Rockavaria – Tag 1 – 27.05.2016


Das Rockavaria sollte das große Festival für München werden. Die Veranstalter wollten Rock im Park, Summerbreeze und Co. mächtig Konkurrenz machen und haben 2015 mit einem gigantischen Lineup gestartet. Der letzte Akkord war noch nicht verklungen, da wurde bereits spekuliert, wie man das noch toppen wolle. Schnell war Iron Maiden in aller Munde, denn viele namhafte, große Bands blieben nicht mehr übrig – und getoppt werden musste das Festival von 2015 doch, oder?

Leider machten die Veranstalter aber viele Fehler. Bereits für das erste RAV hagelte es Kritik über Kritik und nach einigen Monaten wurde auch bekannt, dass die Kalkulation ebenfalls nicht ganz hingehauen hatte. So stellte sich schließlich die Frage, ob es überhaupt eine Fortsetzung geben würde. Die Webseite des Festivals lag brach und auch in den Sozialen Netzwerken blieb alles still. Kein RAV 2016? Doch – und alle hatten recht: Iron Maiden war der erste angekündigte Headliner, der die Massen anziehen sollte. Bei manchen Fans schwebte der Finger erwartungsvoll über der Maus, um auch wirklich ein Early Bird-Ticket zu ergattern. Die Eile hätte man sich sparen können, die Tickets standen endlos zur Verfügung – und wieder einmal kehrte Stille ein. Anscheinend reden die Veranstalter nicht gerne mit potentiellen Besuchern – Kritik wird sowieso ignoriert und auf der Facebookseite ist die Kommentarfunktion eingeschränkt. Nur keine negativen Worte, nein, nein, es war doch alles so wahnsinnig erfolgreich! Während Wacken, Summerbreeze und Co Lineups aus dem Hut zauberten, nach denen man sich sämtliche Finger abschlecken konnte, kündigte das RAV Iron Maiden an, und Iron Maiden, und … Iron Maiden. Ja, Maiden ist geil, Big Four, alte Hasen, muss man mal gesehen haben. Aber 139 € für ein Iron Maiden Konzert sind doch etwas viel, nicht wahr? Scheinbar sollte es aber gar keine anderen Bands 2016 geben. Kritik wurde laut, die Käufer der ersten Tickets begannen zu murren. Wochen später kam endlich der zweite „Headliner“ und der war alles andere als ein Brüller oder gar ein Headliner auf einem entsprechenden Festival: Nightwish. Aha. Wollt ihr mich eigentlich verar…? Denn genauso kamen sich viele vor. Und die DEAG tat einmal mehr das, was sie am besten kann: schweigen. Keine Reaktion, keine weiteren Bands, nichts. Es war zum Kotzen und langsam staute sich ziemlicher Frust an. Wofür sollte man so viel Geld bezahlen, die Veranstaltung bewerben oder überhaupt hingehen? Bald wurden Tickets zum Verkauf angeboten. Der Preisverfall war gigantisch. Am Ende konnte man 3-Tages-Tickets für unter 50 (!)€ erhalten. Alle Hoffnungen auf Rammstein oder gar Guns’n’Roses wurden jäh zerstört. Immerhin schafften die Macher Iggy Pop auf die Bühne, eine Legende, die man nach dem Wegsterben der großen Idole unbedingt noch einmal gesehen haben sollte. Mit Slayer kam ein weiterer der Big Four auf die Stage, Sabaton, Anthrax und namenlose Bands, die langweilen. Die letzten beiden Bands, Sodom und Eversin, wurden gefühlt nur wenige Tage (acht, um genau zu sein) vor dem Festival bekannt gegeben. Toll. Die Enttäuschung war groß, aber immerhin standen nun ein paar Acts auf der Liste des massiv geschrumpften Festivals mit der großen Klappe, die man sehen wollte.

JBO 01
JBO auf dem RAV 2016. Foto: MaSch

Am ersten Tag war wenig los, die Sonne schien und man wurde gleich mal überrascht mit einer Verbesserung: Man musste nicht erst quer über das ganze Gelände, um sein Bändchen zu bekommen, durfte die Tickets behalten und hatte eigentlich nur zu bemängeln, dass nur drei Schalter am Südeingang vom Tollwood her für den Bändchentausch geöffnet waren, obwohl man sich hätte denken können, dass am ersten Tag in den ersten Stunden ein gewisser Andrang da sein würde – oder ist man doch so selbstreflektiert, dass man gar nicht so viele Besucher erwartet? … Wie es an den Toren auf der Nordseite ausschaute entzog sich unserer Kenntnis. Jedenfalls muss man hier ja mal sagen, dass es eine Verbesserung im Vergleich zum Vorjahr gegeben hat. Was andere total locker finden, ist dann der Sicherheitscheck. Ich persönlich möchte fast zu den Polizisten, die nur wenige Meter entfernt stehen, hinlaufen und sie geradezu anflehen, mich und all die anderen Besucher zu durchsuchen! Es wird niemand abgetastet und Rucksäcke so oberflächlich durchsucht, dass man kurzzeitig sogar Angst bekommen kann. Theoretisch könnte man alles auf das Gelände schmuggeln – praktisch auch, oder woher haben so viele Leute ach so verbotene Einliterflaschen oder Glasflaschen? Aber gut, weiter im Text. Sofort geht es in die Arena des Olympiastadions.

JBO auf dem Rockavaria. Foto: MaSch
JBO auf dem Rockavaria.
Foto: MaSch

JBO stehen auf der Bühne, die pinken Franken, die ernsthaft erzählen, dass sie die einzige bayerische Band an diesem Tag wären – aber es sind halt Franken und keine Bayern, so viel Zeit – und Humor – muss sein. Mit viel Humor heizen sie das Publikum an und bringen Altes und Neues. Gerne wird „Ein guter Tag zum Sterben“ mitgesungen und auch sonst alles mitgemacht, was die Band verlangt. Es ist halt doch Kult geworden und kommt immer gut an, was die mittlerweile in die Jahre gekommenen Jungs machen. Bald wird klar, dass es noch eine deutliche Verbesserung gegenüber 2015 gibt: Eine breite Doppelbühne wurde in der Arena aufgebaut. Das verleiht nicht nur einen stärkeren Festivalcharakter, sondern gibt auch einem breiteren Publikum eine bessere Sicht auf Bands – außerdem kann man sich das elende Treppensteigen vom Stadion in die Olympiahalle und retour sparen und kriegt wirklich die Acts von Anfang an mit.

Auf Stage 1 geht es weiter mit Powerwolf, die mit ihrem bekannten, düsteren Intro die Bühne entern. Sie werden gefeiert und liefern eine gute Show ab. Ihre Texte sind an Bibel und Theologie angelehnt, haben etwas Gottesdienstliches an sich und werden doch kraftvoll unterstützt von E-Gitarre, Bass und Schlagzeug. Ganz sauber ist der Sound nicht, aber man kann das meiste gut verstehen und die Menge singt vieles ohnehin selbst mit. Suicidal Tendencies folgen auf Stage 2 – und enttäuschen ein wenig, denn es fehlt an … naja, irgendwie an allem. Als sich die Hardcoreband in der kalifornischen Skaterszene in den 1980er Jahren formierte, war die Musik noch anders, die Klänge lauter, schroffer, der Gesang mit Leidenschaft ins Publikum gerotzt. Ganz greifbar ist es nicht, was sie machen und es zieht auch nicht mehr so. Die Power ist weg, oder besser ausgedrückt, die Feinheiten fehlen. Vielleicht gar nicht schlecht, dass danach eine Frauenschwarmband das RAV rockt. Apocalyptica faszinieren durch den Einsatz von Cellos, die man sonst eher mit Brahms und Co in Verbindung bringt. Langhaarige Beaus hämmern mit ihren Bögen auf die Saiten, der Sänger fällt ein bisschen aus dem optischen Rahmen, aber es hat sich eine ganz passable Fangemeinde angesammelt, die freudig mit den Armen schwingt. Trotzdem fehlt es mir auch hier an Mitreißpotential. Waren sie früher anders, haben sie etwas geändert? Sie sind nicht schlecht, aber auch nicht der Burner, den ich bei meinem ersten Liveerlebnis der Gruppe erwartet hatte.

In Extremo 01
InExtremo auf dem Rockavaria. Foto: MaSch

Vielfach sieht man InEx-Shirts herumlaufen und es versammeln sich lange vor Konzertbeginn zahlreiche Menschen vor der Stage 2, auf der später In Extremo rocken werden. Das Bühnenbild präsentiert ein Schiff, das auf das in einem knappen Monat erscheinende Album „Quid pro quo“ hinweisen soll. Aber InEx haben schließlich viele alte Songs im Gepäck, denn sie wissen, was man hören möchte. So werden leidenschaftlich die Textzeilen „Es regnet Blut“ oder „Komm, schließ die Augen“ mitgegrölt. Feuersäulen schießen immer wieder in den Himmel, mehr Leidenschaft gibt es bei diesem Auftritt aber nicht. Ein neuer Song, der zur Festivalhymne mutieren wird (es geht ums Saufen und eine viel zu hohe Promilleanzahl. Man benötigt den Refrain nur einmal und grölt danach lautstark und erfreut mit.), ist noch ein kleines Highlight – und ehrlich gesagt, er passt auf jedes Festival und ist ein guter Ohrwurm -, das war’s dann aber auch schon. Das letzte Einhorn ist anscheinend dramatisch vom Aussterben bedroht, zumindest schlittert er lustlos über die Bühne, leiert die Texte runter und lallt Melodien. Er erinnert an Campino, ohne dessen Freude an Auftritten. Hatte InEx früher stark mitgezogen, muss man sich bei diesem Auftritt selbst alles schön singen. Vor ein paar Jahren auf dem Summerbreeze war das noch anders und die Gruppe hatte in den Nachthimmel hinaus gesungen und mit den Fans gefeiert, voller Elan, Leidenschaft und Spaß. Das war wohl nix – aber es ist ein guter Vorgeschmack auf den Headliner des ersten Tages. Über Nightwish ist die Zeit irgendwann hinweggerollt. Floor Jansen allerdings entpuppt sich als kleines Goldstück, das stimmlich nicht Tarjas Volumen hat (ja, jeder wird mit ihr verglichen und das wird auch immer so bleiben),  dafür aber auch nicht so zerbrechlich und gekünstelt wirkt und viel besser zur Band passt als die Vorgängerinnen. Die Show ist durchschnittlich, nichts Überragendes und man sieht auf den großen Bildschirmen auch hauptsächlich die Sängerin, die den Singsang mit ausschweifenden Bewegungen zu unterstützen versucht. Für den ersten Tag sind zwar viele Leute da und jubeln Nightwish zu, aber es sind doch erheblich weniger als erwartet. Aber mal ehrlich, der erste Tag war vom Lineup her auch sehr mau – irgendwo muss man mit dem Sparen ja anfangen.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s