Omnia – Hirsch Nürnberg – 08.12.2016


Leiser, dafür deutlicher

Lächelnde Menschen, legerer, alternativer Kleidungsstil, lockere Atmosphäre, ein Omniakonzert liegt in der kalten Dezemberluft. Die Security im Nürnberger Hirsch lässt sich davon zwar nicht einlullen und bleibt wachsam, wie es sich gehört, aber es ist davon auszugehen, dass auch sie einen stressfreien Abend vor sich hat.

Die Stimmung vor Konzertbeginn ist entspannt, hier und da ist freudige Erwartung zu spüren. Der Merchstand wird durchweg belagert, ohne dass es zu voll wird und der sonst bei Veranstaltungen dieser Art zu erwartende Alkoholkonsum hält sich in sehr engen Grenzen. Viele der Angereisten wissen offensichtlich schon, was sie erwartet, und es gibt natürlich die Hardcorefans, die schon direkt nach Einlass die ersten Reihen vor der Bühne für sich beanspruchen. Auch hier in gesitteter Manier und fast durchweg guter, gelassener Laune. Der hintere Teil der Halle bietet noch viel Platz für die vereinzelten Nachzügler und es wird nicht ganz voll werden.

Niemanden scheint es ernsthaft zu stören, dass die Band das akademische Viertel verstreichen lässt. Das Licht im Saal wird gelöscht, von der Stage strahlen ein paar Scheinwerfer, in der Menge löst sich die Vorfreude in Schreien und Applaus.

Nach und nach betreten die fünf Musiker unter dem Jubel der Zuschauer die Bühne. Die ersten Töne stammen von Daphyds Slideridoo (ein Didgeridoo mit flexibler Länge) und Schlagzeuger Rob. Schamane und Frontmann Steve Sic erbittet den Segen der Natur, wobei er sich diesmal nicht so viel Zeit dafür nimmt wie bei früheren Konzerten. Dann greift er zur Flöte und es entwickelt sich ein rasanter, instrumentaler Opener, der das Publikum mitreißt.

Ein paar Worte leiten den ersten Song ein, der nachdenklich stimmen sollte. „I don’t speak human“ gibt den Tieren eine Stimme, weil so viele Menschen sie nicht verstehen wollen und deshalb so schlecht behandeln. Das Schlagwerk ist nachdrücklich und wie immer sind weitere Instrumente beteiligt, aber der Schwerpunkt liegt auf den Stimmen von Steve und Jenny.

Es folgt die mit einem Grinsen verbundene Aufforderung von Steve an Daphyd, er solle reden, da sein Deutsch besser sei, obwohl er durchaus ebenfalls in der Lage wäre, sich passend zu äußern, wie er schon früher gezeigt hat.

Wir erfahren, dass Daphyd den Satz: „Alles kaputt machen!“ recht frühzeitig gelernt hat, anschließend aber sofort ermahnt, das sollte man nicht machen. Dann sagt er, dass Omnia wiederholt und gerne wegen des geneigten Publikums im Hirsch auftritt. Ein Umstand, der zuvor vermutet werden konnte und von der Reaktion der Anwesenden untermauert wird.

Mit „Alive!“ folgt ein dahinplätscherndes, als Tanz für Vana, die Göttin des Frühlings, gedachtes Stück. Satria macht mit seiner Gitarre den Anfang, dann preisen auch Schlagzeug, Slideridoo und Klavier (also Keyboard) die Natur. Das Publikum lauscht verzückt und nur Wenige im hinteren Teil der Halle haben genug Platz und Lust darauf, sich im Takt zu bewegen.

Vor dem nächsten, als Dancesong, angekündigten Song lässt ein ungewöhnliches Brummen die Musiker aufhorchen. Steve vermutet einen Bären in der Gitarre, aber anscheinend kam der Ton von Daphyd, der ein weiteres Mal zeigen konnte, wie ungewöhnlich das sein kann, was aus seinem Hauptinstrument kommen kann. Oder es war Zufall beziehungsweise eine Störung, die für diese kurze, amüsante Verwirrung gesorgt hatte.

Ebenso war die Ansage bezüglich des Tanzlieds etwas irreführend, denn es handelt sich um „Alan Lee Tango“ von der aktuellen CD Prayer und nur zwei Damen versuchen sich tatsächlich ein paar Sekunden darin, eben diesen Tanz auf das nicht vorhandene Parkett zu bringen. Kunst oder Tango ist die Frage, die sich Alan stellen muss – der Tanz gewinnt.

Hier zeigen Omnia wieder, warum sie ihren Namen zu Recht gewählt haben. Aus dem Lateinischen stammend bedeutet es Alles und meint, dass sich die Band nicht an ein Genre oder einen Stil gebunden fühlt, sondern gerne und oft jegliche Art von echter Musik in ihren Kompositionen verarbeitet. Diese Experimentierfreude zeigt sich in sehr vielen Songs, besonders bei den oft auflockernden Akustikparts. Dafür packen sie dann gerne die verschiedensten Instrumente aus, im Fall des Tangos sogar Kastagnetten.

Der Titelsong der letzten Veröffentlichung soll folgen und schon die ersten Noten lassen die Fans vor Begeisterung schreien und klatschen. „Earth Warrior“, ein Aufruf, Mutter Erde zu verteidigen, der viele mit seinem Reggaeklang ansprach und weit mehr ins Ohr ging, wird von einem guten Teil mitgesungen und anderweitig genossen.

Fast ebenso groß die Resonanz bei dem melancholischen „Black House“, einer wenig einladenden Kneipe. Obwohl dieser Song bei weitem nicht so verspielt ist wie viele andere, ist er ansprechend und umschließt den Hörer mit seiner Eindringlichkeit.

Bei „Gods Love“ kommt die Replik einer 3000 Jahre alten, nicht leicht zu spielenden persischen Flöte zum Einsatz. Die orientalischen Klänge bilden einen starken Kontrast zu der dunklen Atmosphäre des „Black House“. Es ist nicht offensichtlich, woran es liegt, aber es wird, insbesondere im hinteren Teil, unruhig und viel gemurmelt bis Jenny zu singen beginnt. Schon ist das Publikum ruhig, einige klatschen oder singen sogar mit. Der Jubel am Ende ist nicht geringer als zuvor.

„Do you love nature?“, will Steve wissen. Die Antwort ist deutlich und laut. Mit der Feststellung, dass nicht alle die Natur lieben, wird auf die Situation im Standing Rock Reservat hingewiesen, wo die Bewohner gegen den Bau einer Ölpipeline protestieren, weil sie die Verunreinigung des Grundwassers durch Lecks, Unfälle und ähnlichem fürchten. Es folgt der „Green Man Blues“.

Passend geht es mit einer kurzen Predigt weiter. Unsere Welt wird von Konzernen beherrscht, die eigentlich alles besitzen, bis hin zu Politikern und Parlamenten, und noch mehr wollen. Die passende Einleitung für den Zitat: „Fuck the corporations song“, eigentlich, der „Freedom Song“. Jubel brandet auf. Musikalisch eingängig und eher einfach gehalten, gefällt hier die Dualität zwischen Jennys weicher Stimme und Steves abgehacktem Sprechgesang. Natürlich ist es der kritische Rundumschlag auf den es hier ankommt und er kommt bei den Leuten an, die heftig applaudieren, schreien, pfeifen und  sich über das liebevolle „Dankeschön“ von Steve freuen.

Rein instrumental geht es weiter, wobei Steve mit einer Doppelflöte beeindruckt. „Freya“. Allerdings mit ausgedehntem Intro, bei dem Daphyd zeigen kann, was in seinem Slideridoo steckt. Viel, bis hin zu einem täuschend echten Lachen.

Ebenfalls mit hohem Wiedererkennungswert bei der Hörerschaft und viel, teils irrem Gelächter auf der Bühne, „Toys In The Attica“. Eine klavierdominierte Ode an den Wahnsinn, die in Jubelgeschrei endet.

„Muchas gracias amigos“ von Steve sorgt für einen weiteren Lacher. Generell sind Sprachen bei Omnia immer ein Thema. Es finden sich über die Jahre hinweg neben Englisch Texte in Spanisch, Schwedisch, Lateinisch, Keltisch, Finnisch, Arabisch, Französisch, Deutsch, Hindi und sicher noch ein paar weiteren.

So wundert es nicht, dass Jenny fragt: „How is your French?“ Schon eher überraschend: „My French sucks.“ Die Zeilen von „Wolf An Dro“ waren für sie nicht einfach zu lernen, was aber natürlich nicht zu hören ist. Der Sound ist mittelalterlich, beschwingt das Publikum, nur das Didgeridoo wirkt diesem Eindruck etwas entgegen.

Ein Techniker gesellt sich zu den Musikern und kümmert sich um die Drehleier. Was defekt ist, wird nicht gesagt, nur, dass sie in keinem der noch geplanten Stücke benötigt wird. Der Mann wird mit Applaus verabschiedet.

Es folgt „Dichtwerk“, wie Steve betont. Das Gedicht „Augueries of Innocence“ von William Blake als Grundlage entstand ein ruhiges, sanftes, von der Harfe bestimmtes Lied, das durch seine Leichtigkeit auffällt.

Umso krasser der Wechsel zu Rob, der eben gar nichts zu tun hatte und nun ein Drumsolo hinlegt, das nur von mehrfachen und völlig gerechtfertigten Beifallsbekundungen des Auditoriums unterbrochen wird.

Ein fließender Übergang zum gesanglosen „Saltatio Vita“ und die Party geht weiter. Verspielt und abwechslungsreich werden Flöte, Schlagzeug, Handtrommel und Slideridoo nebeneinander und gegenüber gestellt.

Steve will wissen, ob er den letzten Song zum Besten geben soll und zuckt nach dem „Nein“ aus dem Publikum mit den Schultern, dann spielt er ihn halt nicht.

Natürlich geht es weiter und zwar mit „Eetrezomp-Ni Kelted“, dem Anfang, der die Bandgründer vor zwanzig Jahren zusammengebracht habe, wie Steve erzählt. Die Freude über diesen Klassiker ist unüberhörbar. Ein längeres Harfenintro, gefolgt vom Zusammenspiel der anderen Hauptinstrumente, dazu formelhafter, keltischer Gesang. Sehr viele Hände sind oben, sogar bis in die letzte Reihe, und weil es so schön ist, wird das Stück in die Läng gezogen, während Steve die Band vorstellt. Jeder wird bejubelt, wie es sich gehört, und im Anschluss werden die übrigen Personen, die für das Gelingen des Abends verantwortlich waren, ebenfalls mit viel Applaus gewürdigt.

Der Abgang von der Bühne währt nur kurz, denn der Lärm ist groß und die Zugaberufe sind mehr als deutlich. Nur eine Handvoll verlässt die Halle.

Sie verpassen eine Prämiere. Der Frontmann will wissen, ob sie ein nie zuvor live gespieltes Stück zum Besten geben sollen. Bisher wäre er immer zu nervös gewesen und es wäre ein Instrument nötig, welches sie noch nie auf der Bühne gezeigt hätten. Die Antwort ist klar und jetzt gibt es selbstverständlich kein Zurück mehr. Es habe mit Pferden zu tun und das Banjo in Satrias Händen lässt keinen Zweifel, „Mongol“ wird heute in Nürnberg uraufgeführt. Einige werden ungeduldig und die Anfeuerungsrufe lassen die Musiker vermuten, es wären wohl Mongolen im Haus. Schon kann man die Pferde über die Steppe stampfen hören, erst im Schritt, dann im Galopp! Die Maultrommel erweitert das Sounderlebnis ebenso wie der Kehlkopfgesang, der aber noch etwas geübt werden darf. Wieder zeigt sich, dass Omnia wirklich alles in ihre Klangwelt integrieren kann, so dass es nach ihnen und doch wieder anders klingt. Das Publikum tobt und die Frage, ob es gefallen hat, ist eigentlich unnötig. Jetzt sei es ihm schon fast peinlich, dass er sich so lange nicht getraut habe und die folgenden Zuschauer bei dieser Tour dürften sich nun auf dieses Erlebnis freuen.

„Old Man Tree“ ist eine träge von Klavier und Gitarre begleitete Hymne an den Paganismus. Ein gelungener Abschluss, dem sich Teile des Publikums wiegend hingeben und der ein wenig wie ein Rausschmeißer wirkt.

Aber weit gefehlt. Steve fragt, ob sie weitermachen oder davor doch noch kurz hinter die Kulissen gehen sollen. Vielleicht haben die Zuschauer ja auch besseres zu tun, wie z.B. ihr Handy zu checken, fern zu sehen oder World of Warcraft zu spielen. Diese Vermutungen sind allerdings schwer zu verstehen, denn es wird natürlich gefordert, dass sie weiterspielen.

Mit „Dance Until We Die“ kehren sie nun abermals ihre gesellschaftskritische Seite heraus. Der Rap richtet sich gegen die Ausbeutung und die oberen Zehntausend, oder besser gesagt, an die Ausgebeuteten, die vielleicht das eine oder andere überdenken sollten. Dabei kommt ein Megaphon zum Einsatz, dessen leicht sprachverzerrender Klang dem Ganzen einen besonders omniaunüblichen Touch gibt.

Als sie sich zum Gruppenfoto zusammenstellen, steigert sich der Zuspruch ein weiteres Mal, mehr Schreie, mehr Pfiffe, lauteres Klatschen – Abgang.

Es formuliert sich fast wie von selbst der Satz: langjährige Fans müssen stark sein, denn es fehlt etwas. Ein Lied, ein Erkennungsmerkmal, der Teil, bei dem so viele fünf Worte skandieren, die so gar nicht zu der Grundhaltung der Band passen wollen. Aber, sie kommen zurück als die „One more“-Rufe von den Wänden widerhallen. Nur Jenny muss gesondert gebeten werden, was dann natürlich passiert.
Dann erklingt der Song, der seit Jahren auf keinem Konzert fehlen durfte: „Morrigan“! Die keltische Herrin des Krieges mit ihrer gottgleichen Macht wandelt über das Schlachtfeld. Wie üblich lassen sich ihre Anhänger hören und fallen in die Rufe der gesamten Band mit ein: „Kill!“, „Maim!“, „Fight!“, „Slay!“, „Die!“. Nach Aufforderung durch Daphyd ging das sogar noch lauter und mit mehr Beteiligung.

Ein fast surrealer Moment, den hier ein Großteil der Menge miteinander teilt. Insbesondere bei einer Gruppe, die gerne von Liebe, Freiheit und anderen schönen Dingen singt, aber wer sagt, dass es immer gesittet zugehen muss, wenn man die Erde retten will? So ein bisschen Geschrei wirkt auf den Einen oder Anderen sicher befreiend.

Verbeugungen, kurzes Genießen der Stimmung und wirklich Ende.

Es gab schon fetzigere Auftritte von Omnia mit einem druckvolleren Setting, aber wie schon die neue CD vermuten ließ, ist es besinnlicher geworden. Das Publikum scheint damit zufrieden, öfter nur andächtig zu lauschen und danach in Jubel auszubrechen, anstatt wie früher immer wieder mit erhobenen Armen vor der Bühne auf und ab zu springen.

Das Tempo mag sich ändern, die Quellen der Inspiration sowieso, die Themen sind deutlicher, anprangernder geworden und das schadet in der heutigen Zeit vermutlich nicht.

Trotz all dem scheint Omnia weiterhin und für immer Omnia zu bleiben.

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