CD: Running Death – DressAge


Mal wieder ein bisschen Thrash Metal aus Bayern gefällig? Running Death schlugen vor zwei Jahren mit ihrem Debüt Overdrive regelrecht ein. Das verwundert auch nicht sonderlich, denn die Band um Simon Bihlmayer, der sich als Sänger und Gitarrist verdingt, ist einfach anders – und sticht dadurch heraus. Man hatte schon damals kein sinnloses Gekloppe, das die Boxen zum Erzittern brachte, sondern wohlüberlegte Riffs und Rhythmen, die im Ohr blieben.

Mit DressAge geht es nun in die zweite Runde. Man kann wieder die durchdachten Parts erkennen und hat mit dem langen Intro einen guten Einstieg in den Neuling. Da bricht nicht sofort die krasse Metalfront herein, sondern es wird langsam und sehr melodiös aufgebaut, was auf der Platte zu hören sein wird. Auch Titeltrack „Dressage“, der zweite Song, ist nicht so ruppig. Er beginnt zwar etwas kraftvoller, konzentriert sich dann aber wieder auf den eingängigen Rhythmus, ohne richtig reinzudreschen. Manche mögen die Stücke vielleicht als etwas gebremst empfinden, das sehe ich jedoch nicht so. Die Kraft und der Druck sind dahinter. Hört man weiter und kommt zu „Delusive Silence“ merkt man, dass Härte und Schnelligkeit ebenso beherrscht werden, wie der etwas sanftere Rhythmus, der nicht weniger mitzieht. Das getriggerte Schlagzeug ist natürlich immer dabei und wird mal mehr, mal weniger malträtiert. Dies bietet auf der gesamten Scheibe eine gute Mischung und eine interessante Abwechslung. DressAge ist kein Album, das man einlegt, um sich musikalisch komplett wegzubeamen. Man kann, ja, man muss sogar sehr aufmerksam zuhören und die Feinheiten heraushören. Immer wieder gibt es schöne Soloparts und Zwischenstücke, die einem Song noch einmal eine andere Richtung und dadurch auch Wirkung geben. Dabei ist nicht unwichtig, dass es in der Band zwei Gitarristen gibt, neben Simon Bihlmayer zupft auch Daniel Baar die sechs Saiten und das ist etwas, was man natürlich hört. Der Sound ist gitarrenlastig und wird weder vom Bass noch vom Schlagzeug dominiert, wie das bei anderen Formationen des Genres gerne mal der Fall ist. Das heißt nicht, dass Andrej Ramich am Bass oder Jakob Weikmann an den Drums einen schlechten Job machen, ganz im Gegenteil. Auch sie bekommen ihren Raum, um sich musikalisch voll zu entfalten – nehmen sich aber soweit zurück, dass man keinen Soundbrei oder ein allzu prügelndes und eher nichtssagendes Werk vor sich hat.  Übrigens ist Running Death beim Songwriting sehr feinfühlig. Mit spitzer Feder wurden in den Songs die Worte gezielt gewählt und der Gesellschaft auf die Finger und aufs Maul geschaut. „Duty of Beauty“ richtet sich gegen den seelenlosen Schönheitswahn und fordert auf, dem derzeitigen Mainstream den Kampf anzusagen und sich nicht nach Botox und Äußerlichkeiten zu richten. „Numbers“ ist ein Weckruf an die Workoholics, die den getakteten Tag streng einhalten und vergessen haben, zu lachen und dadurch zu leben. Das sind nur zwei sehr markante Beispiele für die Tiefe der Lyrics, für die Gedanken und Gefühle, die Gesellschaftskritik, die in den Tracks stecken. „Anthem of Madness“ ist ein instrumentales Stück, das springt, tanzt, wirbelt und schließlich ruhig, ein wenig lauernd die Saiten zupft. Eine unerwartete, aber sehr gelungene Nummer. „Safety Second“ ist so ein Lied, das zeigt, ob ein Sänger wirklich eine Stimme hat, oder sich lieber nur zusammen mit Instrumenten ans Mikro wagen sollte, die seine Stimme tragen und regelrecht führen. Der langsame und sehr traurige Song, die Ballade des Albums, setzt Simon Bihlmayer in den Vordergrund und beweist, dass er gesanglich bestehen kann.
Mit „Refuse to Kill“ gibt es den harten Abschluss.

DressAge ist ein Album, das Raum braucht, sich zu entfalten, und Zeit. Für die ganz Harten ist es sicherlich zu soft, zu melodiös, zu liebevoll und zu durchdacht. Die Härte kommt nicht durch einen geprügelten Bass und gehämmerte Drums, sondern steckt in den Songtexten, die man unbedingt beachten muss, weil sie einfach grandios sind. Mit viel Feingefühl wurde darum Musik kreiert, spannende Rhythmen, die mitziehen, den Texten aber genügend Raum geben, sich zu entfalten und zu wirken. Sicherlich nicht das letzte Album, das wir vom Quartett aus Kaufbeuren erwarten dürfen.

4/5

Running Death – DressAge
Punishment 18, 2017
CD: 24,46 €

Tracklisting:
Courageous Minds
Dressage
Delusive Silence
Heroes Of The Hour
Duty Of Beauty
Numbers
Beneath The Surface
Anthem Of Madness
Safety Second
Refuse To Kill

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