CD: EAV – Werwolf-Attacke!


Je älter desto bissiger

Der große Erfolg der Ersten Allgemeinen Verunsicherung in den Achtzigern und frühen Neunzigern fußt auf den Partykrachern, den Hits, die jeder kannte und die meisten mitsingen konnten. Wenn man damit nicht viel anfangen konnte, musste man vielleicht den Tipp bekommen, sich ein Album vollständig anzuhören, um zu erfahren, dass da mehr dahinter steckt. Ein Blick für die Fehler dieser Welt, die Fähigkeit, den Finger in die Wunde zu legen und der Wille, diesen Finger zu drehen bis es schmerzt. Natürlich kann und soll über diesen meist treffsicheren Wortwitz gelacht werden, aber manchmal vergeht das Lachen, wenn die Zeilen nicht nur konsumiert werden.

Die Folgen waren so manches Mal deutlich und haben gezeigt, dass der eine oder andere Adressat den Treffer gefühlt hat. So strengte der österreichische Rechtspopulist Jörg Haider eine Klage wegen ‚übler Nachrede‘ an, der ehemalige österreichische Bundespräsident Kurt Waldheim dachte lediglich darüber nach und die Bombendrohung von Neonazis war zum Glück nicht mehr. Diverse Sender boykottierten bestimmte Lieder und sogar im Vorfeld dieser Veröffentlichung gab es wegen der Lederhosen-Zombies Querelen.

Gerade diese satirische Ader zeigt sich bei der Werwolf-Attacke deutlich. Nicht nur deshalb sollte es bitte nicht wieder fünf Jahre dauern, bis es eine neue Scheibe von den Herren gibt.

Das Cover ist wie gewohnt gezeichnet. Ein grüner, panisch blickender Werwolf rennt durch die Nacht und schreit dabei den Untertitel des Machwerks: „Monsterball ist überall!“ Hoffnung auf baldige Fortsetzung macht das in der rechten unteren Ecke zu erkennende ‚Teil 1‘. Ansonsten ist das Booklet wie erwartet gestaltet. Die Songtexte werden durch kleine, teils sehr amüsante, Zeichnung illustriert. Nasenbär Neppomuk erscheint erst auf der Oberseite der CD. Der Arme hat noch weiter abgebaut. Blind und auf einen Rollstuhl angewiesen macht er seinem Leben mittels eines Revolvers ein Ende. Lautmalerisch wird dies mit ‚Wümp!‘ und ansonsten mit dem Hinweis ‚Alles und jeder hat seine Zeit…‘ kommentiert. Einziges Manko, die Titel der Lieder in Dunkelrot auf Schwarz erschweren das Lesen unnötig.

Die Werwolf-Attacke gilt uns allen, aber er kommt nicht allein. Sowohl Debacula der Bankvampir, der ISIS-Hulk als auch andere stehen ihm zur Seite, das Volk wo und wie sie können bluten zu lassen. Leider ist das Gros der Angegriffen in diesem Bild eine Zombie-Herde ohne erwähnenswerte Widerstandskraft. Musikalisch werden die Worte gut untermalt, so rockt es manchmal oder klingt klassisch an, wenn der Opernball sein Fett weg kriegt.

Leicht, locker, elektronisch beginnt der nächste Song. Das Geld soll nichts mehr wert sein, ist die Grundaussage von Bankrott. Es folgen erklärende Worte, die das ständige Wachstum als sinnvolles Ziel anzweifeln und postulieren, dass eher die Lüge geglaubt wird, wenn die Wahrheit unbequem ist. Eine Lösung wird angedeutet, aussteigen oder kurz zum Serienkiller werden, um die Welt zu reparieren.

Der erhobene Zeigefinger ist eine zum Schunkeln geeignete Überleitung, die mit einem anderen gestreckten Finger endet. Es schließt sich Pfeiff drauf an und irgendwie passen beide Finger – je nachdem wie der geneigte Leser gerade drauf ist. Es gibt so viel, worauf gepfiffen wird, worüber nicht nachgedacht wird und so sind doch auch die Folgen egal, die einen irgendwann einholen, oder? Ein dahinplätscherndes Lied, welches mit einem Knall endet.

Selbstironisch, mit deutlichem kritischem Unterton rät das nächste Stück, macht kein Theater um die Kunst! Ein Hauch von Swing macht es einfach weg zu hören, wären da nicht die Unterbrechungen durch die eine oder andere Einspielung. Das Thema ist alt und trotzdem aktuell. Obwohl die EAV vermutlich trotz des Internets ihren Schnitt machen wird, gibt es sicher andere, denen durch die momentanen Regelungen und Freiheiten mehr verloren geht.

Kurzes Zwischenspiel: Der Dame Europa wird zu Sirtakiklängen attestiert, Nutte der Amerikaner zu sein – eine klare Ansage gegen die immer wieder neu aufgelegten Freihandelsabkommen.

Hunger haben ein Österreicher, ein Deutscher und ein Schweizer. Ein kulinarischer Blick in die Zukunft Europas, halb angenehm, halb warnend. Pop wie er eigentlich nicht gerne gehört wird, aber zum Thema passt es irgendwie.

Musikalisch und thematisch geht es noch weiter bergab. Zu Volksmusik wird in weniger als einer Minute erklärt, was der strenggläubige Moslem mit Steinen machen kann. Sharia Ho!

Der Fokus wandert weiter nach Osten. Babuschka kritisiert die Art und Weise, wie in den ehemaligen Staaten der UdSSR, insbesondere natürlich Russland, Werte wie z.B. Meinungsfreiheit von den Machthabern umgesetzt werden. Der Sound bedient sich bei den üblichen Klischees, die zu der Gegend passen, ohne zu übertreiben.

Der nächste Song beschäftigt sich mit dem Alltag, dem, was schwerfällt, der Hektik, dem nach oben buckeln müssen und nach unten treten wollen. Was ist los ist die beherrschende Frage, obwohl doch wichtiger wäre, wie man aus diesem Kreislauf ausbrechen kann. Keyboard und Schlagzeug helfen schon ein wenig.

Melancholisch wird mit La Loba ein Loblied auf die Mutter aller Wölfe gesungen. Hier darf sich wohl jede Mutter angesprochen fühlen, die sich nicht nur oberflächlich mit ihrem Nachwuchs beschäftigt hat, auch wenn die Bilder manchmal etwas sehr abstrakt sind.

Ähnlich traurig klingt es weiter. Die Geschichte eines schüchternen Jungen, wie mit ihm umgegangen wird und wie er sich neu orientiert. Als Unscheinbarer Bua mit desinteressierten Eltern ist zwar kein Weg vorgezeichnet, aber der hier beschriebene ist leider nachvollziehbar und endet nicht nur für den Protagonisten tragisch.

Deutlich schneller und mit Industrietönen nimmt die Maschine Fahrt auf in eine Zukunft, die noch nicht absehbar ist. Kritik am Zeitgeist, insbesondere einer Entwicklungsgeschwindigkeit, die in vielen Punkten nicht mehr nachzuvollziehen ist und trotzdem gefeiert wird.

Mrs. Fuckushima ist musikalisch und inhaltlich die legitime Nachfolgerin des nach dem Vorfall in Tschernobyl entstandenen Burli. Der damalige tragische Held orientiert sich um und findet eine neue Liebe in Japan. Niemand soll behaupten, dass in einem GAU nicht auch etwas Positives zu finden ist.

Notkäppchen ist ein weiteres kurzes Zwischenspiel, in dem Rotkäppchen und der Wolf (in der Maske der Großmutter) etwas anders miteinander umgehen.

Wie folgenschwer sich der Erotikkunde heutzutage verwählen kann, erfahren wir durch Sado-Lily. Dieses im Sprechgesang vorgetragene und entsprechend unterlegte Lied dürfte das seichteste auf der CD sein.

Mit Zugriff ist der gierige Griff nach den Ressourcen der Welt gemeint. Es sind sowohl Staaten und Banken als auch jeder einzelne Raffgierige persönlich gemeint, die den Ausverkauf der Erde und der Menschlichkeit betreiben. Viel zu ruhig werden der Krieg um Wasser sowie der Griff nach den Sternen vorhergesagt.

Monsters of Trachtenball kündigt sehr kurz die Lederhosen-Zombies an. Beschwingt wird auf den Bedeutungswechsel der Trachtenkleidung in Österreich hingewiesen. Bis in die Achtziger war das Tragen einer solchen Kluft ein klares politisches Zeichen Richtung Rechts. Nachdem sich dies nun geändert hat, sind Oktoberfeste und ähnliches in jedem noch so kleinen Ort zu finden, was damit in den Menschen und vor allem in ihrem Denken , die sich dafür begeistern, einhergeht, hat schon vor der Veröffentlichung der CD für öffentliche Wortwechsel zwischen so einigen Vertretern der beiden Lager geführt.

Mit Der oide Wolf endet der Reigen. Ein Abgesang, der zeigt, wie es in so manchem älter und ruhiger gewordenen Individuum aussieht und vielleicht auch manchmal auf einen der EAV-Mannen zutrifft. Getragen, ruhig und ohne Höhepunkte endet es hier.

Gesellschaftskritik und Satire in musikalischer Form, auf die hoffentlich nicht nur gepfiffen wird. Mit der Fortsetzung bitte nicht zu lange warten, denn es gibt so viel, das schief läuft!

4/5 

Anspieltipp: Pfeiff drauf

Erste Allgemeine Verunsicherung – Werwolf-Attacke!
Ariola, 2015
15,99 €
Amazon

Tracklist:

Werwolf-Attacke!
Bankrott
Zeigefinger
Pfeif drauf
Theater um die Kunst
Dame Europa
Hunger
Scharia-Ho
Babuschka
Was is los
La Loba
Unscheinbarer Bua
Maschine
Miss Fuckushima
Notkäppchen
Sado Lilly
Zugriff
Monsters of Trachtenball
Lederhosen-Zombies
Der oide Wolf

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s