Flashback 50: Ramones – Same – April 1976


Die Entstehungsgeschichte der Ramones ist zeitlich eng mit New Yorks kulturellem Umbruch verbunden. Im Frühjahr des Jahres 1974 war es, daß Jeffrey Hyman, aka Joey Ramone am Gesang, John Cummings, aka Johnny Ramone an der Gitarre, Douglas Glen Colvin nannte sich fortan Dee Dee Ramone und zupfte den Bass und der gebürtige Ungar Tamás Erdélyi aka Tommy Ramone hinter seinem Schlagzeug eine gemeinsame Vision hatten: Kurze, laute, prägnante Songs, die sich direkt auf das Wesentliche konzentrieren – Rebellion, Kälte, Geschwindigkeit, und eine rohe, unpolierte Energie, die den Staub von den Straßen Manhattans in die Plattenregale der Welt tragen sollte.

Ihre musikalischen Einflüsse reichen von den Stooges über Velvet Underground bis hin zu Motörhead und MC5. Die Ramones zogen ihre Kraft aus der Kombination aus Rückbesinnung auf das einfache Handwerk des Rocks und dem scharfkantigen, subversiven Humor einer Gegenkultur jenseits des kommerziellen Mainstreams.

Ihre frühen Live-Auftritte waren rau, laut und stark: das Publikum wurde von der schieren Geschwindigkeit der Musik überwältigt; die Band entwickelte eine Bühnenpräsenz, die minimal, aber massiv wirkte. Aufnahmen entstanden zunächst im kleinen Rahmen, und der Weg durch die Verhandlungen mit Produzenten und Plattenlabels war geprägt von Beharrlichkeit, Entschlossenheit und der Bereitschaft, gegen Widerstände anzutreten.

Die Veröffentlichung vom Debütalbum Ramones markiert den Moment, in dem der rohe Charakter der Band in einem Studio-Setting eingefangen wurde, ohne die Energie eines Live-Auftritts zu verlieren. Die Entscheidung, die Songs sehr kurz zu halten (die meisten um die 2 Minuten oder weniger), setzte die ästhetische Linie: maximaler Einfluss in minimaler Zeit.

Inhaltlich zieht sich durch Ramones eine klare Linie: einfache Akkordprogressionen, ein schneller Schlagzeug- und Bassrhythmus, und Gesang, der eher als instrumentale Linie funktioniert – Joeys charakteristische, stakkatohafte Stimme verleiht jeder Nummer eine unverwechselbare Note. Stilistisch verschmilzt das Album die rohe Rock-’n’-Roll-Ästhetik mit dem Attitude-Ansatz des Punk: kein überflüssiges Ornament, keine ausgedehnten Soli, keine Jubelchor-Rhetorik. Stattdessen klare, eingängige Melodien, die sich schnell in den Kopf setzen, gepaart mit einer transgressiven, humorvollen Attitüde, die oft ironisch und provokativ zugleich ist –  grölbar und tanzbar.

„Blitzkrieg Bop“, der Opener, ist das vermutlich bekannteste Lied der Punkrocker. Das „Hey ho, let’s go“ wird oft zitiert und ist gleich einem Schlachtruf heute noch vielfach zu hören. Das Opening-Kennzeichen: einfache Power-Chords, der Refrain “hey! ho!” springt ins Ohr. Energiegeladen, aggressiv und perfekt als Statement-Track. „Beat on the Brat“ hat wieder diesen eingängigen Rhythmus und zieht keine neuen Register der musikalischen Raffinesse. „Judy is a Punk“ gleicht wieder dem Startsong, schneller, absoluter Punk der ganz alten Schule – und mit gerade mal 1:32min der kürzeste Song des Albums. „I wanna be your Boyfriend“ hat etwas Beatles-Artiges. Gesang, Tempo, Aufmachung, passt aber perfekt zur Musikkultur der 1976er und ist eine schnulzige Punkballade. Abgelöst vom wieder schnelleren „Chain Saw“, bei dem die Gitarre das Brummen der Kettensäge imitiert und durch geschickten Tempowechsel in einen Rausch zieht. „Now I wanna sniff some Glue“ ist ein einfacher Song, der schließlich durch ein hartes Riff Tempo aufnimmt und unbedingt zum Mittanzen auffordert. Mit „I don’t wanna go down the Basement“ – ein Kindheitstrauma?, der dunkle Keller? endet die erste Seite des Albums Mit den Ramones wird dieses Trauma eher ein Erlebnis.

„Loudmouth“, der erste Song der Seite-B macht vorerst keinen großen Unterschied. Ist es derselbe Song? Das sicherlich nicht, aber der Rhythmus, das Tempo und der Gesang sind dem Vorgänger sehr ähnlich. „Havana Affair“ und „Listen to my Heart“ bergen keine Überraschungen und bleiben im bisherigen Fahrwasser. „53rd & 3rd“ sticht stellenweise heraus durch neue Stilelemente wie etwa eine Zäsur mitten im Song und ein Tempowechsel in Spiel und Gesang. Das folgende „Let’s Dance“ ist auch musikalisch eine Aufforderung, genau das zu tun. „I don’t wanna walk arount with you“ ist nochmal ein kräftiges Brett. Der Finisher „Today your Love, Tomorrow the World“ schließt in gewisser Weise den Kreis zu „Blitzkrieg Bop“ und ist der mitreißende Abschluss eines grandiosen Debüts.

Die Ramones haben ein zeitloses Gute-Laune-Album veröffentlich, das Jahrzehnte überdauerte und ihren Ruf stärkte. In knapp 30 Minuten fordern sie zum Pogen, Mitsingen und zur Ausgelassenheit auf. Mit tempogeladenen, kurzen Songs entfachen sie eine Wucht, die seither als Maßstab für Pure-Power-Punk gilt. Eine kompromisslose Eskalation aus klaren Riffs, kurzen Hooks und straightem Beat in jedem Song – und gleichzeitig das Gefühl eines Live-Auftritts im Wohnzimmer.


Ramones – Same
A1 – Blitzkrieg Bop
A2 – Beat On The Brat
A3 – Judy Is A Punk
A4 – I Wanna Be Your Boyfriend
A5 – Chain Saw
A6 – Now I Wanna Sniff Some Glue
A7 – I Don’t Wanna Go Down To The Basement
B1 – Loudmouth
B2 – Havana Affair
B3 – Listen To My Heart
B4 – 3rd & 3rd
B5 – Let’s Dance
B6 – I Don’t Wanna Walk Around With You
B7 – Today Your Love, Tomorrow The World

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