzleteile und liefert schließlich ein fulminantes Finale.

In Das Internat arbeitet Hannah Richell durchaus mit einer Vielzahl von Figuren, deren Motivationen, Ängste und Sehnsüchte angedeutet werden. Dennoch bleibt die Ausarbeitung einzelner Charaktere an einigen Stellen hinter den Erwartungen zurück. Mehrere Figuren fungieren als Archetypen – die ehrgeizige Lehrkraft, die rebellische Schülerin, der stille Außenseiter – ohne dass ihnen in ausreichendem Maße eine individuelle Tiefe oder eine klare Charakterentwicklung zugeteilt wird. Dadurch kann der Leser Schwierigkeiten haben, emotional wirklich zu folgen, sobald sich das Handlungsgeschehen zuspitzt. Diese Schwäche wirkt besonders deutlich in Momenten, in denen der Plot moralische oder psychologische Wendungen erfährt: Die Reaktionen der Figuren bleiben oft verlässlich, aber nicht überraschend, weil sie zu stark an vordefinierte Rollen gebunden sind, statt an persönliche, nuancierte Motivationen.

Dennoch wird es nie richtig langweilig und das Ende kommt so unerwartet, dass viele kleine negative Punkte in Vergessenheit geraten.

4/5

Hannah Richell – Das Internat
Rowohlt polaris, 2025
465 Seiten
Paperback: 18 €

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