Hörbuch: Arno Strobel – Welcome Home


Ines und Marco Winkler können ihr Glück kaum fassen, als sie den Schlüssel zu ihrem ersten eigenen Haus in Händen halten. Sofort nach dem Einzug mit ihrer kleinen Tochter Emilia wissen sie: Jetzt sind wir als Familie angekommen. Hier, in unserem kleinen Reich, in der neu gebauten Siedlung Auf Mons im beschaulichen Spessart. Auch in der Nachbarschaft finden die Winklers schnell Anschluss, vor allem das Ehepaar Mannstein freundet sich mit der jungen Familie an und schließt ihre Tochter sofort ins Herz. Doch dann hat Ines eines Nachts das Gefühl, im Schlaf beobachtet zu werden. Sie reißt die Augen auf, aber da ist niemand. Auch im Haus kann sie nichts entdecken, was auf einen Einbrecher deuten könnte – und dann wird eine Leiche gefunden…. (Klappentext in Auszügen)

Arno Strobel gehört längst zu den markantesten Stimmen des deutschen Psychothrillers. Mit Welcome Home legt er erneut ein Werk vor, das durch eine gekonnte Mischung aus paranoider Atmosphäre, psychologischer Tiefenschärfe und rasanter Handlungsführung besticht. Das Buch trifft den Nerv all jener Leserinnen und Leser, die sich in beengenden Innenräumen bewegen, in denen jede Antwort neue Fragen aufwirft und jede Tür zu einem neuen Verdacht führt. Welcome Home ist kein gewöhnlicher Thriller; es ist ein Kopfkino, das die Potentiale von Misstrauen, Sehnsucht nach Sicherheit und der dunklen Seite menschlicher Beziehungen auslotet.

Schon der Einstieg von Welcome Home ist darauf ausgelegt, den Leser in den Bann zu ziehen. Das Setting wirkt zunächst wie eine vertraute Normalität: ein scheinbar gemütliches Zuhause, das in Wirklichkeit ein Gefängnis aus Erinnerungen, Geheimnissen und Halbwahrheiten ist. Strobel versteht es, mit nüchterner, fast kalter Sprache eine klaustrophobische Atmosphäre zu schaffen, in der jeder Gegenstand, jeder Geräuschwechsel und jede Interaktion eine potenzielle Gefahr darstellt. Dieser Start zieht den Leser hinein, lässt ihn die Wände des eigenen Wohnraums plötzlich als potenzielle Bedrohung wahrnehmen. Genau diese spielerische, bedrohliche Spannung zieht sich durch das gesamte Buch.

Was Welcome Home besonders auszeichnet, ist die psychologische Tiefe der Figuren. Der Protagonist navigiert durch ein Netz aus Lügen, Halbwahrheiten und Erinnerungen, die nicht mehr eindeutig zuzuordnen sind. Strobel gelingt es, eine Charakterzeichnung zu liefern, die zwar primär über äußere Ereignisse angetrieben wird, aber vor allem von inneren Konflikten lebt: Schuldgefühle, Angst vor dem Verlust, der Wunsch, die Kontrolle zu behalten, und die Frage, wem man überhaupt noch vertrauen kann. Die Figuren sind nicht eindimensional böse oder gut; sie sind Menschen mit Rissen, die im Konflikt zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu schmelzen scheinen. Diese Ambivalenz macht Welcome Home glaubwürdig und aufregend.

Die Handlung schreitet zielgerichtet voran, lässt aber genug Raum für überraschende Wendungen und stille Momente, in denen die innere Zerrissenheit der Figuren in den Vordergrund rückt. Die Spannung entsteht nicht primär durch spektakuläre Schocks, sondern durch hypothetische Fragen: Wer hat welches Motiv? Welche Wahrheit bleibt hinter dem nächsten Blick, dem nächsten Telefonat, dem nächsten Fundstück verborgen? Diese Art von Spannungsaufbau erzeugt eine Gänsehaut, die sich langsam, aber konstant ausbreitet.

Wie viele Psychothriller von Strobel stehen auch hier Machtspiele, Täuschung und Sicherheitswahn im Mittelpunkt. Welcome Home fragt danach, was Sicherheit eigentlich bedeutet: Ist sie ein Ort, an dem man sich geborgen fühlt, oder ein Konstrukt, das dazu dient, Angst zu kanalisieren? Welche Rolle spielen Erinnerungen—wirkliche und eingebildete—bei der Konstruktion unserer Identität? Strobel setzt sich mit diesen Fragen auf ehrliche, manchmal schmerzhafte Weise auseinander, ohne in überhöhte Moralismen abzurutschen. Die Antworten bleiben offen genug, um zu diskutieren, und doch befriedigend genug, um das Leseerlebnis als abgeschlossen zu empfinden. Diese Balance zwischen Offenheit und Glaubwürdigkeit macht Welcome Home zu einer nachhaltig beeindruckenden Lektüre.

Wenn man Welcome Home als Hörbuch erlebt, verstärken sich die existierende Intensität und die klaustrophobische Atmosphäre. Unterbrechungen, Pausen und Tonhöhenschwankungen dienen nicht der Dramatik per se, sondern spiegeln die innere Zerrissenheit des Erzählers wider. Besonders effektiv ist, wie der Sprecher mit den leisen Nuancen arbeitet: Flüstern, ein Hauch von Verzweiflung, dann wieder eine kontrollierte Fassade. Wer das Hörbuch hört, erlebt die Spannung oft intensiver, weil Geräuschkulisse und Stimmführung gemeinsam die Zweifel unterstreichen.

Welcome Home ist ein neuer Knüller aus dem Hause Strobel, das genau das richtige Buch für die länger werdende Herbstabende ist.

5/5

Arno Strobel – Welcome Home
Fischer Taschenbuch, 2025
352 Seiten
8:07 Stunden

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