Rockavaria – Tag 2 – 28.05.2016


1981 begann die Erfolgsgeschichte von Sodom. Die Thrash-Metal-Formation um Basser Tom Angelripper stand nun nachmittags in München auf der Bühne. Sie begannen bei bedecktem Himmel, hielten den paar Regentropfen stand, die aus den Wolken fielen und schmetterten ihre Songs als Soundbrei in das Olympiastadion. Moment, Soundbrei? Ja, leider. Selbst in der Arena kam der Sound nicht ganz so rüber, wie es denn sein sollte, was doch ein bisschen enttäuschend war. Es fällt auf, dass mehr los ist als am Vortag, was wohl auch damit zusammenhängt, dass freitags tendenziell immer der schlechteste Tag für ein Festival ist. Viele Besucher müssen noch arbeiten an diesem Tag und reisen erst spät an. Möglicherweise hat aber auch das Lineup und vor allem der Headliner etwas damit zu tun. Wir sehen viele Besucher mit Bändchen für Tagestickets.

Garbage auf dem Rockavaria. Foto: MaSch
Garbage auf dem Rockavaria.
Foto: MaSch

Auf der ersten Stage geht es weiter mit Garbage, die in den 1990er Jahren ihre größten Erfolge feiern konnte. Irgendwie sind sie genau da auch stehen geblieben. Ohne meine Begleitung wäre ich nach dem zweiten Song gegangen. Die Band ist langweilig, nichtssagend und die Sängerin Shirley Manson wäre wohl gerne wie Miley Cyrus. Sie trägt eine Netzstrumpfhose und ein kurzes Kleidchen im Leopardenlook, das sie immer wieder nach oben zieht. Als später der Wind unter das Kleid fährt und ihren Slip im gleichen Muster enthüllt, flucht sie und tut peinlich berührt. Im Publikum kommen ihr auf jung gemachtes Gehabe, die Kleidung, die Gestik und ihr Gefluche auf die Sonne nicht ganz so gut an. Einige lachen über sie oder platzieren weniger charmante Kommentare. Ein paar Fans sind da, die die Musik toll finden, aber nach dem vierten Song kennt man das komplette und nicht gerade große Repetoire der Band. Es wird langweilig – und das bleibt es auch bis zum Schluss.

Weiter geht es mit Gotthard. Die Schweizer lassen es ganz ordentlich krachen und hauen eifrig in die Saiten. Allerdings ist der Sänger, Nic Maeder, ein bisschen fremd. Seit 2011 ist er dabei und ersetzt den verstorbenen Steve Lee. Man vermisst ein bisschen die Härte und das Dreckige in der Stimme. Maeder wirkt sanfter und auch der Rest der Gruppe hat nicht mehr ganz den Biss von früher, wie es scheint. Dafür ist der Sound besser.

Serum 114 auf dem Rockavaria. Foto: MaSch
Serum 114 auf dem Rockavaria.
Foto: MaSch

Eher aus Langeweile denn aus Interesse gehen wir zur aufgebauten Seebühne. Hier stehen Serum 114 auf den Brettern – vor zahlreichen Zuhörern. Diese stehen und sitzen vor der Bühne und scheinen ordentlich amüsiert. Schnell wird klar, warum. Die Formation versteht es, das Publikum für sich zu gewinnen. Mit deutschen, teilweise sehr provokanten

Serum 114 gehen baden auf dem Rockavaria. Foto: MaSch
Serum 114 gehen baden auf dem Rockavaria.
Foto: MaSch

Texten und schnellen Rhythmen, punkigen Sequenzen und spritzen Ansagen nehmen sie das Publikum für sich ein. Dabei scheut sich Sänger Esche nicht, sich mitten ins Publikum zu stellen, mitten in zwischen die Poger, um genau das mit ihnen zu tun. Er bringt es sogar fertig beim Stage-diven weiter zu singen. Sie sind fannah und unglaublich sympathisch. Es gipfelt darin, dass Basser Markus zwischen zwei Songs in den Olympiasee springt – was eigentlich verboten ist. Bisher aber ein definitives Highlight des gesamten Festivals.

Nur zögerlich führt der Weg zurück ins Stadion. Da läuft immer noch der Film, den keiner braucht. Irgendwer klaut im Himmel eine Gitarre, um sie in die Hölle zu bringen, oder umgekehrt. Egal. Wer spielt mit? Irgendwelche Musiker, aber wer? Und warum zeigt man Gutterdämmerung auf einem Festival? Die Verärgerung darüber war im Vorfeld sehr groß. Das Stadion entsprechend leer und nur langsam gefüllt, als man sich zum Hauptact aufmachte oder das Handy gezückt hatte. Wieder einmal muss man sich fragen, wer denn für Marketing und Informationsverbreitung verantwortlich ist. Ein blutiger Anfänger ohne Kenntnis jeglicher Musik? Warum steht im Vorfeld nicht deutlich, dass eine absolut fantastische und leider unbekannte Liveband auf der Bühne stehen wird? Dass Lemmy, Grace Jones, Volbeat, Nina Hagen und mehr mitspielen? Und warum, zur Hölle, steht nirgends, dass Narrator Henry Rollins vor Ort ist, live, in Farbe und bunt???? Das ist doch die beschissenste Ankündigung für etwas Großartiges, die es nur geben kann – mit Ausnahme davon, dass der Film auch immer wieder unterbrochen wird durch die Kamera im Stadion, die das Bühnengeschehen zeigt.

Lemmy in "Gutterdämmerung" bei der Premiere auf dem Rockavaria. Foto: MaSch
Lemmy in „Gutterdämmerung“ bei der Premiere auf dem Rockavaria.
Foto: MaSch

Es kann schließlich nicht jeder direkt vor der Bühne stehen und den Film im Hintergrund ansehen. So erleben wir nur das Ende, sind sehr enttäuscht vom mangelnden Informationsfluss des RAVs und absolut begeistert von der Liveband. Wenn Led Zeppelin mal wieder auf die Bühne möchten, ähm, fragt da mal nach. Zum Abschied sagt Rollins rührende Worte über den verstorbenen Lemmy. Als dessen Bild gezeigt wird, ertönt ohrenbetäubender Jubel. Lemmy ist eine Legende, die vor allem in diesem Jahr überall dabei ist, erwähnt und gezeigt wird. Zum Andecken wird noch einmal „Ace of spades“ gespielt, Lemmy schaut von den Leinwänden herunter, mir treibt es die Tränen in die Augen. RIP Lemmy!

Iggy Pop auf dem Rockavaria. Foto: MaSch
Iggy Pop auf dem Rockavaria.
Foto: MaSch

Dann wird es eng vor der ersten Stage, man drängelt und es wird immer später. Doch schließlich kommt der erste wirkliche Topact auf die Bühne. Iggy Pop! Manche möchten ihn noch einmal sehen, andere überhaupt mal, schließlich weiß man beim Wegsterben der Idole in diesem Jahr nicht, wie lange die alte Lederhaut noch lebt. Wir stehen in der 5. Reihe. Bei Iggy Pop! Ich bin fassungslos begeistert und gröle genauso wie das Publikum mit. Einen Hit nach dem anderen haut er raus – beginnend mit „No Fun“ , einem Kracher vom ersten Stooges

Immer in Bewegung: Iggy Pop auf dem Rockavaria. Foto: MaSch
Immer in Bewegung: Iggy Pop auf dem Rockavaria.
Foto: MaSch

Album von 1969 -, tanzt über die Bühne, macht seine bekannten Verrenkungen und spuckt gerne mal das geschluckte Wasser aus. Mehr Hits der Stooges kommen dran und die Menge tobt. Es ist erheblich mehr los als am Tag zuvor und der Altersdurchschnitt scheint gestiegen zu sein. Vom Godfather of Punk, der Punk gemacht hat, bevor es diesen Begriff überhaupt

Iggy Pop feiert und lässt sich feiern auf dem Rockavaria. Foto: MaSch
Iggy Pop feiert und lässt sich feiern auf dem Rockavaria.
Foto: MaSch

gegeben hat, können sich zahlreiche Bands der ersten beiden (und auch des dritten) Tage einige dicke Scheiben abschneiden – wenngleich ich selten so oft das Wort „Fuck“ bei einem Konzert gehört habe. Leider ist es viel zu schnell 23 Uhr und durch die anfängliche Verspätung vergeht die Zeit auch viel zu schnell. Iggy Pop wird das Mikro abgedreht, aber er steht trotzdem noch eine Weile auf der Bühne und lässt sich gebührend feiern. Dafür hat sich RAV-Karte definitiv gelohnt!

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