15.03.14 – Kraut und Drastik 3


Es ist schon eine Weile her, da traf man sich erneut in der Werkstatt in den Münchner Kammerspielen und frönte dem Krautrock. Mit der Reihe „Kraut und Drastik“ haben Tobias Staab und Simon Clement etwas gewagt – und absolut gewonnen. Die Veranstaltungen sind jedes Mal ausverkauft und das Feedback super. Allerdings gibt man sich auch redlich Mühe, Krautrock in all seinen Facetten zu beleuchten und jedes Mal besondere Gesichter dieses Genres zu präsentieren. So waren viele hocherfreut, als Hans-Joachim Roedelius angekündigt wurde. Cluster und Harmonia sind zwei Stationen des Musikers, die den meisten aber sehr wohl bekannt sind. Dazu gehören auch die jeweiligen Umformungen und Neugestaltungen der erstgenannten Band, die sich immer wieder anders schreibt, aber ihrem Sound dann doch irgendwie treu bleibt. Roedelius war der Mitbegründer des Zodiac Free Arts Lab in Berlin, ein Club, der leider aus finanziellen Gründen nur kurz überleben konnte, aber in gewissen Kreisen unvergessen und geradezu legendär ist. Experimental-Rocker, Jazzer und andere trafen sich dort und machten Musik.
Während Roedelius auf der Bühne in gemütlicher Wohnzimmeratmosphäre sitzt, Staab zuhört und bereitwillig antwortet, fliehen die Gedanken so mancher Besucher in eine Zeit zurück, die längst vergangen ist. Was Roedelius erzählt, daran erinnert man sich, davon hat man gehört und möchte einfach noch ein bisschen mehr erfahren, wie die Hintergründe waren und was so alles passiert ist. Die wirkliche Geschichte hinter Gerüchten oder eben den Dingen, die man nicht ganz mitbekommen hat. Das Publikum ist entsprechend in einem Alter, das vielfach jenseits der 50 ist – und sie zeigen sich jung und aufgeweckt, hören zu und lächeln wissend, als Roedelius erzählt, murmeln zustimmend und man kann ein Glitzern in vielen Augenpaaren sehen, wenn man sich umschaut.
Neben ihm sitzt Dominik von Senger, der nicht minder bekannt und beliebt ist. Er war bei Phantom Band und Dunkelziffer dabei und hat die Szene auch mitgeprägt. Im Gegensatz zu Roedelius, der ruhig und konzentriert erscheint, wirkt von Senger vielfach gelangweilt von dem, was sein Gegenüber erzählt. Ob es ihn nicht interessiert oder er eine persönliche Abneigung gegen Anwesende hegt, bleibt ungeklärt. Von Senger taut erst ein bisschen auf, als er selbst erzählen kann von seiner Zeit, seinem Schaffen und Denken, seiner Musik. Aber er kann das Publikum packen und bringt es schließlich sogar zum Lachen mit der ein oder anderen Anekdote, dem Kölner Dialiekt und der Geschichte von seines Lebens. Seine Oma hatte eine Gitarre auf dem Bett liegen und dann hatte seine Schwester ein solches Instrument gehabt, weshalb er immer schon einen gewissen Bezug dazu hatte. Die erste eigene E-Gitarre wurde dann allerdings zersägt. Außerdem war da ja noch die erste Platte von Faust, durchsichtig und das Cover bestehend aus Text und der Röntgenaufnahme einer Hand. Das fand er „jeck“! CAN hatte es ihm dafür weniger angetan, die fand er gar nicht so toll, „die konnten sich noch nicht mal ein Stück merken, warum sind die so berühmt?“, kommentiert er den damaligen Eindruck und erntet erneut die Lacher des Publikums. Ja, es war schon seltsam damals und neu und verrückt – und irgendwie wurde von Senger dann aber doch ein Teil davon und hat seine Meinung in mancher Hinsicht geändert.
Staab muss wenig nachfragen, weil die beiden Interviewpartner einfach erzählen und dadurch vieles überflüssig machen. Schade, dass die Zeit so schnell vorbei ist.
Das Roedeliuskonzert ist dann aber doch etwas eigen. Klaviermusik, ruhig und sanft gleitet sie dahin. Er hat zuvor erklärt, dass er laute Musik einfach nicht mehr mag und hören kann, diese Zeit sei vorbei. Nach über 170 Platten und unzähligen Songs, widmet sich der Künstler nun mehr dem Klavier und dem Schreiben. Von seinen eindrucksvollen Gedichten liest er einige vor, als kleiner Teil des Konzerts. Zuerst verwirrt dies, scheint gar nicht zu passen, weder zum Rahmen noch zum Krautrock, dann aber ist es eine willkommene Abwechslung und die Tiefe der Gedichte erfordert eigentlich eine eigene Diskussionsrunde, die es nur leider nicht gibt

Das Fazit des Abends fällt einmal mehr positiv auf und langsam werden Stimmen laut, ob man nicht über eine Verlängerung der Reihe nachdenken könne …

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