CD: Hardline – Human Nature


hardline-hn-cover-hiDie Geschichte dieser Band begann 1992 mit den Brüdern Johnny (Gesang) und Joey (Gitarre) Gioeli. Zuvor hatten sie bei anderen Gruppen gespielt, so lag es irgendwann nahe, eine eigene zu gründen. Schon das erste Album Double Eclipse war ein Erfolg und stieg auf Platz 17 der Billboard Heatseekers Charts. Danach allerdings entschwanden die Musiker in verschiedene Richtungen und es dauert zehn Jahre bis zur nächsten Veröffentlichung (genannt II), der ein Jahr darauf eine Liveaufnahme folgte (Live at the Gods Festival). Danach wieder ein Split, ebenso 2009 nach Leaving The End Open. 2012 erschien das vierte Studioalbum Danger Zone, 2016 das aktuelle, Human Nature, jeweils wieder mit Änderungen in der Formation. Nur Johnny blieb die einzige Konstante.

Die aktuelle Besetzung und wo sie zuvor waren:
Johnny Gioeli – Gesang (Axel Rudi Pell und Crush 40)
Alessandro Del Vecchio – Keyboards, Hintergrundgesang (Edge of Forever, Rated X, Resurrection Kings, Revolution Saints und Silent Force)
Josh Ramos – Gitarre (The Storm)
Anna Portalupi – Bass (Tarja)
Francesco Jovino – Schlagzeug (Primal Fear, Jorn)

Es ist nicht bekannt, weshalb es diese Wechsel bei den Akteuren gab, der Stil soll davon jedenfalls nicht betroffen sein. Tatsächlich klingt es nicht so viel anders, aber die Einordnung hat sich in den Jahren tatsächlich geändert. Zu Beginn war es Hardrock, teilweise wurde die Musik sogar als Heavy Metal bezeichnet, und heute findet sie sich bei einschlägigen Onlinehändlern sogar unter Pop. Interessant auch die Kategorisierung als Adult Orientated Rock (nicht ganz gleichzusetzen mit, aber nahe dran, Album Orientated Rock; beide kürzen sich AOR ab). Damit sollen Erwachsene angesprochen werden, die Wert auf Melodie, gute Kompositionen und verständlichen Gesang legen. Anders ausgedrückt, es soll näher am Mainstream sein, um sich besser zu verkaufen.
Laut den Songschreibern Gioeli und Del Vecchio war das Ziel, die härteste Scheibe der Bandgeschichte, ein Monsteralbum, ein perfekter Stilmix. „Very heavy and in your face, but still with hitting melodies”, meinte Johnny wörtlich. Alessandro ergänzt, die Ballade „Take You Home“ sei etwas Besonderes und repräsentiere das Band der Musik, welches zwischen ihm, Johnny und dem Rest der Gruppe bestehe.
Die Erwartungen werden so ganz schön hochgeschraubt. Wird Zeit, in die Songs rein zu hören. Zuvor aber der Blick auf die Hülle.
Die bisherigen Cover haben, mit einer Ausnahme, surrealistische Züge. Human Nature bildet keine weitere Ausnahme, im Gegenteil. Hier sind die Farben kräftiger, in denen die Welt untergeht. Das Bild zeigt die Erdkugel, natürlich Amerika, darüber ein transparentes Yin-Yang Zeichen, umrahmt von bläulichen Blitzen auf der linken und rot/gelben Flammenstößen auf der rechten Seite. Ist etwa Gesellschaftskritik zu erwarten oder ein Ruf nach mehr Umweltschutz? Wir werden hören.

Wenige Keyboardtöne (typisch für AOR), E-Gitarrenriffs, das Schlagzeug setzt ein. Die beschworene Härte zeigt sich nur zaghaft. Entschädigend wirkt da der Gesang von Johnny Gioeli, der wie immer beeindruckt. Die erste Zeile des Texts „Here we stand, united we go“, scheint eine Einigkeit zu beschwören, die die Band bisher nicht kannte. Darum ist die Frage „Where Will We Go From Here“ als Opener durchaus verständlich.
Es schließt ein, von Gitarrist Josh Ramos kurz eingeleitetes, sagen wir, Liebeslied an. Zumindest lässt das die erste Zeile von „Nobody´s Fool“, „Come on baby, let me touch ya“, vermuten. Daraus wird eine Beschreibung von Nähe und Distanz, welche aber leider recht oberflächlich bleibt. Der Sound ist ansprechend und wird zwischendurch intensiver, ohne aber den Bereich Hardrock zu verlassen.
Der Titelsong „Human Nature“ wird mit Klavierklängen eingeleitet und schafft so eine melancholische Grundstimmung, die gut zu dem Text passt. Johnny zeigt sehr viel Gefühl und die Musik hat schon fast Balladencharakter. Die Erde selbst wird angesprochen und gefragt, ob sie weiterhin unsere Mutter sein will. Kein Protestsong, keine Anklage, eher ein Aufruf, sich die Situation zu vergegenwärtigen. Schon oft gehört und von zu wenigen wirklich vernommen, kann es nicht schaden, diese Botschaft zu wiederholen, insbesondere dann nicht, wenn sie so gut verpackt ist, wie hier. Der Refrain endet mit „What have we done? It’s human nature“ und ist sicher nicht entschuldigend gemeint.
Mit einem Anklang von Blues, der sich durch das gesamte Stück hindurchzieht, geht es weiter. Mitnicken ergibt sich fast automatisch. „Trapped In Muddy Water“ ist ein Vergleich, bei dem über den Unwillen, sich der Liebe hinzugeben, sinniert und ein negatives Fazit gezogen wird.
Es wird druckvoller und volltönender. Nach wenigen leicht irritierenden Tönen startet ein harter Beat, der durchgehalten wird und den Anfang des Titels „Running On Empty“ deutlich unterstreicht. Das Keyboard im Hintergrund ist selten und kaum zu hören, bis es eine kurze, auflockernde Passage erhält. Der Gitarrenpart am Ende rundet ein gelungenes Werk ab, in dem Johnny versichert, dass er niemals aufgibt und gewillt ist, den Hörer zu unterstützen, selbiges zu unterlassen.
Weiter geht das Feuerwerk des Hardrocks und umso mehr überrascht das Thema von „The World Is Falling Down“. Es ist kein grüner Song, sondern eine Anklage an Gott, die allerdings auch die kritische Anmerkung „We fight against God’s will, trembling like the leaves“ enthält. Nach „Human Nature“ verwundert dieser Versuch, die Verantwortung abzuschieben. Gegen Ende wird es zwar etwas ruhiger, aber ansonsten Aktion mit allem, was Krach macht.
Eine Ballade gibt es natürlich und diese ist „Take You Home“. Ja, ein Song über Liebe, Verlust und Wiederfinden. Es reichen Johnny und Ale(ssandro), also Keyboard auf Klavier eingestellt und eine Stimme, schmachtend mit einigem Nachdruck.
Die Geschwindigkeit steigt auf ein moderates Level, punktuell unterstützt von hellen Keyboard- und Gitarrennoten bleibt der Gesamteindruck eher verhalten. Kein Wunder, denn mit „Where The North Wind Blows“ wird es philosophisch, sowohl auf persönlicher, als auch gesellschaftlicher Ebene. Die üblichen Fragen werden aufgeworfen, Kritik geübt und eigentlich keine brauchbaren Antworten gegeben. Nach vorne und nicht zurückblicken, doch wird eine Zeile mehrfach wiederholt: „Crying all alone“.
Der ruhigere Song „In The Dead Of The Night“ bringt musikalisch keine große Veränderung mit sich, auch wenn der Instrumentalpart deutlicher aufhorchen lässt als bei den anderen Stücken. Thematisch schließt er an den letzten an. Der Weg durchs Leben, den jeder Einzelne im Grunde selbst wählen muss, wird grob thematisiert. Zwar wird es nicht ausgesprochen und auch nicht auf irgendeine Weise empfohlen, aber Zeilen wie „The sign of the cross / The freedom of the son“ weisen eindeutig in eine gewisse religiöse Ecke.
Ein Wir-gegen-den-Rest-der-Welt-Song, bei dem sich der Hörer durchaus angesprochen fühlen darf. „United We Stand“ ist nicht aufdringlich und nicht besonders rasant, dafür fast als Hymne zu hören, vielleicht mit erhobenem Feuerzeug.
Einen würdigen Abschluss setzt „Fighting The Battle“. Das Intro springt von sanft zu hart, danach weitere Wechsel. Der Kampf gegen die Widrigkeiten des Lebens, nachdem wir eh schon zusammenstehen, passt das ja ganz gut. Schön für jeden, der sich davon ermutigen lässt. „No matter where you are, I will be there“, zumindest akustisch in der heutigen Zeit kein Problem mehr.

Die Zusammenarbeit von Johnny und Ale ist musikalisch und textlich bemerkenswert. Die CD wirkt wie aus einem Guss, hat keine handwerklichen Schwächen und erfreut sicher das Herz eines jeden Melodienliebhabers. Leider war von „very heavy“ nicht so viel zu merken und es stellt sich schon die Frage, warum das trotzdem so auf der Homepage nachzulesen ist.


4 von 5

Anspieltipp: Running On Empty


Hardline – Human Nature
Label: Frontiers Music s.r.l
CD: 14,49 €
Amazon

Trackliste:

01. Where Will We Go From Here
02. Nobody’s Fool
03. Human Nature
04. Trapped In Muddy Waters
05. Running On Empty
06. The World Is Falling Down
07. Take You Home
08. Where The North Wind Blows
09. In The Dead Of The Night
10. United We Stand
11. Fighting The Battle

 

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