Lemmy


Der Bomber senkt sich über die Bühne, es wird laut und ein bisschen erinnert das Ambiente an einen Fliegerangriff. Die Menge ist unruhig, angespannt, wartet ungeduldig nach dem Brett von Saxon auf den eigentlichen Hauptact des Abend. Die Lightshow ist passend, taucht das Zenith in eine perfekte Stimmung. Wer den Bomber noch nicht live gesehen hat – so wie ich – starrt begeistert auf das Traversenflugzeug, das sich hin und her bewegt. Verwundert einen eine solche Show? Nein, denn der Hauptact ist bekannt für seine Faszination von  – ach was soll’s, nennen wir das Kind beim Namen: Der Bandleader hat eine der größten Sammlung an 2. Weltkriegs-Memorabilia und ist deswegen trotzdem kein verblödeter Mitläufer, der das „damals“ einfach geil findet. Er hat seine Meinung dazu und die lässt sich hören, ist fundiert, durchdacht und zeigt, was der Mann auf dem Kasten hat.

Irgendwann kommen sie auf die Bühne, malträtieren Gitarre und Schlagzeug und lassen endlich, endlich auf einzigartige Weise den Rickenbacher erklingen. Bereits beim ersten Song wird deutlich, dass Lemmy nicht ganz fit ist. Er sieht abgemagert und eingefallen aus. Seine Stimme ist stellenweise brüchig und nur schwer zu verstehen. Er sagte einmal, dass es bei der Lautstärke sowieso egal sei, ob er den Text richtig singe. Das stimmt, aber heute Abend hört man selbst die knappen und raren Ansagen nicht richtig. Ein bisschen wartet das Publikum darauf, dass Motörhead ihren Auftritt abbrechen, weil Lemmy nicht mehr kann. Es wäre sehr schade, aber keiner würde es der lebenden Legende übelnehmen. Doch er hält durch und das Konzert im Zenith ist wie immer ein Hammerauftritt – mit einem schwächelnden Sänger, mit Sorgen im Publikum und – das darf man nicht vergessen – mit dem Zusammenhalt der Fangemeinde, findet das Konzert nur knapp nach den Anschlägen von Paris statt.

Nach etwas mehr als einer Stunde ist alles vorbei. Nur schwach erklingt der berühmte Satz „We’re Motörhead and we play Rock’n’Roll!“ – doch der Jubel ist immens. Der Bomber fliegt wieder, der berühmte Rückkoppler geleitet die Anwesenden nach draußen. Die Stimmung ist gemischt. Man spürt fast Dankbarkeit für das Konzert, aber die Sorge um Lemmy ist bei vielen Gesprächsthema. Er solle abtreten, die Bühne verlassen und sein Leben genießen, heißt es sogar in den Medien. Er sei bereits eine Legende. Und doch wünscht jeder, dass der Rock’n’Roller auf der Bühne stirbt, wie er es sich wünscht. Auf dem Heimweg sage ich noch: „Das ist mein letztes Motörhead-Konzert.“ – und ich hatte recht.

Lemmy ist tot. Die Nachricht ist am frühen Morgen ein absoluter Schock und ein bisschen verzweifelt suche ich noch nach dem Dementi, das aber nicht kommt. Plötzlich und unerwartet für die Fans, hat sich der Großmeister aus dem Leben geschlichen. Zu Hause und nicht auf der Bühne. Er hinterlässt eine Lücke, die niemand je füllen wird. All die Nachrufe, all die Beileidsbekundungen rund um den Globus, all die Erinnerungen.

Lemmy fehlt. Es fehlen die Musik, seine Interviews und seine rohe Gentlemen-Art. Wir haben die Trauerfeier verfolgen können, haben sonst so rauhe  Musikerkollegen weinen sehen und Nachrufe in nahezu allen Medien lesen können. Aber mir selbst fehlen die Worte und ich glaube, es gibt auch gar nicht viel zu sagen.

Lieber Lemmy, Du warst eine lebende Legende. Ich hab Motörhead früher nicht gehört und wollte 2014 auf Dein Konzert, um eben diese Band einmal gesehen zu haben. Beim ersten Akkord hattest Du mich. Mit der Ausstrahlung, der Ruhe, Deinem Sein hast Du mich begeistert. Danke für Deine Musik, Deine Interviews, Deinen Witz. Danke für Motörhead und den Rock’n’Roll.

Danke, Lemmy!

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