Buch: Edmund Hartsch – Böhse Onkelz. Danke für nichts


dankefuernichtsDer erste Gedanke war: Wenn diese Biographie als einzige im Böhse Onkelz-Shop verkauft wird, müssen BO damit einverstanden sein – und sie vielleicht entsprechend „manipuliert“ haben. Warum kommt eigentlich sofort ein negativer Gedanke, wenn man an das Quartett denkt? Ist man so weit indoktriniert von den Massenmedien und den „Hatern“, dass man an BO kein gutes Haar mehr lassen kann? Vielleicht. Vielleicht hat man auch zu sehr auf Zeitungen, TV-Debatten und (Ex-) Fans gehört, die die Frankfurter immer wieder der Lüge bezichtigen. Ich jedoch wollte etwas über die vier lesen, noch eine Biographie, noch ein paar Infos, noch ein paar Lügen und Wahrheiten. Ein paar Hintergründe kennenlernen und einmal aus ihrer Sicht etwas über eine Band erfahren, die ich als Teenie wegen des Songs Schrei nach Liebe von meinen damaligen Punkgöttern Die Ärzte natürlich als rechts orientiert ansah. Nicht zuletzt auch durch Hörensagen, denn wer ließ schon ein gutes Haar an „denen“? Ich weiß noch sehr gut, als ich Punk war, Mitte / Ende der 1990er Jahre, da waren Skinheads gleichzusetzen mit der rechten Szene, so sehr war die eigentliche Arbeiterbewegung infiltriert worden. OIs waren Verräter, die mal eben – zwar mit ursprünglich guten Absichten – den Punk verraten hatten. Wie ich dann doch dazu gekommen bin, einmal BO zu hören? Nun, damals lag es mir – im Gegensatz zu heute – noch fern, mich genauer mit meinen „Feinden“ und mit dem, was ich ablehnte, zu befassen. Aber dann war da dieser Kumpel, auch eher Punk als etwas anderes, und der sang Wieder mal nen Tag verschenkt und Nur die Besten sterben jung. Leider haben mir die beiden Songs gefallen. Also kaufte ich mir die Live in Dortmund CD und hörte mal rein. Schnell hatte ich meine Lieblingssongs gefunden und alles andere war mir egal. Aber ich hörte mich um. Damals war das mit der Informationsbeschaffung mangels Internet ja noch schwieriger. Bald bekam man auch andere Meinungen zur politischen Gesinnung der Gruppe zu hören. Schließlich kaufte ich mir die Viva los tioz und suchte beinahe verzweifelt nach rechtem Gedankengut. Ich wollte ein Statement, eine Antwort, etwas, mit dem ich arbeiten und das ich verstehen konnte. Doch ich fand außer den Anfang von Ohne mich nichts. Nur neue Lieblingssongs. Bald wanderten noch zwei weitere CDs in meine Sammlung, ich wurde kein Hardcorefan, kein Teil der „Familie“, ich hab sie halt gehört, das war alles – bis 2005 der große Abschied kam, der mich weder überraschte noch entsetzte – mittlerweile hatte auch ich einiges im Netz über Kevin und Co gelesen. Leider habe ich damals keinen Wettpartner gefunden, denn ich sagte die Reunion voraus. Die Onkelz mussten zurückkommen, das war so klar wie der Sternenhimmel im Winter. Mein Bruch mit BO kam mit Kevins Unfall. Der Unfall an sich ist passiert, darüber erlaube ich mir kein Urteil. Ich bin weder Richter noch Henker. Aber der Prozess, Kevins Auftreten und Aussagen, die gaben mir den Rest. Nein, die Onkelz waren für mich gestorben und ich wollte mit denen nichts mehr zu tun haben. Meine CDs habe ich verkauft, die Songs nie wieder gehört oder gesungen. Das Comeback habe ich belächelt und vielleicht gab es auch die leicht abfällige Bemerkung „War ja klar“. Die Welt drehte sich einfach weiter, ob mit der Band oder ohne sie, das war mir so egal wie noch mal was. Im Übrigen war Kevin für mich die Band. Stephan, Gonzo und Pe waren immer nur eine Begleitband für den Sänger, mehr nicht.

Warum ich das erzähle und was es mit der Rezension zu tun hat? Ziemlich viel. Ich hatte ein sehr gespanntes Verhältnis zu BO und bin nur zurück zu dieser Band gekommen durch ein Gespräch mit einem Anti-Fan, der mir gesagt hat: Hör einfach mal rein und bilde Dir ein Urteil. Da fing ich mit der Recherche an und in mir wuchs der Drang, die Geschichte hinter den Böhsen Onkelz mal kennenzulernen.

Wer sich auf die Suche nach der Geschichte der Frankfurter macht, hat entweder das Glück, einen oder alle vier einmal selbst zu treffen und mit ihnen zu sprechen, oder bombt sich voll mit Artikeln, Büchern, Kommentaren, Meinungen und Infos und bildet sich eine eigene Meinung – die am besten nicht auf einem einzelnen Buch, Film oder Artikel basiert. Die Biographie ist nur eine Station von vielen.

Danke für nichts beginnt am Anfang, bei Tex Weidner, Stephans Vater, dessen Lebensweg sich gar nicht so sehr von dem seines Sohnes unterscheidet (nein, nicht die Puff- und Knastgeschichten, aber die Ausschweifungen, die Art, die Autorität, die Arroganz). Man mag sich fragen, warum eine Biographie, die doch eher von seinem Sohn und dessen Band handelt, warum diese eben genau mit Tex Weidners Geburt anfängt. Das wird viel später erst deutlich, wenn man sieht, welchen Einfluss auf den Weg des Sohnes die Aktionen des Vaters hatten. Danach wird man in die Leben von Stephan und Kevin geschmissen, muss sich mit kalten Elternhäusern voller Abneigung, fehlender Liebe und Bezugspersonen, Gewalt und Alkohol konfrontiert sehen, die irgendwann vieles erklären, wenn nicht gar alles. Der Weg von Kevin und Stephan, später auch der von Gonzo, ist vorgezeichnet, das hätte gar nicht viel anders kommen können, so meint man. Pe allerdings ist ein bisschen außen vor, zwar ein Außenseiter, aber kein extrovertierter, saufender Schläger, sondern der stille Beobachter, der erst gar nicht so recht in die Gruppe passen möchte. Als kompletter Gegenpol zu Stephan und Kevin dargestellt, muss man sich über Pes Zugehörigkeit zur Gruppe wundern – oder vielleicht gerade nicht, weil sich Gegensätze anziehen und ja wenigstens einer vernünftig sein musste.

Hartsch nimmt wenige Blätter vor den Mund. Er erzählt vom Schmerz, von Tränen, von Enttäuschungen, von Schlägerein, Drogen und Alkoholexzessen. Von der enttäuschten Liebe, von den Gönnern, von den wertlosen Managern. Vom eigenen Versagen der Band, von eigenen Träumen und Hoffnungen – und wieder von den Enttäuschungen. Letztere häufen sich und man kann sich schon mal zwischendurch fragen, warum haben vor allem Stephan und Kevin überhaupt weitergemacht? Viele wären längst daran zerbrochen und hätten die Band und vermutlich auch sich selbst aufgegeben.

Danke für nichts ist gespickt mit vielsagenden Bildern und leeren Promofotos, mit Erinnerungen, die eine Band mit den Lesern teilt, vielleicht in der Hoffnung, endlich verstanden zu werden. Es ist wie ein Blick in ein Familienalbum, der kleine Weidner, der junge Russell, der punkige Gonzo, der … Pe ist auch hier etwas zurückhaltender. Die Biographie möchte keinen der vier in Schutz nehmen und als Lichtgestalt darstellen – naja, vielleicht doch, aber dazu später -, dieses Buch rotzt dem Leser vier Leben und einen Werdegang hin, den dieser erstmal schlucken muss. Der amoklaufende Stephan beschreibt seinen Ausraster und sein schulisches Versagen ohne Scham. Die Drogen- und Alkoholexzessen werden detailliert geschildert, hinzu kommen zahlreiche Schlägereien und auch die unzumutbare Bude von Stephan wird haargenau beschrieben (hier ist eindeutig der im Vorteil, der keine gute Phantasie hat und sich weder Gerüche noch diverse Schimmelstadien vorstellen kann).

Auffällig und vielleicht auch bezeichnend für BO und den Erfolg der Band ist, dass die Biographie sehr viel von Stephan erzählt, von seinem Vater, seiner Schwester Monica (Carmen bleibt außen vor und wird nur am Rande als geboren erwähnt), seinem Stiefbruder Günther, seiner ersten Frau Pia, von seinen Gefühlen, seinen Saufgelagen, seinen Schlägerein, seiner Band … Nun kann man Stephan als arroganten Wichser betrachten, der sich hier nur noch mehr profilieren möchte. Das steht ja jedem frei. Man kann aber auch ein bisschen weiterlesen und -denken und diesen Weidner von einer anderen Seite kennenlernen (als nicht BO-Fan, als Fan mag das anders sein, weil man schon mehr Dinge mit ihm „geteilt“ hat). Von einer nachdenklichen, sensiblen Seite, von der kämpferischen Seite, von der Seite des kleinen Jungen, der Zuneigung und Anerkennung gesucht hat, der ein Zuhause und Akzeptanz brauchte, mehr nicht. Je weiter man liest, desto mehr versteht man die Texte, versteht manche Aussagen der Band, versteht auch, was die Trennung 2005 bedeutet haben muss. Plötzlich hat man vor allem vom Kopf der Band ein ganz anderes Bild. Ich sage es mal in unschönen, aber spießig deutlichen Worten: Die Biographie zeichnet mit scharfen Konturen das Leben von Stephan Weidner nach, vom Versager, der sich nur mit Fäusten wehren konnte, keinen Schulabschluss geschafft hat und Zuflucht in Alkohol, Sex und Drogen suchte – hin zum erfolgreichen, strebsamen, ehrgeizigen Arbeiter, Unternehmer, Geschäftsmann und Bandleader; zu einem nachdenklichen, gebildeten Mitglied der Gesellschaft. Ein Weg, der durchaus Respekt verdient!

Ebenso kann man plötzlich auch Kevin anders betrachten. Seine Geschichte macht nichts ungeschehen oder ungesagt, aber sie verdeutlicht den Menschen Kevin Russell, der auch eine Biographie hat, die stellenweise mehr als deutlich erklärt, warum er geworden ist, wie er ist – oder sollte man jetzt sagen, wie er war? Sein Lebensweg ist keine Entschuldigung für seine Entgleisungen, aber man kann in der Biographie doch auch einen guten Kern in diesem – für viele abstoßenden – Menschen entdecken, der auch mal erwähnt werden sollte.

Gonzo und Pe sind die beiden, die ein bisschen zurück und unbeachtet bleiben. Immer wieder gibt es kurze Einwürfe, dass sie auch mal etwas erlebt haben (beispielsweise ein gemeinsamer LSD-Trip) und dabei waren, aber ihre Gedanken und Gefühle treten hinter den starken Persönlichkeiten Stephan Weidner und Kevin Russell weit zurück. Da muss man sich andere Literatur suchen, um sich den beiden ein bisschen zu nähern. (Hier sei vor allem auf Meine letzten 48 Stunden mit den Böhsen Onkelz von Matthias Gonzo Röhr verwiesen.)

Für mich gab es eine Unterbrechung bei Trimmis Tod. Das Geschehen kannte ich bereits von anderen Seiten, Büchern, Artikeln, trotzdem war es der Punkt, an dem ich diese Lektüre erst einmal abgebrochen habe. Schon davor – und auch danach – gab es immer wieder Abschnitte, die fast schon wehgetan haben, als wäre man direkt betroffen. So offen wird erzählt.

Die Biographie ist aussagekräftig und lässt sich großteils flüssig lesen. Ob die Veröffentlichung im Eigenverlag die beste Idee war, darüber kann man streiten. Ich persönlich möchte hier und da gerne mal den Rotstift zur Hand nehmen, nicht nur wegen der Flüchtigkeitsfehler, auch einfach, um ein bisschen zu strukturieren oder die Sätze flüssiger zu machen. Hier und da werden Fragen aufgeworfen, die einfach nicht beantwortet werden – und zumindest mich in den Wahnsinn treiben.  Trotzdem ist es eine gelungene Biographie, sehr offen und persönlich gestaltet, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen und die dunklen Seiten zu verschweigen. Wenn Stephan jemandem auf die Fresse gehauen hat, dann wird das auch genauso geschrieben. Wenn Kevin sich H reingezogen hat, steht das deutlich auf den Seiten. Diese Blöße muss man sich auch geben, wenn das (neben anderen) Kritikpunkte sind, die der Band immer wieder vorgeworfen werden. Man hätte als offizielle Biographie auch vieles verschweigen können. Aber das haben die vier wohl nicht im Sinn gehabt. Verfolgt man BO ein bisschen, stellt man fest, dass die „Familie“ nicht nur ein leerer Begriff ist, sondern BO wirklich ein familiäres Verhältnis zu ihren Fans aufbauen. Offenheit, Ehrlichkeit, Begründungen für alles, selbst Videos von Krankenhausaufenthalten und ehrliche Worte zu Schmerzen, Sehnsüchten und Gefühlen (hallo? Welcher Kerl redet schon über seine schwachen Momente? Auch so etwas verdient man Erwähnung und Anerkennung – selbst seitens der Kritiker) gibt es regelmäßig.

Was fehlt? Wie es weiterging! Es ist definitiv Zeit, die Biographie im gleichen Stil zu erweitern – bzw. einen zweiten Band herauszubringen und die erste vielleicht noch einmal zu überarbeiten (ein schöner Ghostwriterjob im Übrigen 😉 ).

Fazit: Eine offene, ehrliche und sehr persönliche Biographie, die gar nicht oder nur ganz wenig geschönt ist, und leider Gonzo und Pe ein bisschen vernachlässigt. Lesenswert für Freund und Feind der Band – auch wenn sie mittlerweile 20 Jahre auf dem Buckel hat. Die Biographien haben sich ja nicht geändert.

5/5

Edmund Hartsch – Böhse Onkelz. Danke für Nichts
B.O. Management AG, 1997.
276 Seiten mit zahlreichen Farb- und Schwarzweißfotos
Broschiert: 25,00 €

Böhse Onkelz – Danke für Nichts


Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s