Buch: Vea Kaiser – Blasmusikpop


Johannes A. Irrwein wohnt im rückständigen Bergdorf St. Peter am Anger und lebt das vorgezeichnete Leben, das für alle Bewohner gleich zu sein scheint. Doch dann erkrankt er und hat einen Bandwurm, der ihn in die verstaubte Dorfbibliothek und schließlich aus St. Peter treibt. Sein Wissensdurst ist geweckt und da kommt es gerade recht, das seine Frau das Kind seines Erzfeindes und Nachbarn gebiert. Jahre später kehrt Johannes zurück und kann mit dem Dorf und seinen Bewohnern nicht mehr viel anfangen …

Vea Kaiser hat ihr Debüt in viele Worte gepackt. Das Buch beginnt mit einem guten Schreibstil und einer ausgereiften Sprache, die einen entführt in ein solides, literarisches Werk. Leider hält die Euphorie darüber nur etwas dreißig Seiten an, dann beginnt die Geschichte einem zähen Kaugummi gleich vor Langeweile nur so zu strotzen. Ein gewisser roter Faden ist nicht zu verleugnen, dafür sucht man vergeblich nach Spannung und einem Sinn des Geschriebenen. Intention war es wohl, ein verbohrtes und rückständiges Dorf zu beschreiben, das als Metapher für die heutige Gesellschaft steht. Durch Johannes, der ja aus diesem festgefahrenen Trott heraustritt und das Wissen – ähnlich wie zu Zeiten der Aufklärung – mitbringt, soll diese Kruste durchbrochen werden. Das erinnert an so vieles, die 1968er, die Aufklärung und nicht zuletzt den guten alten Platon, der mit seinem Höhlengleichnis sicherlich auch Modell stehen durfte. Schließlich hat Vea Kaiser eine entsprechende Bildung und lässt auch bei jeder Gelegenheit gerne mal raushängen, dass sie des Altgriechischen und damit selbstverständlich auch Aristoteles, griechische Mystik und Co durchgeackert hat. Das ist zwar alles ganz nett, aber wirkt im Laufe der Lektüre ein Stück zu arrogant.

Sehr störend finde ich die kurzen Zwischenstücke mit dem Charme wissenschaftlicher Aufzeichnungen und ohne für die Geschichten einen Gewinn darzustellen. Die Kapitel enden abrupt und setzen willkürlich gewählt und stellenweise mit so großen Zeitsprüngen wieder ein, dass man gar nicht mehr weiß, wer nun wie alt ist, was dazwischen geschehen ist, wie es „damals“ weitergegangen ist und warum denn nun schon wieder zehn Jahre einfach so verflogen sind – ohne dass etwas Erwähnenswertes geschehen wäre.

Ganz nett und für mich einzig brauchbar, sind die Beschreibungen des Dorfes und der Bewohner, die aufgeführte Bergidylle, fernab von Realität und der Außenwelt – und leider dann doch so nah an ihr dran, dass man nicht versteht, woher nun die ein oder andere Verbindung kommt.

Die Krönung eines enttäuschendes Buches ist der völlig sinnlose Titel, der wohl witzig, jung und ansprechend klingen soll. Nun ja, für mich eher abstoßend – aber einem geschenkten Gaul …

Fazit: Leider eine absolute Enttäuschung. Die Zeitsprünge sind in meinen Augen zu groß und willkürlich gewählt, mir fehlt der Sinn hinter dem Erzählen und vor allem ist es schade, dass die sorgfältige Wortwahl nicht durchgehalten wird und bald ins Triviale abrutscht. Auch die Verwendung von Dialekten ist nicht durchgängig.

Vea Kaiser hat mit ihrem Debüt „Blasmusikpop“ nicht nur Auszeichnungen gewonnen, sondern auch sofort das Angebot zur Verfilmung bekommen.

0/5

Vea Kaiser – Blasmusikpop
Kiepenheuer und Witsch, 2012
496 Seiten
Hardcover: 19,99 €
Taschenbuch: 9,99 €
EBook: 9,99 €
Amazon

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