Lesung – Josef Wilfling – 01.11.2015 Krimifestival München


Josef Wilfling – Dieser Name war lange Zeit in erster Linie in den einschlägigen Verbrecherkreisen bekannt, war Wilfling doch 22 lange Jahre  bei der Münchner Mordkommission. Seit 2010 ist Josef Wilfling auch unter den Buchautoren zu finden. Von Anfang an auf eine Triologie ausgelegt, ist nun nach „Abgründe – Wenn aus Menschen Mörder werden“ (2010), und „Unheil – Warum jeder zum Mörder werden kann“ (2012), der dritte Teil „Verderben – Die Macht der Mörder“ auf dem Markt.
20151101_193927Zu einer Lesung der besonderen Art hatte nun das Krimifestival München geladen. Im Sektionssaal des Instituts für Rechtsmedizin waren am Abend alle Plätze voll besetzt. Vorne war zwischen spärlicher Dekoration ein Tisch mit vier Plätzen. An denen nahmen neben der Moderatorin und Josef Wilfling auch der Rechtsmediziner Dr. Oliver Peschel von der LMU München und der Synchron- und Hörbuchsprecher Hans Jürgen Stockerl Platz. Nach einer kurzen Anmoderation sprach Wilfling über seine Karriere bei der Mordkommision zwischen den Jahren 1987 und 2009, in denen er mit 1209 Fällen befasst war. Er sprach von 16 vollendeten und 40 versuchten Morden, die er zu untersuchen hatte. Sein Lieblingsermittler aus dem Fernsehen war Inspektor Colombo. Dessen lässiges Erscheinungsbild mit der Fähigkeit zuzuhören und die Täter einfach nur erzählen lassen, hatte Vorbildcharakter für Wilfling.
Als Chefermittler der Mordkomission war Wilfling natürlich immer im Blickwinkel der öffentlichen Medien und der Bevölkerung. So auch im Fall des ermordeten Modezaren Rudolph Moshammer 2005 im Münchner Vorort Grünwald. Wilfling erzählte, wie er mit seinem VW Polo mit Blaulicht zum Tatort fuhr, und mit ziemlicher Sicherheit von den meisten als Witzbold angesehen wurde, so nach dem Motto „Hat sich ein Depp ein Blaulicht aufs Dach geschnallt“, was von den Zuhören mit Lachen quittiert wurde. „Pressiert hats ja ned mehr so arg“, meinte er. Dank eines Datenbankabgleichs konnte nach zwei Stunden auch schon ein Treffer vermeldet werden. Bei der Pressekonferenz durch Harald Pickert von der Soko versagte auch noch das Mikro, was aber durch die Erfolgsmeldung schnell relativiert war. Dank des Erfolges bekam die Münchner Polizei auch bald drauf ein neues Pressezentrum.

Nach Wilfling wurde Dr. Peschel kurz vorgestellt. Er selbst bezeichnet sich als Trüffelschwein, wollte aber nie selber ermitteln, sondern in erster Linie gesichert feststellen. Peschel sprach von ca. 7000 – 8000 Leichen, die er in seinem Medizinerleben gesehen hatte. Bei 22 Jahren Sektionstätigkeit wandelte sich die jährliche Anzahl von ca. 500 – 600 anfangs zu mittlerweile 2000 Sektionen in München. Durch die DNA-Datenbank werden durch Abgleich so an die 850 ungeklärte Morde auch noch nachträglich gelöst. Seit August 2015 ist Peschel auch Konservationsbeauftragter der Gletschermumie Ötzi, was für ihn eine spannende Aufgabe darstellt. So wurde auch die Pfeilspitze in Ötzis Schulter erst nach zehn Jahren entdeckt, weil auch technisch der Fortschritt in der Pathologie nicht halt macht. Mittlerweile ist bekannt, dass Ötzi an Arteriosklerose litt, ein Schädel-Hirn-Trauma hatte und laktoseintolerant war. Durch Pollen in der Nahrung im Körper konnte man aufgrund eines Höhenprofils den Weg des Mannes nachvollziehen.

Nach der Vorstellung von beiden las Hans Jürgen Stockerl aus dem Vorwort von Wilflings neustem Werk vor, welches in groben Abschnitten wie folgt aufgebaut ist.
1) Die Grundlage – Die Motive derer, die zu Mördern werden, Hass, Rache, Eifersucht und Gier.
2) Die Frage – Warum jemand zum Mörder wird, die Vorgeschichte.
2) Hinterher – Was ist, wenn der Mord passiert ist, die Opferrolle, die Aufklärung, die Angehörigen.
Es gibt keinen Mord mit nur einem Opfer, meinte Wilfling, die Angehörigen sind fast in gleichem Masse getroffen, wie das Opfer selber. Die acht geschilderten Fälle im Buch beschreiben das Täter-Opfer-Verhältnis.

Wilfling erzählte einige Anekdoten aus diversen spektakulären Fällen, in die er involviert war. Der Fall „Die schöne Valeska“ zum Beispiel, in dem ein Schweizer Bankier ins Visier der Ermittler gelangte, der den Mord an der Schwabingerin aber vehement leugnete. Durch gekaufte Zeugenaussagen von vier Zeugen, die dem Gericht äußerst glaubhaft versicherten, dass sie die Ermordete am drauffolgenden Tag nachdem der Schweizer wieder abgereist war bei bestem Wetter im Münchner Hofgarten gesehen haben wollten, konnte der Bankier sich aus dem Netz der Ermittler entfernen. Im Nachhinein, als Wilfling die diversen Wetterberichte studiert hatte, und aufgrund derer die Rotlichtverstöße im fraglichen Bereich um den Hofgarten gesichtet hatte, war gesichert klar, dass zu dem Zeitpunkt nasses, tristes Wetter herrschte und dadurch den Zeugen nachgewiesen werden konnte, dass sie gelogen hatten. Der Gerichtsbarkeit entkam der Mörder nur dadurch , dass er die Schweiz nie wieder verlassen hatte und mit 68 Jahren an Magenkrebs starb.
Wilfling erzählte von seiner längsten Vernehmung, die 17 Stunden gedauert hatte. Vernehmungen sind eine Mischung aus Recht und Psychologie, die meisten Verbrechen werden im Verhör gelöst.
Nach einer erneuten Vorlesung durch Hans Jürgen Stockerl kam die Sprache auf den Inka-Mord. Die Gesetzeslage schreibt vor, dass die Ermittlungen bei Mord im Ausland immer von der zuständigen Behörde, bei der das Opfer seinen letzten gemeldeten Wohnort hatte, geleitet werden. Die erneute Zusammenarbeit mit Wilfling bezeichnet Dr. Peschel als seinen größten Fall: Ein Serienmörder mit sieben Morden, welcher auch unter dem Titel „Der Mann, dem die Frauen vertrauten“ verfilmt wurde. Der Fall der Mörders Horst David, dessen Aufklärung in erster Linie dem Fingerabdruckvergleichssystems AFIS zu verdanken war. Nach und nach gab David seine Morde zu. Wilfling sprach davon, dass er jahrelang Weihnachts- und Geburtstagskarten von Horst David aus dem Zuchthaus geschickt bekam. Er las auch zwei Karten vor, die er dabei hatte. Peschel sogte für einen gewaltigen Lacher, als er meinte: „Schade, meine Kunden schreiben nicht mehr“. Mittlerweile ist David aber anscheinend beleidigt, meinte Wilfling, er bekommt keine Karten mehr.

20151101_201125Am Ende der Veranstaltung signierte Josef Wilfling noch seine Bücher und hatte für die meisten seiner Fans auch noch das eine oder andere Wort übrig.

Alles in allem war es ein kurzweiliger Abend, bei dem sich Wilfling und Peschel die Bälle gekonnt zuspielten und neben viel Informationen auch die Unterhaltung nicht zu kurz kam. Hans Jürgen Stockerl passte mit seiner bekannten sonoren Stimme bestens ins Konzept.

5/5

WilflingJosef Wilfling – Verderben – Die Macht der Mörder
Heyne Verlag, 2015
320 Seiten
Hardcover, 19,99 €
Kindle, 15,99 €
Amazon

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