Flashback 50 – Nazareth – Loud’N’Proud – November 1973


Nazareth waren bereits fünf Jahre zusammen und hatten sich dementsprechend gut aufeinander eingespielt. Drei Alben waren mittlerweile auf dem Markt, und mit ihrem letzten, Razamanaz betitelt, hatten sie auch schon die Charts geentert. Einen nicht unerheblichen Anteil hatten sowohl der Labelwechsel von Pegasus zu Mooncrest als auch im Besonderen der ausführende Produzent Roger Glover, seines Zeichens Bassist bei den Kollegen von Deep Purple. Und getreu nach dem Motto, man soll doch das Eisen schmieden, wenn es noch heiß ist, schoben die Schotten schon ein halbes Jahr später ihr viertes Album hinterher.
Es ging diesmal in die Londoner Apple Studios in die Saville Row, an den Reglern saß Engineer John Mills. Die Abmischung erfolgte durch die Koryphäe Geoff Emerick, der sich seit seiner Arbeit am 66er Beatles Album Revolver einen riesigen Status erarbeitet hatte in den Londoner Air Studios. Auch bei Manfred Manns Nummer eins Hit „Pretty Flamingo“ war Emerick federführend. Die Vorzeichen standen also nicht unbedingt unter einem schlechten Stern. Für das Design des Covers wurde Dave Field verpflichtet, der auch schon Cover für Mark-Almond, Doris Troy, Brian Jones, Ginhouse, Otis Wright und viele Reggae Platten verantwortlich war. Das Bild innen im Klappcover schoss Fin Costello.

Los gehts mit „Down for fighting“, einer treibenden Nummer, die von Charltons Gitarrenriffs und McCaffertys Stimme dominiert wird. Beim folgenden „Not faking it“ geben die Jungs aus Dunfermline gleich noch mehr Gas. Die Becken von Darrell Sweet scheppern gewaltig durch den Song, der sehr wohl auch auf einem Album von Slade gut gepasst hätte. Ein wenig langsamer kommt der dritte Track „Turn on your Receiver“ aus den Boxen. Der Midtempotrack im schönen 4/4 Takt besticht durch die glasklaren Gitarrenriffs von Manny Charlton. Da mit „Morning Dew“ aus der Feder von Tim Rose auf dem ersten Album eine Coverversion schon gut funktioniert hatte, bedienten sich Nazareth hier bei Lowell George und coverten „Teenage nervous Breakdown“ vom 72er Sailin‘ Shoes Album von Little Feat. Der treibende Beat mit der immer wieder vorkommenden Wiederholung der Titelzeile würde auch gut als Blaupause und Inspiration für einige der später aufkommenden Girliebands a la Runaways oder Girlschool taugen. Der letzte Song auf der A-Seite ist „Freewheeler“, eine Midtemponummer, bei der Produzent Glover einige Percussionsteile beisteuerte. Der erste Song, bei dem Gitarrensolos die Länge des Tracks ausschmücken.

Die zweite Seite beginnt mit einer erneuten Coverversion. Im Original von Joni Mitchell auf ihrem 71er Album Blue zu finden und ganz in der Singer/Songwriter-Tradition a la Crosby, Stills & Nash gehalten, treibt dieses rockige „This Flight tonight“ auf einem galoppierenden Gitarrenriff dahin. Sehr schön in der Bridge zwischen den Strophen die gedoppelte Gitarre, bei der Manuel Charlton und Pete Agnew das Hauptriff auf Gitarre und Bass dahinschreddern und die Les Paul mit ein wenig Slideeffekt glasklar oben drüber singt. Im Laufe der Jahre hat sich diese schottische Ausgabe von „This Flight tonight“ zu einem der prägnantesten Nazareth Tracks entwickelt und treibt die Leute in den Clubs seitdem in Scharen auf die Tanzflächen. Dan McCaffertys Stimme leitet „Child of the Sun“ ein, ehe klare Gitarrenlicks durch den Raum perlen. Schon nach kurzer Zeit sägt die Les Paul von Charlton manchmal zweistimmig durch den Song und im gemächlichen Tempo treibt die Powerballade dahin, immer wieder setzt die rauchige Stimme Konterpunkte zu den Gitarrenlicks. Der letzte Song auf dem Album, von den meisten relativ unbeachtet, ist mein persönlicher Favorit auf Loud’N’Proud. Aller guten Dinge sind drei, dachten die Jungs und packten als Abschluss die dritte Coverversion auf die Platte. Abgegriffen vom großen Meister himself. Kein geringerer als Bob Dylan erzählte 1964 auf seinem dritten Album The Times they are A-Changin‘ die Geschichte von Hollis Brown, eines Farmers aus South Dakota, der, überwältigt von der Verzweiflung anlässlich seiner Armut, zuerst seine Frau, seine fünf Kinder und dann sich selbst tötet. Texlich gesehen ist der komplette Song eine einzige Elegie. Aus jeder Zeile strahlt Trübsal und Verzweiflung und man kann die Bitternis des Hollis Brown bildlich vor sich sehen. Musikalisch trabt das Original im Midtempo durch die Prairie. Die pure Stimme von Dylan, begleitet nur durch ein paar einfache Akkorde aus der akustischen Gitarre. Der Sound von Nazareth dagegen passt sich der Trübnis des Textes komplett an. Die Geschwindigkeit von Dylan halbiert, anfangs nur von einsamen Trommelschlägen eingeleitet ertönen zähe Fuzztöne aus dem Bass von Pete Agnew der die Hauptmelodie nur aus drei bis vier Tönen spielt. Erst gegen Mitte des Songs perlt die Gitarre über dem morastigen Grundgerüst, welches Nazareth dem Song verpasst haben. Über neun Minuten dunkelste demoralisierende Trübsal, in der mit der Zeit McCaffertys Stimme immer heiserer zu singen scheint. Erst kurz vor Ende lockert ein sehr kurzes Schlagzeug-Intermezzo den grauen Sumpf etwas auf und Manny Charlton darf seine Gitarre wieder schreddern lassen, ohne aber das Tempo zu erhöhen. Die letzten Textzeilen lauten: „Es gibt sieben Tote auf einer Farm in South Dakota. Irgendwo in der Ferne sind sieben neue Leute geboren worden“. Diese letzte Zeile ist eigentlich das einzig Positive an diesem Song. Gleich einem Regenbogen, der sich nach einer grauen regnerischen Sturmnacht am Morgenhimmel zeigt. Sorry, Mister Dylan, aber nach meiner Ansicht schlägt diese Coverversion Ihr Original um Längen.

Alles in allem ist das vierte Album von Nazareth die logische musikalische Weiterentwicklung von Nazareth aufs höchste Niveau. Von den schnellen Fetzern wie „Not faking it“ bis zur sumpfigen „Ballade von Hollis Brown“. Die gute Zusammenstellung von eigenem Material und wohl durchdachten Coverversionen bildet eine sehr gute Ausgangsbasis in den Sound-Kosmos von Nazareth hinein. Die Loud’N’Proud sollte in jeder halbwegs vernünftigen Plattensammlung einen würdigen Platz innehaben.

Loud’N’Proud
A1 – Go down fighting
A2 – Not faking it
A3 – Turn on your Receiver
A4 – Teenage nervous Breakdown
A5 – Freewheeler
B1 – This Flight tonight
B2 – Child in the Sun
B3 – The Ballad of Hollis Brown

Dan McCafferty – Vocals
Manny Charlton – Guitars
Pete Agnew – Bass
Darrell Sweet – Drums
Roger Glover – Percussion A5

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