Buch: Freida McFadden – Der Freund


Sydney Shaw hatte immer Pech mit ihren Dates. Bis sie Tom trifft, der sie vor einem Horrordate mit Kevin rettet. Tom ist charmant, attraktiv und arbeitet als Mediziner und scheint perfekt zu sein. Dann erschüttert der brutale Mord an einer Frau die Stadt, die Sydneys Freundin war und im selben Haus gewohnt hat. Die Polizei tippt auf einen Serientäter, der sich mit seinen Opfern zu einem Date verabredet, bevor er zuschlägt. Sydney sollte sich sicher fühlen. Schließlich hat sie Tom. Warum hat sie nur das Gefühl, dass mit ihm etwas nicht stimmt und sie beobachtet wird? Wird sie das nächste Opfer sein?

Freida McFadden hat sich in der zeitgenössischen Thriller- und Psychothriller-Szene einen Namen gemacht mit kompakten, hochspannenden Romanen, die oft in engen, intimen Settings spielen und psychologische Spannung mit elementarer Hitchcock-Ästhetik verweben. Der Freund zeichnet sich ebenfalls durch kurze, prägnante Kapitel, ein schnelles Erzähltempo und eine clevere Verstrickung von Beobachtung, Verdacht und überraschenden Wendungen aus. Die Erzählstimme bleibt nah an der Protagonistin – ein scheinbar unauffälliger, alltäglicher Lebensbereich verwandelt sich nach und nach in ein Netz aus Misstrauen, Kontrolle und dunkler Psyche.

Zu Beginn des Romans begegnet der Leser einer Protagonistin, die in einer überschaubaren, eher geschlossenen Umgebung lebt – typisch für McFaddens Stil, die die Spannung aus Begrenztheit zieht. Die Nähe zu anderen Figuren, insbesondere zu dem anonymen „Freund“, dient als treibende Kraft der Handlung. Der Freund wird als potenzieller Beschützer oder als bedrohliche Präsenz eingeführt, je nach Lesart der Kapitel. McFadden spielt geschickt mit Perspektivenwechseln. Schon früh wird klar, dass es kein reiner Spannungsroman um einen klassischen Täter-Opfer-Konflikt ist, sondern eine psychologische Auseinandersetzung mit Abhängigkeiten, Manipulationen und der Frage nach Authentizität.

Die Handlung entfaltet sich schrittweise: Ereignisse, die zunächst harmlos erscheinen, werden zunehmend verzerrt oder überinterpretiert. Durch gezielte Andeutungen, kleine Ungereimtheiten in Alltagsabläufen und die innere Monologe der Protagonistin entsteht eine Atmosphäre, in der der Leser nie sicher sein kann, wem er glauben soll. Der Freund fungiert dabei nicht nur als äußerliche Bedrohung, sondern als Spiegel der eigenen Ängste, Sehnsüchte und Ungleichgewichte der Protagonistin. Die Enthüllungen erfolgen in einem unaufdringlichen, aber effektiven Tempo, das den Leser schrittweise weiter hineinzieht, ohne jemals zu ermüden.

Die Hauptfigur Sydney wird von McFadden als komplexe, widersprüchliche Figur gezeichnet. Sie ist weder eindeutig Opfer noch Täterin, sondern eine Person, deren Entscheidungen und Reaktionen unter dem Druck von Unsicherheit, Sehnsucht nach Nähe und dem Bedürfnis nach Selbstschutz entstehen. Diese Ambivalenz macht die Lektüre spannend, weil die Grenzen zwischen Vertrauen und Täuschung fließend bleiben. Der Freund – ob realer Mensch oder Konstruktion der Protagonistin – bleibt bis zum Ende herausfordernd ambivalent. McFadden verzichtet darauf, klare moralische Urteile zu fällen; vielmehr lässt sie Raum für ungesagte Fragen, Interpretationen und die Spannung, wie viel Angst wirklich real ist und wie viel von der Wahrnehmung der Protagonistin abhängt.

McFaddens Stil in Der Freund ist geprägt von einer prägnanten, beinahe nüchternen Prosa, die mit starken emotionalen Untertönen kontrastiert. Die Sätze sind oft kurz, die Beschreibungen präzise, wodurch eine unmittelbare, wendige Lektüre entsteht. Die Spannungsführung erfolgt nicht primär über actionreiche Sequenzen, sondern über psychologische Intensität, Andeutungen und das dramaturgische Spiel mit Vertrauen. Der Titelheld selbst dient als Katalysator dieser Spannung: Seine Gegenwart verschiebt die Realität der Protagonistin, und jedes Gespräch, jede getroffene Entscheidung entfaltet eine neue Schicht der Unsicherheit.

Der Freund ist die richtige Lektüre für McFadden Fans und Leser, die auf psychologisch erzeugte Spannung stehen ohne Blutrünstigkeit.

5/5

Freida McFadden – Der Freund
Heyne Verlag 2025
400 Seiten
Paperback: 17 €

Schreibe einen Kommentar