Buch: Klaus Farin – Gehasst, geliebt, vergöttert


Klaus Farin hat es wieder getan: Ein Buch über die Böhsen Onkelz geschrieben, naja, eigentlich zwei. Man kann sich fragen, ob man noch ein Buch über die Geschichte der Band braucht, noch mal die ersten zehn Jahre in dieser Gründlichkeit durchkauen muss. Farin beschreibt die Anfangsjahre aber noch einmal anders, als er das im Buch der Erinnerungen getan hat. Mittlerweile liegt das Hauptaugenmerk auf der Geschichte drumrum. Politik und Soziologie der 1980er und frühen 1990er Jahre werden verstärkt eingeflochten. Ob es gut tut, die Onkelz als rechts hingestellt zu sehen, ist fraglich. Ob es ganz der Realität entspricht, möchte ich immer noch anzweifeln – oder mittlerweile. Unbestritten ist, dass ein gewisser Ausländerhass vorhanden war, dass man dadurch gleich rechts ist, bedarf einer Diskussion. Mittlerweile ist bekannt, dass sich Stephan Weidner auch ähnlich geäußert hat und selbst mit ihm würde ich eine Diskussion darüber beginnen. Weitergehend wird im zweiten Band ein Soziogramm der Fans erstellt. Es sind sie Arbeiter, die Fans sind, die meist in den 1990er Jahren zur Band kamen, die hinter der Band stehen und doch ihre Kommerzialisierung und Kevin Russell nicht verstehen können. Aber, und das stellt Farin auch fest, die meisten Fans kennen das Debütalbum Der nette Mann gar nicht mehr und wissen auch wenig über die berüchtigten Demotapes. Für mich unverständlich, war ich doch so lange und erbittert auf der Suche nach dem netten Mann auf Vinyl, trauere ich immer noch über die Tatsache, dass die Debütsingle Kill the Hippies nur zweimal gepresst wurde, ein Exemplar ist verschollen, eines in Weidners Besitz. Eine unerreichbare Single, die man selbst als Bootleg nur schwer finden kann. Für mich war eigentlich klar, dass man die Demotapes kennt und auch die Geschichte der Band, die anscheinend gar nicht mehr so wichtig ist. Umso wichtiger ist der Kampf innerhalb der Band in den 2000er Jahren, der große Streit, die Spaltung. Es wird kurz erwähnt, dass der arrogante und egozentrische Stephan Weidner wie so oft alles im Alleingang entschied, dass er sich mit seinen Weggefährten verkrachte, dass er wie immer der einzige Mittelpunkt war. Die Sonne, um die sich alles dreht. Weidner, der sagt und schreibt, dementiert, festlegt, bestimmt – und sich mittlerweile so sehr zurückgezogen hat. Denn der Kontakt mit den Fans ist nicht vorhanden, wie Farin feststellt. Früher gab es sehr private und persönliche Meldungen von Stephan, mittlerweile meldet er sich kaum noch zu Wort, nichts Privates und Persönliches mehr, das den Familiengedanken, an den er sich doch stets so geklammert hatte, aufrecht erhalten würde. Wie Farin richtig feststellt, geht es immer nur um Stephan und Kevin, Gonzo wird wenig und teilweise negativ erwähnt, Pe fällt hinten runter. Was im Fragebogen an die Fans ein wichtiger Bestandteil war, wird im Buch gleichberechtigt mit allen anderen Ergebnissen dargestellt. Die Glaubwürdigkeit der Band, die mittlerweile keine PR mehr braucht, weil die Fans alleine die PR betreiben. Die Glaubwürdigkeit des Sängers, der demütiger sein müsste. Manche erwarten immer noch eine Erklärung, eine Entschuldigung auf der Bühne für den Unfall. Manche kreiden Kevin Russell an, was die BILD Zeitung schreibt, dass es nie eine Entschuldigung an die Opfer gegeben hätte. Es wird eine Kommerzialisierung angeprangert. Die Familiengeschichte zeigt Risse, Brüche.

Trotz allem ist es doch nur eine normale Band-Fan-Beziehung, die das Privatleben der Musiker verdeckt hält und auch die Möglichkeit der Kontaktaufnahme auf das absolute Minimum reduziert hat. Die vier müssen sich sicherlich schützen, es gibt viele Erfahrungen, viele Erlebnisse, es gibt das Alter und die Weisheit, ihre eigenen Familien, die des Schutzes bedürfen. Es gibt Dinge, die weder auf der Bühne noch im offiziellen Onkelz-Rahmen etwas zu suchen haben. Warum erwartet man eine Entschuldigung von Russell auf der Bühne, wo sie nicht hingehört? Warum erwartet man mehr Demut, wenn man Kevin auf der Bühne sieht, wo er agiert, wie er es soll, wo er meist den Mund hält und sich auf das Singen konzentriert, wo er einfach nur seinen verdammten Job macht? Warum wirft man Musikern Kommerz vor, wenn sie ihren Beruf ausüben und davon leben können? Das ist Sinn, Zweck und Ziel des Musikerberufs. Man kann immer kritisieren, verurteilen, schlechtreden – man kann dann aber auch konsequent sein und handeln und die Band exorzieren, wie Weidner einmal verlangte. Denn wenn die Böhsen Onkelz so schlecht, so kommerziell, so untrue geworden sind, warum kaufen die verurteilenden Fans dann noch ihre Platten, besuchen ihre Konzerte und Festivals und treiben sich in den Foren und Gruppen rum?

Klaus Farin hat die Geschichte der Band noch einmal erzählt und sich dabei hauptsächlich auf die ersten zehn Jahre beschränkt, auf die Thematik des Rechts-Seins und des gesungenen Ausländerhasses. Im Anschluss daran, hat er die Fans analysiert. Eine umfassendere Analyse wäre noch interessanter, aber wohl kaum möglich. Es ist ein gelungenes Doppelbuch, das für Fans und Kritiker gleichermaßen lesenswert ist. Hier zeigt sich, da viele Fans zu jung für diese Diskussionen um die Band sind, dass es wichtig ist, immer wieder die Geschichte der Böhsen Onkelz anzusprechen und aufzurollen, denn nur wer seine Geschichte kennt und versteht kann verhindern, dass sie sich wiederholt – und diesem Fall mit Argumenten für Gonzo, Kevin, Pe und Stephan und gegen Rechts sprechen.

Kleines Augenzwinkern zum Schluss: Auf Seite 44 stellt Farin fest, aus welchem Bundesland die Onkelzfans kommen. Dort zeigt sich der Wahlberliner überraschend mitfühlend mit den Bayern, indem er angibt „Bayern (inkl. Franken)“. Man soll – als Bayer – dem lieben Gott ja für alles danken – auch für Franken. 😉

5/5

Klaus Farin – Böhse Onkelz. Gehasst, geliebt, vergöttert.
Band 1: Die Geschichte einer deutschen Band
Band 2: Die Fans
Hirnkostverlag, 2017
320 Seiten
Sondereinband: 32 €

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