Ein bestialischer Mord erschüttert Kopenhagen. Schnell wird klar, dass es einen Zusammenhang zu einem lang zurückliegenden Fall gibt. Die erste Spur führt zu einem perfiden Stalker, der seine Opfer kaltblütig kontrolliert und auf grausame Weise erniedrigt. Als eines der Opfer spurlos verschwindet, übernehmen die Kommissare Naia Thulin und Mark Hess die Ermittlungen. Fieberhaft setzen sie die einzelnen Puzzlestücke zusammen, doch der Täter scheint stets einen Schritt voraus zu sein. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, doch dann fordert das grausame Versteckspiel ein weiteres Opfer. (Quelle: Klappentext)
Der Kuckucksjunge ist ein eindrucksvolles Beispiel skandinavischer Kriminalliteratur, das sich durch komplexe Erzählstrukturen, atmosphärische Dichte und eine verschachtelte Handlung auszeichnet. Sveistrup, bekannt durch seine Fähigkeit, Spannung über lange Strecken zu halten, liefert hier eine Geschichte, die sich sowohl als packender whodunit als auch als psychologisch vielschichtiges Charakterdrama lesen lässt. Die Erzählung arbeitet mit mehreren Zeitebenen und verschachtelten Perspektiven, was den Lesenden bzw. Hörenden eine intensivere, aber auch anspruchsvollere Lektüre ermöglicht. Die Spannung entsteht weniger durch plötzliche Action-Momente als durch die zunehmende Verknüpfung von Indizien, Motiven und geheimnisvollen Ereignissen, die am Ende zu einem schlüssigen, aber überraschenden Gesamtbild zusammengefügt werden.
Der Thriller zeichnet sich durch eine mehrschichtige Struktur aus, in der Vergangenheit und Gegenwart, gegenläufige Erinnerungen miteinander verwoben sind. Der Leser wird nach und nach mit neuen Hinweisen konfrontiert, doch die wahre Bedeutung dieser Hinweise bleibt lange verborgen. Die Geschichte nutzt typisch skandinavische Erzählinstrumente: nüchterne Sprache, eine präzise Milieuzeichnung und eine sorgfältige Tiersymbolik, die sich durch die Handlung zieht. Diese Vorgehensweise erzeugt eine dichte Atmosphäre, in der sich der Verdacht gegen verschiedene Verdächtige richtet und die vermeintlich festen Tatsachen sich als trügerisch erweisen können.
Ein zentrales Merkmal des Romans ist die verstrickte Konstruktion zweier ineinander verwobener Geschichten. Einerseits werden Verbrechen, Verdächtigungen und Ermittlungen in der Gegenwart eingeführt; andererseits entfaltet sich eine zweite, parallel erzählte Geschichte, die im Laufe der Handlung mit den Motiven, Geheimnissen und Ereignissen der Gegenwart in Verbindung gebracht wird. Der Leser bzw. Hörer muss aufmerksam bleiben, um den roten Faden nicht zu verlieren. Die Kunst des Autors besteht darin, Spuren so zu legen, dass man ahnt, es gibt eine Verbindung, diese Verbindung aber nur schrittweise aufgedeckt wird. Das führt zu einer spannungsgeladenen Teufelskreis-Erscheinung: Man folgt den Fährten, doch jede neue Erkenntnis wirft erneut Fragen auf und verschiebt das scheinbar klare Bild.
Die Spannung entsteht durch die schrittweise Enthüllung von Verbindungen zwischen den zwei Geschichten. Es ist weniger die Explosion eines großen Geheimnisses am Anfang, sondern vielmehr das schrittweise Entwirren eines Knotens, der sich als äußerst komplex erweist. Die Leserinnen und Leser bekommen immer wieder einen kurzen Blick auf das, was gleich offenbart wird, nur um kurz darauf erneut in ein Netz aus Vermutungen hineingezogen zu werden. Diese Technik – kleine Offenbarungen, gepaart mit einer sorgfältig konstruierten Kollisionskurve aus Erkenntnissen – hält die Spannung auf einem konstant hohen Niveau.
Die Figuren zeichnen sich durch Ambivalenz aus: Sie erscheinen nicht eindeutig gut oder böse, sondern tragen plausible Motive, die im Laufe der Handlung an Substanz gewinnen. Die Komplexität der Charaktere erhöht die Glaubwürdigkeit der Geschichte, da Handlungen oft aus einer Mischung aus persönlichen Traumata, Schuldgefühlen, moralischen Konflikten und Umweltbedingungen entstehen. Die Protagonistinnen und Protagonisten stehen vor moralisch grauen Entscheidungen, was die Leserschaft zum Nachdenken anregt und das Leseerlebnis vertieft.
Das Hörbuch wird weitgehend emotionslos, aber nicht langweilig gelesen. Richard Barenberg bringt feine Nuancen in seine Lesung ein, die unterschiedliche Charaktere darstellen und auch Spannungen und Emotionen wiedergeben. Dabei wird nicht auf Lautstärke gesetzt oder auf verstellte Stimmen, unterschiedliche Stimmlagen. Dass er trotzdem die Geschichte, die Brisanz, die Nöte, Ängste und Verzweiflung und zwischendurch sachliche Erzählung vermitteln kann, macht das Hörbuch zu einem wahren Hörvergnügen.
Fazit: Der Kuckucksjunge bietet Spannung und einen niveauvollen whodunit Thriller, der zum wahren Pageturner an kalten Wintertagen mutiert.
5/5
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Søren Sveistrup – Der Kuckucksjunge
Goldmannverlag, 2025
Paperback, 672 Seiten
Hörbuch: 17:20h
