Ein nachhallendern nahezu sirenenartiger Ton der aufhorchen lässt, anschließend Riffrock seiner trockensten Art und eine der coolsten Stimmen aller Zeiten, die zu erzählen beginnt. Heute Abend soll es in der Stadt einen Gefängnisausbruch geben, aber dazu später mehr – Bringt euch schon mal in Sicherheit!
Thin Lizzy wurde 1969 als Powertrio in Dublin von Phil Lynott (Gesang & Bass), Brian Downey (Schlagzeug) und Eric Bell (Gitarre) gegründet. Der Name ist dabei als eine Anspielung auf den Dubliner Dialekt zu betrachten, in dem Thin wie Tin ausgesprochen wird. Zu Beginn ihrer Karriere war der Sound weniger am flotten Hard Rock orientiert der auf den folgenden LPs vorherrschte. Keltische, sowie progressive und folkige Elemente prägten den Sound der Band. Insbesondere die bekannte Interpretation von „Whiskey in the Jar“ sorgte für einen Umschwung in der Band. Bell empfand die Richtung, die die Gruppe an den Erfolg der Single anschließend eingeschlagen hatte, als falsch. Es sollte weniger Jam, sondern mehr klare erfolgversprechende Songstrukturen geben. Nach drei gemeinsamen LPs war Schluss mit dem Trio. Ein viermonatiges Gastspiel von Gary Moore lag zwischen der Transition zum bekanntesten Line-Up der Dubliner. 1974 kamen der grade 18 gewordene Schotte Brian Robertson und der Kailfornier Scott Gorham dazu. Folglich hieß es: Doppelte Lead-Gitarre und mehr Schwung, die in Jailbreak zu ihrem kommerziellen Höhepunkt gipfeln sollte. Jailbreak ist das dritte Album als Quartett, und war die letzte Chance, für das Label etwas zählbares rauszubringen, nachdem die Vorgänger entweder gar nicht in die Top 50 kamen bzw. gar nicht charteten. Als Produzent fungierte John Alcock, der bereits von seiner Arbeit mit John Entwistle, dem Bassisten von The Who bekannt war. Aufgenommen und abgemischt wurde das Album in den Ramport Studios in London, in dem schon The Who ihre Platten aufgenommen hatten. Die Cover Illustration wurde von Jim Fitzpatrick kreiert, der für alle Thin Lizzy Illustrationen zwischen Vagabonds of the Western World (1973) und Chinatown (1980) verantworlich sein sollte. Der Öffentlichkeit bekannt wurde Fitzpatrick durch sein ikonisches rot/schwarzes Plakat von Che Guevara 1968.
Los gehts mit dem Titeltrack „Jailbreak“, der schon zuvor in der Einleitung thematisiert wurde, und sinnbildlich für das steht, was die Dubliner Rockband ausmacht. Zwei sich abwechselnde Lead-Gitarren, gespielt von Gorham und Robertson, geben dem Hörer in einer ausgewogenen Mischung aus harten Riffs und teilweise ausgelassen aufspielenden Solopassagen gehörig was auf die Löffel. Die Drums legen den Teppich dafür aus und beim ersten Mal hören klingt das alles ziemlich straight. Beim genaueren Hinhören klopft sich Gründungsmitglied und Schlagzeuger Brian Downey jedoch ganz schön einen zurecht. Sein Spiel ist gespickt von passenden Fills, ohne jedoch zu sehr zu übertreiben. Der Kopf der Band macht die Sache rund. Mitgründer Phil Lynott singt und spielt den Bass dazu der die Coolness des Sounds abrundet. Lynotts Stimme ist sofort herauszuhören – eine Mischung aus sexy und ölig. All das vereint in Kombination mit dem Sirenensound, der später zum Ausbruch noch vom Band kommt, sorgt für eine fantastische Atmosphäre die einen sofort mitreißt und dazu animiert, Deckung vor Phil und seinen bösen Buben zu suchen. Heute Abend gibt’s Ärger – Don’t you be around! Das folgende „Angel from the Coast“ wirkt musikalisch weniger gefährlich, ist inhaltlich aber in ähnlichem Fahrwasser. Aus dem linken Kanal gibts flotte funkige Rhythmen. Rechts schnellen, aus dem Arm geschüttelten bluesigen Rock. Die Nummer ist durch ihr hohes Tempo hektisch und greift dadurch das fluchtartige Thema auf. Die Flucht vor dem Gesetz ist omnipräsent, auch für den besungenen Engel. Aber die Cops fahnden vergeblich – Die Gesetzlosigkeit siegt, und Lynott zieht uns rüber auf ihre Seite. Jubelnd geht es in den nächsten Song über. Der dritte Song der ersten Seite, „Running Back“ ist etwas behäbiger und nachdenklicher. Das lyrische Ich hat sich falsch entschieden. Die Liebe ist noch da, die Beziehung jedoch passe – wessen Schuld das ist bleibt nur mutzumaßen. Aber vielleicht ist noch nicht alles verloren. Zeit nochmal zurück zu gehen – vielleicht gibt es noch eine Chance für die zwei. Als Kontrast zum vorherigen Song greift der Song zwar nach wie vor die Lizzy-typischen Elemente auf, aber kleidet sie ein wenig anders, sodass man sich über den Wechsel freut. Das folgende „Romeo and the lonely Girl“ greift die Tragik der Liebe auf. Es ist quasi als die Vorgeschichte von „Running Back“ interpretierbar. Es lief eigentlich alles einwandfrei, aber Romeo zog von dannen, und ließ das Mädchen allein stehen. Die Nummer spielt sehr angenehm vor sich hin, und besonders das ausgeklügelte und fast schon in den Ohren beißende Gitarrensolo verleiht ihr das nötige Etwas. Damit der geneigte harte Fan nicht ausmacht, weil ihm die gescheiterten love Stories zu weich vorkommen, gibt es mit „Warriors“ einen harten Abschluss für die A-Seite. Der „Warrior“ ist wie ein dystopischer Todesengel dargestellt, der der Todesmaschine dient. Durch die düstere Thematik liefert er eine Grundlage für ein wah-Wah-geprägtes schnelles Gitarrensolo, das in einer atmosphärischen Wiederholung des Intros gipfelt und damit sehr episch die erste Seite der LP abschließt.
Die zweite Seite legt mit dem größten Hit der Band direkt wie die Feuerwehr los. „The Boys are back in Town“ ist die Hymne schlechthin. Sei es als Gang, mit der Fußballmannschaft, oder ob man nur mit seinem Spezl einen heben geht. Der Song stellt neben „Whiskey in the Jar“ vermutlich die erste Begegnung mit den Dublinern dar, wenn man nicht schon mit Thin Lizzy groß geworden ist. Man kommt gar nicht drum herum, sofort in den ungezwungen coolen Sound der Band verliebt zu sein. Die Nummer hat alles, und macht auch beim hundertsten Anhören noch Spaß. „The boys are back in Town“ ist wie ein spaßigeres „Jailbreak“ und sollte in die Top-10 UK Single Charts eindringen, Platin holen, sowie Platz Eins in der irischen Heimat einnehmen. Zudem ging es auch in USA auf einen für die Härte beachtlichen 12. Platz der Billboard Charts. Der Ausbruch hat geklappt, jetzt können die Jungs die Stadt auf links drehen. Genauso so klingt das auch. Fanfarenartige, irische Gitarren blasen den Marsch zur Feierorgie. Naja … eine amerikanische (Gorham) und eine schottische (Robertson) – aber irisch klingts. Das folgende „Fight or fall“ ist das langsamste und melancholischste Stück und bietet wieder ein wenig Abwechslung. Der Sound ist weniger Kneipenschlägerei, sondern eher Wunden lecken oder vor sich hin sinnieren. Das dynamischste Stück des Albums ist der ruhig beginnende „Cowboy Song“. Hieraus entwickelt sich eine mitreißende fetzige Nummer. Man stellt sich Phil Lynott als namenlosen Cowboy a la Clint Eastwood in der Dollar-Trilogie vor – Zumindest von der Coolness. Diese gepaart mit den nicht ausbleibenden Love Stories und One-Night Stands macht das Bild komplett. Hier gibts von langsam bis schnell alles serviert. Der Song ist ein guter Western in Fünf Minuten Liedform. Den Abschluss macht wie schon auf der A-Seite eine Nummer aus der Heavy-Kiste. „Emerald“ ist eine kriegerische Geschichte, die mit sehr ausgiebigen Gitarrenspiel und kräftigem Basssound untermalt wird. Das Stück klingt wie eine Blaupause für den Sound, der Iron Maiden später berühmt machen sollte. Duellierende Gitarren, galoppierender Bass und Beat, und dazu das Thema Schlacht.
Mit Pauken und Trompeten verabschieden sich die Jungs. Am Ende kommt mit Platz 18 der größte Erfolg von Thin Lizzy in Amerika heraus. Zudem gab es eine goldene Schallplatte mit über 500.000 verkauften Einheiten. In UK ging es zum Ende des Jahrzehnts noch höher hinaus. Nach dem Wechsel vom Trio zu einem Quartett 1973 hat sich diese Entscheidung nun als richtig erwiesen. Jailbreak ist nicht nur das erfolgreichste Album der Band, sondern auch das rundeste. Man könnte sich jetzt in ausgefallenen Adjektiven um Kopf und Kragen über die Relevanz des Albums reden. Man kann es aber auch abkürzen. Die Scheibe ist geiler Rock! Jeder der halbwegs Interesse an dem Genre hat, wird für knappe 35 Minuten bestens und abwechslungsreich unterhalten – Eine meiner Lieblingsscheiben!
Thin Lizzy – Jailbreak
A1 – Jailbreak
A2 – Angel from the Coast
A3 – Running back
A4 – Romeo and the lonely Girl
A5 – Warriors
B1 – The Boys are back in Town
B2 – Fight or fall
B3 – Cowboy Song
B4 – Emerald
