CD: Freedoom – Breche Aus!


Metal-Punk-Core aus Baden-Württemberg. Eine ziemlich komische Mischung, die aber auch neugierig macht. Freedoom nennt sich die deutsche Zwei-Mann-Formation und hat im August 2020 in Eigenregie bereits ihre zweite EP rausgebracht.

Freedoom? Nie davon gehört. Man stolpert auch nicht einfach drüber. Nach eigenen Angaben hat die Formation gerade mal eine Emailadresse und einen Instagram-Account, der so wenig bestückt ist, dass man nicht mal einen Grund hat, ihn zu abonnieren. Und warum stößt man bei den Streaming-Diensten auf die Metalpunks? Keine Ahnung. Selbst bei der Recherche zu dieser Rezension gab es nicht viel rauszufinden, lediglich das Schreiben, das dem Rezensionsexemplar beigefügt war – und hierin verbirgt sich auch nur noch eine letzte Information: Es geht um Gesellschaftskritik, um Missstände, die in den Songs angesprochen werden sollen. Das ist im Grunde auch das, was man von Punks erwartet. Natürlich bewerten wir keine Social-Media-Auftritte, aber es ist nicht ratsam, aus seinem Projekt so ein Geheimnis zu machen und nicht die kostenlosen Möglichkeiten des Word Wide Web zu nutzen, um seine Musik ein bisschen bekannter zu machen. Schließlich geht man davon aus, dass Arbeit und Herzblut drinnen stecken.

2019 gegründet, schmiss Freedoom auch gleich eine erste EP auf den Markt. Endzeitgeist, da sollte der Name Programm sein. Sieben Songs lang ziemliches Geschrammel, nicht ganz Fisch, nicht ganz Fleisch, die angekündigte Mischung aus Metal, Punk und Core will noch nicht so recht klappen. Es ist nett, mehr leider nicht. Aber zwischendurch gibt es immer wieder schöne Elemente, etwa Soli, die sich deutlich in ein Genre einordnen lassen und auch ansprechen. Doch so richtig springt der Funke nicht über, da fehlt noch ein bisschen der eigene Stil.

EP Nummer Zwei erschien am 12. August 2020. Breche aus! ist eine deutliche Ansage und passt sofort als Titel für eine Punkgeschichte. Aber wie ist der Song? Schwierig. Da wäre ein ganz feine Hookline drinnen, die wird aber aus nicht nachvollziehbaren Gründen nicht durchgehalten, sondern durch so viel anderes unterbrochen, dass es keinen Spaß mehr macht. Man wartet auf das Treibende, auf den festen Rhythmus und dann kommen da so viel andere Elemente, die das überlagern und den Song dadurch kaputt machen. Ganz ehrlich? Ich würde die Nummer nicht mal bis zum Schluss anhören und in die nächsten zwei nur noch sporadisch reinhören. Wenn mich da nichts catcht, wäre es das für mich, dafür würde ich keinen Cent ausgeben. Aber wir hören weiter, der Text ist natürlich sehr kritisch, absolut Punk, brich aus, raus aus dem Hamsterrad, bleib im Geist frei, ja, das ist durchaus etwas, was man vielleicht sogar mitsingen kann, was man 2020 sowieso zunehmend hört. Passt also ein bisschen zu den Zeichen der Zeit. Irgendwann bei Minute 3 kommt dann auch noch ein Solo, das überflüssig ist. Am Anfang würde ich gerne mitbangen, aber da sich ja nicht treugeblieben wird, geht das nicht mal. „Gier frisst Hirn“ – Bäm. Da kommt der Punk raus, erinnert mich an Bands aus den 1990ern, exakt das gleiche Schlagzeug, die raue, brüllende Stimme des Sängers, es ist schnell, es treibt voran, zieht mit. Dazu kann man durchaus abgehen, ist ja auch nur anderthalb Minuten lang, das hält man auch betrunken durch. Man muss auch ein Händchen dafür haben, Songs kaputt zu machen, das schafft nicht jeder. Ab ca. 1:15 wird es seltsam, unnötig, schlecht. Warum macht man eine eigentlich gute Nummer, die auch nicht lang ist, warum macht man die so kaputt? Das ist kein Statement, das ist einfach unausgegoren. Kommen wir zu einem Imperativ, der gar nicht so neu ist: „Spring!“ Es ist eine langsame Nummer, die gar nicht hängenbleibt. Ich hab sie zweimal durchlaufen lassen und gar nichts behalten davon. Beim dritten Mal dann volle Konzentration. Ich glaube, der Song soll Mut machen, aufraffen, antreiben, aber ich weiß es einfach nicht. „Mutter Erde“, da geht es gleich richtig zur Sache. Ist so ein Greta-Song, der durchaus seine Berechtigung hat, wenn man halt verstehen würde, worum es geht. Und wieder alles vermischt, Stile, Rhythmen, Ideen. Es ist anstrengend, zuzuhören, vor allem ab 1:39. Da ist irgendwas mit Freedoom durchgebrannt. „Sugardaddy und Sugarbabe“ ist da schon besser. Bei der Nummer habe ich wirklich Angst, dass sie diese auch zerstören durch einen plötzlichen Totalausfall. Die Nummer ist stimmig, schwer, netter Rhythmus, der Refrain nimmt Fahrt auf und wird da eine coole Punknummer, das Ende abrupt. Zwischenfrage: Warum macht ihr davon nicht etwas mehr? Ganz schön fände ich, wenn man den Gesang etwas mehr verstehen könnte. Schließlich wollt ihr die Lyrics in den Vordergrund stellen, man kann sich anhand der Titel und der Fetzen, die man ohne intensives Hinhören versteht, denken, worum es geht, aber da steckt doch mehr drinnen, oder? Mit „Uhrwerk“ folgt wieder eine kurze, harte Nummer. Einfach mal blind durchgepowert. Hat Festivalcharakter, das kann man nicht leugnen, aber warum denn so kurz? Fast muss ich schon sagen: Endlich das letzte Lied. „Neuanfang“ steht am Ende und führt das fort, was die ganze EP liefert.

Eine schwierige Scheibe. Ein bisschen was von gut gemeint und nicht gekonnt. Da ist einfach zu viel, da will man zu viel und nichts richtig. Freedoom muss einfach einen Stil finden, der den Gehörgang nicht vergewaltigt und einem zwischendurch durch unpassende Brüche die Fußnägel aufrollt. Der Sänger ist sicherlich nach den Aufnahmen total heißer, seine Message geht irgendwo zwischendrin verloren. In meiner Punkphase vor 20 Jahren hätte mir das vielleicht einigermaßen gefallen, wäre aber auch nicht durchgehend gelaufen. Das wäre mal nett gewesen zum Abspacken und dann kommen die guten Bands wieder in den Player. In meine Metalphase hätte es überhaupt nie reingepasst. Das Problem des Duos ist einfach die Mischung, die zu wild durcheinanderschlingert. Es fehlt der rote Faden, es fehlt der Stil, es fehlt ziemlich viel. Wenn man sich gesellschaftskritisch ausdrücken möchte, dann muss man aber gerade auch bei so einem Stil dafür sorgen, dass man die Texte auf Anhieb zu 90% versteht, ohne sich dabei konzentrieren zu müssen. Da müssen auch Lyrics rein, die ins Ohr gehen, die man sofort zitiert, die hängenbleiben. Musikalisch muss man einfach irgendwo ankommen und nicht jeglichen Stil in einem Song verbraten, der nicht mal 3 Minuten auf die Uhr bringt. Es sind tolle Ansätze da, manche Parts, die man gerne mitnehmen und öfter hören würde, aber die werden brachial zerstört. Das ist auch kein ernstzunehmender Punk mehr, das ist einfach Garagengeschrabbel mit sehr, sehr viel Luft nach oben. Freedoom könnten es sicherlich besser und könnten sicherlich ein guter Geheimtipp werden, wenn sie sich auf einen Stil festlegen – muss ja nicht mal ein komplettes Album sein, aber die Songs müssen einfach stimmig sein. Breche aus! ist besser als der Erstling, aber das ist auch kein großes Lob. Findet euch, euren Stil, gerne eine gute Mischung; wenn es um die Texte geht, dann stellt sie auch mehr in den Vordergrund, arbeitet an eurem Social Media- und PR-Auftritt – und dann hören wir uns bei der nächsten EP wieder.

2/5

Freedoom – Breche aus!
DIY, 2020
Spotify und andere Streamingdienste

Tracklist
Breche aus!
Gier frisst Hirn
Spring!
Mutter Erde
Sugardaddy und Sugarbabe
Uhrwerk
Neuanfang

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